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1900

Ein echter Jahrhundertjahrgang, was nicht nur an der mystischen Zahl lag.

In Bordeaux stimmte einfach alles. Perfektes Wetter von der Blüte bis zur Weinlese. Eine große Ernte vollreifer Trauben. Große Weine mit sehr gutem Alterungspotential.

Eine Mouton Rothschild Magnum 1994 auf Willi Krählings großer Mouton-Probe war ebenfalls ein echtes Weinmonument und der beste Wein der Probe, dunkle, kräftige Farbe fast ohne Braunränder, besaß die Minze, die dem 45er fehlte, sehr lang am Gaumen - ganz großer Wein, der die 100/100 voll verdient. 2007 eine spannende, authentische 1tel. Erstaunlich, wie vital dieser Wein noch war. Helle, aber klare Farbe, immer noch viel feine, rotbeerige Frucht, Erdbeernoten, frische Bisquitrolle, Früchtebrot, immer noch gute Säure und wunderbare Süße, wurde immer kräuteriger, minziger und baute sogar noch im Glas aus. Einer solchen, lebendigen Weinlegende mit Punkten gerecht zu werden, ist verdammt schwer. Vom reinen Genuss her waren da sicher immer noch deutlich über 90/100 im Glas, vom Erlebnis her reichen 100/100 kaum aus. Die mit einer Wachskapsel versehene Flasche 2015 auf dem Rheingau Gourmet Festival wirkte sowohl äußerlich mit dem unleserlichen Etikett als auch in der Flasche ziemlich morbide. Trüb die reife Farbe, insgesamt sehr reif mit lakritziger Süße, aber noch erstaunlich gut trinkbar – WT90.

Sehr gut gefallen hat mir 1993 ein Branaire Ducru aus der Doppelmagnum. Leoville las Cases hatte im November 2004 eine dichte Farbe, feine Frucht mit schöner Fruchtsüße, wirkte durch die hohe Säure frisch und deutlich jünger – 95/100. Die über 100 Jahre merkte man 2007 auch einem Léoville Poyferré nicht an Nicht nur in der Farbe wirkte er jünger. Sehr schöne Nase, etwas Kaffee, am Gaumen massive Säure, etwas stahlige Frucht und insgesamt eher eckig und rustikal wirkend – 90/100. Die massive Säure hatte dieses Relikt vergangener Zeiten am Leben gehalten und wird dies auch noch eine ganze Weile tun.

Ein Brown-Cantenac, 1976 bei Withwams neu verkorkt, wurde im Sommer 2005 am Tisch sehr gelobt. Mir hatte er neben einer kräftigen Säure eine etwas aufgesetzte Süße. Ich kam mit dem Wein nicht klar. Wenn überhaupt neu verkorkt, dann ziehe ich unbedingt Chateau-Versionen vor. Da kann man wenigstens einigermaßen sicher sein, womit da aufgefüllt wurde – 87/100. Der sicherlich größte 1900er und eines der größten Weinmonumente aller Zeiten ist Margaux. Dreimal durfte ich diese Weinlegende bisher verkosten. 1993 auf unserer Jahrhundertprobe, 1994 auf der großen Probe im Landhaus Bacher in der Wachau und 2000 auf meiner eigenen Raritätenprobe. Jedes mal hat mich dieser Wein mit seiner tollen Aromatik sprachlos gemacht. Zuletzt 2000 habe ich notiert: die Quintessenz von Rotwein, die Aromen schießen aus dem Glas, Röstaromen!, unglaublicher, perfekt gereifter, zeitloser Wein, der Zeichen setzt 110/100!!! Sehr beeindruckt hat mich damals, wie ein guter Weinfreund, selbst Winzer von Weltruf, den Margaux mit Tränen in den Augen verkostete. Mit welcher Demut sich ein solcher Spitzenwinzer diesem Weinmonument näherte, das machte nachdenklich. Ein großer, unsterblicher Wein war 2013 ein auch Rausan-Ségla, intakte, dichte Farbe, süße, leicht überlagert wirkende Frucht, immer noch Kraft und Länge – 95/100.

Haut Bailly hatte 2013 aus einer Hochrisikoflasche(vidange) immer noch eine dichte Farbe, war noch so kräftig mit guter Säurestruktur, einfach wunderbar die Nase mit viel Tabak, Minze und Kräutern, auch der Gaumen überzeugte und deutete eher auf einen 50 Jahre jüngeren Wein hin. Nicht auszudenken, wie so etwas noch in guten Flaschen schmeckt. Der Weinbuchhalter in mir gab 93/100, der Weinliebhaber kam aus dem Schwärmen nicht mehr raus.

Wichtiger als große Namen sind aber auch in 1900 perfekt gelagerte Flaschen. Eine in Frankreich aus einer Kellerauflösung erworbene very top shoulder Flasche Trimoulet hatte 2001 eine für das Alter gute, hellere Farbe, aber mit einer traumhaften Aromatik, riesengroß - 96/100.

