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1915

Bordeaux aus 1915 kann man getrost vergessen. Nach einem viel zu nassen Sommer, in dem es erst im August einigermaßen warm wurde, fiel die Ernte qualitativ entsprechend schlecht aus. Latour und Mouton z.B. deklassierten ihre Weine.

Dagegen war 1915 ein ganz großes Burgunderjahr. Perfektes Traubenmaterial, in harter Arbeit von den Frauen eingebracht – die Männer waren ja im Krieg – ergab traumhaft schöne Weine mit exzellenter Struktur und sehr gutem Standvermögen. Namhafte Burgunder aus guter Lagerung sind auch heute noch nahe an der Perfektion. Wo immer ich 15er Burgunder in gutem Zustand finde, schlage ich zu.

Der Corton aus der Collection du Docteur Barolet von Henri de Villamont war 2013 ein schlichtweg atemberaubender Jahrhundertwein, bei dem einfach alles stimmte. Mit reichlich Süße, Fülle, Kraft und Schmelz wirkte der einfach unglaublich erotisch und sinnlich. Vom Alter her wirkte er eher wie ein riesengroßer 59er – 100/100.

2007 hatte ich einen Hospice de Beaune Cuvée Dames de la Charité von Charles Bernard. Was für ein Wein! Für einen Burgunder unglaublich dichte Farbe, aber nicht unüblich bei älteren Weinen. Kaffee und Mokka ohne Ende, Fülle, sogar eine gewisse Opulenz, aber nicht aufdringlich, sondern sehr fein mit samtiger, druckvoller Eleganz. Die feine Süße eines top-gereiften Weines, sehr lang am Gaumen, reif und frisch zugleich. Ein großer kompletter Wein, konservative(!) 99/100. Der Chambertin Vieux Ceps von Bourdillat in der Abfüllung für das Vieux Restaurant Weber in Paris hatte 2012 eine helle, aber sehr klare Farbe, wirkte sehr fein und elegant, aber auch enorm druckvoll am Gaumen mit schöner Extraktsüße. Einfach zeitlos wirkte dieser Wein, dessen immer noch großartige Struktur und gute Säure noch ein längeres Leben garantieren - 97/100. Der Chambolle Musigny ohne Etikett mit Auktionslabel in einer alten, bauchigen war 2015 ein zwar reifer, weicher, aber auch sehr würziger, komplexer Burgunder mit sehr guter Länge – WT96.

Ein Clos des Fêves von Chanson war 2005 Wein und Burgund in absoluter Perfektion, feinduftig, elegant und so irre nachhaltig und lang. In Worte lässt sich so ein Monument kaum fassen, aber in eine nackte Zahl – 100/100.

