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1870

Gilt als großes Bordeaux-Jahr mit kräftigen, sich sehr langsam entwickelnden Weinen. Wer das Glück hat, einen dieser Weine in authentischer Form aus zweifelsfreier Lagerung zu finden, sollte mit dem Erwerb nicht zögern. Legendär sind die Lafite Magnums aus dem schottischen Glamis Castle.

Leider wird mit alten Lafites wie auch mit anderen Weingrößen aus berühmten Jahren viel Schindluder getrieben. Ich bekam 1997 auf einer Probe eine angebliche 1870er Lafite Rothschild Magnum vorgesetzt, die vom Glas her eindeutig nicht aus dem 19. Jahrhundert stammte, sondern viel jünger war. Der Inhalt war vom "Produzenten" mit Bedacht gewählt und absolut großartig, eben nur kein 1870er Lafite. 10 Jahre später an gleicher Stelle dann eine weitere Magnum. Diesmal war das Glas deutlich authentischer, der Inhalt ein Scherz. Uwe Bende hatte 2015 eine Flasche ergattert, die von Christies als „believed to be 1870 Latour“ markiert war, weil sie aus einem seriösen Keller stammte und alles dafür sprach, bis auf das fehlende Etikett. Hier zeigte sich jetzt, wie war der Spruch „the proof is in the bottle“ ist. Der wein hatte immer noch eine erstaunlich gute Farbe, nur die Nase war zu Anfang etwas schwierig und wirkte leicht fischig. Aber das gab sich, der Wein legte enorm im Glas zu, auch in der Nase, da war noch viel Substanz, Kraft und Länge, immer mehr kam dazu in der Nase diese typische Latour Walnussaromatik. Ein faszinierender, unsterblicher Wein, bei dem man nicht glauben musste, trinken reichte. Das war er wohl, der 1870 Latour – WT99.

Unkaputtbar wirkte 2013 ein Leoville Poyferré. Was für eine irre Farbe, was für ein gewaltiger, aromatischer Druck am Gaumen, dazu diese wunderschöne Süße, dieser ewige Abgang, einfach ein riesengroßer, kompletter, sprachlos machender Wein – 100/100.

Ein Cantenac Brown hatte 2012 zwar Korkbrand und sehenswertes, altes, braunes Glas, aber kein Etikett, an dem man sich ergötzen konnte. Sehr hell war die Farbe, in der Nase überlagerter Yoghurt, am Gaumen Bitternote, aber erstaunlicherweise auch viel Erdbeere. Er trank sich weitgehend spaßfrei, aber auch schmerzfrei, was nicht bei sehr vielen derart alten Weinen gegeben ist – 80/100.

Sehr gut war der Jahrgang auch im Burgund. Im November 2004 hatte ich eine undefinierbare Händlerabfüllung vor mir, zweifelsfrei nur noch als 1870er zu identifizieren, mehr nicht. Der Inhalt war sehr reifer Pinot mit kräftiger Säure und feiner Süße, für das Alter sensationelle Struktur.

Aus Deutschland war 2012 ein Niersteiner von einem unbekannten Winzer bzw. Abfüller nicht nur ein faszinierendes Zeitdokument, sondern auch ein immer noch sehr gut trinkbarer Wein, der, getragen von guter Säure, eine erstaunliche Süße und Fülle zeigte mit einem feinen Bitterton im Abgang. 93/100 für den reinen Genusswert, für das Erlebnis eine Ecke mehr.

1870 begann man in der Champagne übrigens mit Jahrgangschampagnern. Die dürften heute allerdings nur noch musealen Charakter haben.

Die Suche lohnt sicher noch bei Portweinen. Hier galt der Jahrgang als einer der besten des 19. Jahrhunderts.