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1878

Gilt als letztes gutes Bordeaux-Jahr, bevor die Reblaus mit Macht über die französischen Weinberge herfiel. Gut gelagert sind diese Weine immer noch ein Erlebnis.

Bereits 2mal durfte ich 1993 den 1878er Branaire Ducru trinken, einen zeitlos schönen, perfekt gereiften Bordeaux, der aufzeigte, wie groß die Vor-Phylloxera-Weine sein konnten und welches Reifepotential sie besaßen.

Im September 1998 habe ich dann auf einer eigenen Raritätenprobe einen Chateau Lagrange aus St. Julien und den Branaire Ducru geöffnet, beides traumhafte Weinerlebnisse, denen eigentlich keine Punkteskala gerecht werden kann.

Nicht in dieser Liga, aber recht interessant im November 2004 ein Beychevelle. Die fantastische Nase war rauchig mit Cigarbox und deutete blind eher auf La Mission oder Haut Brion hin. Am Gaumen deutliche Säure, Herbe, das treffende englische Wort dafür ist austere. Ein Vor-Reblauswein zwar, der aber etwas grün wirkte, wie von jungen Reben – 86/100, die Nase alleine war 95/100 wert. Deutlich besser im Herbst 2005 die Zwillingsflasche, in bestechender Form. Klar, da war die alte reife Farbe und auch die Aromatik eines in Ehren gereiften Weines, Kaffeetöne, Mokka. Was diese Legenden aus wurzelechten Reben aus der Vorreblauszeit aber auszeichnet, ist diese unendliche, spielerische, traumhafte Eleganz. Alter Wein, wie er besser kaum sein kann. Als ob Wilhelm Haags Urgroßvater früher im Bordelais gewirkt hätte – 100/100.

Im Herbst 2006 auf der großen Cos-Probe ein Cos d´Estournel aus einer rekonditionierten Flasche. Recht helle Farbe, aber immer noch mit gewisser Brillianz, Erdbeere ohne Ende mit kräftiger, darunter liegender Säure und feiner Süße. Zeigt etwas von der zeitlos-schwerelosen Eleganz der Vor-Reblaus-Weine. Ein faszinierendes Zeitdokument, das sich eigentlich jeder Bewertung entzieht. Von der rein persönlichen Genusswertung her würde ich da 90/100 geben.

2008 ein Léoville Poyferré sehr fein, unendlich elegant mit dezenter Erdbeernase. Trotz leichtem Kork einfach ein unsterbliches Weinerlebnis, dem man mit Punkten nur schwer gerecht werden kann.

Zuletzt war 2011 auf René Gabriels großer Lafite-Probe ein Lafite Rothschild aus einer low shoulder Risikoflasche einer unbekannten Händlerabfüllung mit dunklem Braun alt, reif und deutlich über den Zenit, aber noch lange nicht gebrechlich. Der Gaumen mit feiner, malziger Süße deutlich besser als die mit der Zeit etwas seifig werdende Nase, weich, wenig Säure, elegant und immer noch erstaunlich trinkbar. Punkte können solch einem zeitgeschichtlichen Monument, dem man mit Ehrfurcht begegnet, eigentlich nicht gerecht werden. Trotzdem, vom reinen Genuss her waren es 80/100.

Bei Portweinen galt der Jahrgang als einer der besten des 19. Jahrhunderts.