Gazin war 2006 ein perfekt gereifter, alter Bordeaux mit der Stilistik eines großen Weines vom linken Ufer, faszinierend, aber fragil, wurde recht schnell medizinal und tauchte ab, kam mit gut 92/100 ins Glas, aber mit dem Trinken musste man sich beeilen.

Viele der namhaften 1900er Bordeaux wurden wahrscheinlich auf überteuerten Galas zur Jahrtausendwende ausgetrunken. Wenn hier und da noch Flaschen auftauchen, sollte wieder höchstes Augenmerk der Herkunft gelten. Selbst eine Weinlegende wie Margaux macht beim 30. Besitzer keinen Spaß mehr.

Auch in Sauternes wurden große, reiche Weine mit sehr guter Haltbarkeit erzeugt. Nicht nur Yquem taucht immer noch auf Auktionen auf.

Längst nicht so gut war das Weinjahr in Burgund mit Weinen, die sich größtenteils schon verabschiedet haben dürften.

Umso erstaunter war ich im Sommer 2005 über eine namenlose Händlerabfüllung Beaune in fantastischem Zustand, Schoko, Kaffee, unglaubliche Dichte, tolle Süße, ganz großer Wein mit irrer Länge – 100/100. Die Zwillingsflasche, ein paar Monate später getrunken, hatte eine sehr reife Farbe, die Nase war weniger schön und zeigte eine deutliche Schärfe, dafür am Gaumen Kraft ohne Ende und eine irre Länge – 94/100. Mit tiefer, dunkelbrauner, aber durchaus noch gesunder und sogar klarer, brillianter Farbe floss 2011 ein Chambolle Musigny Bonnes Mares von Jaboulet-Vercherre aus der Magnum in unsere Gläser. In der Nase waren da erst leicht oxidative Sherrynoten eines Amontillado, aber auch dunkles Malz und eine generöse Süße. Erstaunlich kräftig war dieser Senior noch und verdammt gut zu trinken, stand wie eine Eins im Glas und baute nicht ab. Mit der Zeit wurde er etwas portiger, dazu kam eine durchaus angenehme, lakritzige Bitternote, die auf eine weit verbreitete Methode der damaligen Zeit hindeutete. Hier war sicherlich hochwertiger Hermitage mit verschnitten worden. Geschadet hat es dem Bonnes Mares nicht. Gut und gerne 94/100 hatten wir da im Glas, der Erlebniswert einer solchen Flasche lässt sich in Punkten kaum ausdrücken.

Glück haben könnte man immer noch mit alten Vouvrays von der Loire. Die hatten eine ähnlich hohe Qualität wie die Sauternes.

Gute Weine muss es 1900 auch in Deutschland gegeben haben.

Wir tranken 2006 eine Niersteiner Fläschenhahl Trockenbeerenauslese vom Weingut Hermannshof, ein cognacfarbener Wein mit einer faszinierenden Crêpe Suzette Nase, Orange, Zitrusaromen, Grand Marnier, dann kommt mit der Zeit vermehrt Rosenduft und Traminer-Affinität, am Gaumen ist dieser zweifelsohne alles andere als junge Wein mit weitgehend aufgezehrter Süße eher halbtrocken, zeigt aber immer noch eine erstaunliche Frische und Leichtigkeit - 96/100.

Tiefbraun, aber durchaus noch mit Brillianz 2012 die Farbe eines Wachenheimer Lug ins Land von Bürklin-Wolf, süß, karamellig, verschwenderisch die Nase, cremig die Textur am süßen Gaumen, der durch eine erstaunlich markante Säure perfekt balanciert wurde. Fülle, Kraft, Süße, unglaubliche Länge, dieses sehr komplexe Denkmal stand wie eine Eins im Glas und baute nicht ab, nein der Wachenheimer legte mit Luft immer mehr zu. Von der Qualität her war das eine absolut perfekte, sehr hochkarätige Trockenbeerenauslese. Ein emotional tief bewegender Moment. Ein 100/100 Wein ohne wenn und Aber. Ein einmaliges Erlebnis, das lange haften bleiben wird.

Großes Portweinjahr. Tauchen immer wieder auf Auktionen auf und sind - wenn es nicht die ganz großen Namen sein müssen - auch noch bezahlbar.

1996 habe ich bei Drawert einen reifen, attraktiven Burmester Reserva Rio Torte Late Bottled Vintage getrunken und spontan gekauft. Absolut outstanding 2010 ein Vino Velho do Porto Reserva Particular von Wiese & Krohn, wunderbare, süße, weiche, nicht spritige Nase, die Farbe immer noch intakt mit hellrotem Kern, am Gaumen weich, generös mit herrlicher Süße und Bergen von Marzipan, ein Top-Dessert für sich und ein Port vom Allerfeinsten – 98/100.

Wer sonst nichts findet, sollte halt zu einem Jahrgangs-Armanac oder einem Madeira greifen. Die leben wohl noch ewig. Ein Madeira, 1997 beim Rheingau-Gourmetfestival auf einer Paulson-Probe getrunken, hatte eine dermaßen irrsinnige Säure, dass ich mir notierte: wird in dieser Form, die man lieben muss, noch 200 Jahre leben, davon 50 offen im Glas, nicht unbedingt mein Ding.