Fantastisch war 1998 in Brüssel ein Corton Clos des Cortons von Faiveley in einer belgischen Abfüllung, mit überreifer, eingekochter Frucht, unglaublich junger Farbe und toller Länge am Gaumen – 97/100. Schlichtweg atemberaubend der Chambertin von Maire & Fils, der 2015 heiß wirkte mit sehr reifer Frucht und Kaffeenoten, ein faszinierendes Kraftpaket, das den Gaumen voll auskleidet mit unglaublicher Länge, dabei sehr finessig, Burgund geht nicht besser – 100/100. Trübe und bräunlich leider 2008 die Farbe eines Corton von F. Jouan Marciller. Etwas muffig und staubig wirkte die Nase, generöser und süßer der Gaumen. Doch dieser Weingreis, der sicher mal groß war, hatte seine besten Tage wohl vor recht langer Zeit gesehen – 84/100. Ein unsterblicher, hundertjähriger Wein war 2015 der La Romanée von Morin mit so brillianter Farbe, mit herrlicher Frucht und die Süße einfach in einer anderen Dimension. Nicht nur ein hundertjähriger Wein auch ein Jahrhundertwein. Nein, die WT100 reichen da nicht, das ist eine andere Dimension. Freude, Demut, Dankbarkeit so etwas trinken und teilen zu dürfen. Vergessen werde ich auch nicht einen 2001 getrunkenen Chambertin von Auguste Moureau, einen Traumwein mit feiner Süße und unendlicher Länge – 100/100. In derselben Klasse liegt der ebenfalls 2001 getrunkene La Romanée von Morin, einfach ein perfekter Burgundertraum – 100/100. Der Clos Vougeot Chateau de la Tour von Morin war 2005 mehrfach ein finessiger Traumburgunder, der am Gaumen kaum aufhörte – 97/100. Ein Clos Vougeot von Pasquier- Desvignes war 1995 nicht mehr ganz taufrisch und zeigte sein Alter, war aber immer noch sehr schön zu trinken – 89/100. Die Zwillingsflasche 2005 in einem 15er Clos Vougeot Dreierflight auf hohem Niveau die Schwächste, ein feiner Wein mit kräftiger Säure, der sich zum Essen deutlich steigerte - 93/100. Eine noch recht jung erscheinende, altersfreie Farbe hatte 2013 der fast hundertjährige Musigny von Potheret. Auch in der Nase und am Gaumen eher Frische als Alter, Pfeffer, Currynoten, sehr präzise Struktur, baut enorm im Glas aus und wird immer süßer. Da ist noch lange nicht Schluss – 96/100. Gut 10 cm fehlten 2008 bei einem Grand Chambertin von Jules Regnier. Eine unglaublich dichte Farbe wies dieser Wein immer noch auf. Abweisend kam er ins Glas, baute aber erstaunlich aus. Immer mehr kamen die Kaffeenoten eines großen, alten Burgunders und zum Schluss kamen locker 87/100 zusammen. Würde ich gerne mal aus einer besseren Flasche trinken, da sind sicher bis zu 10 Punkte mehr drin. Sehr schön war 1994 und 1995 ein Corton von Seguin-Manuel, auf der Drawert-Probe 1994 sehr weit, deutliche Brauntöne, aber auch Süße, hält sich und blüht im großen Glas richtig auf – 89/100, die Zwillingsflasche ein Jahr später noch etwas besser strukturiert – 92/100. Als Top-Burgunder aus den 50er/60er Jahren ging 1999 ein Clos Vougeot vom Chateau de Vougeot durch und hatte sogar noch tolle Frucht, auch die Farbe war noch erstaunlich kräftig, Franz Josef Schorn hat sich am nächsten Morgen noch mit großem Vergnügen über das Depot hergemacht. Die Zwillingsflasche, ebenfalls von Nicolas abgefüllt, war 2005 der Star eines großen 15er Clos Vougeot Dreierflights, malzige Hustensaft-Süße, faszinierende aromatische Dichte, sehr harmonisch, komplex und lang, insgesamt deutlich jünger wirkend - 98/100.

Der Veuve Clicquot Ponsardin Dry aus einer wohl damals für den englischen Markt vorgesehenen Flasche war 2015 optisch und vom Füllstand her in gutem Zustand. Schrumpelig der uralte Originalkorken, den Oliver Speh, unser perfekter Maitre de Plaisir, mit sicherer Hand löste. Hell gülden aber klar die Farbe, kein Mousseux mehr, aber auch keine Alterstöne. Wunderbare Aromatik, Brioche mit frischen Waldpilzen, immer noch gewisse Frische zeigend, am Gaumen enormer Tiefgang mit feiner Bitternote im Abgang. Der Weinbuchhalter in mir würde jetzt für diesen traumhaft aromatischen Stillwein WT94 geben, der Weinliebhaber aber gibt für dieses einmalige Erlebnis WT100.

Ein Tokaij Aszu 5 Puttonyos hatte 2008 eine verblichen wirkende, helle Farbe, schon etwas gezehrt und müde, muffige Töne, immer mehr Mottenkugeln, da gab es nichts zu beschönigen, der war einfach hin.

Aus diesem guten Madeira-Jahrgang habe ich 2006 den Madeira Sercial H.M. Borges getrunken. Der war zugänglich, sehr weich und aromatisch, irre lang, ohne die giftige Madeira-Säure, die mich sonst von diesem aufgespriteten Zeugs fernhält, nussig, Orangenschale, sehr helle Farbe, sogar etwas Schoko und dunkle Karamellen. Einfach sehr gefällig und lecker. Eine Art Madeira für Einsteiger.