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1920

Mit 1920 begann in Bordeaux ein Jahrzehnt, in dem es die Natur sehr gut mit den Weinen meinte und das man gut mit den 80ern vergleichen kann. 1920 steht oft zu Unrecht im Schatten des 21ers, hier wurden mindestens ebenbürtige, ganz große und zum Teil sehr langlebige Weine geschaffen.

Einer der besten Weine des Jahrgangs dürfte Latour sein, den ich 2007 bei Michel Rostang in Paris trinken durfte. Unglaublich dichte, gut 50 Jahre jünger wirkende Farbe. In der Nase klassisch Latour mit Trüffeln und der leicht bitteren Walnuss. Wie eine Eins stand der Wein im Glas. Klar war das kein Jüngling mehr, aber auch noch längst kein Weingreis. Gut gereift, aber immer noch mit Tanninen, baute wunderschön im Glas aus und entwickelte eine feine Süße. Wie gerne hätte ich davon eine OHK im Keller, um die weitere Entwicklung dieses Traumstoffs über die nächsten 20-30 Jahre verfolgen zu können. Ein ganz großes Weinerlebnis – 99/100. Zuletzt noch mal 2012 aus einer perfekten Flasche mit top shoulder und Originalkorken. Der wirkte zu Anfang reif, weich und burgundisch im besten Sinne mit sehr feinen, aber immer noch präsenten Tanninen. Enorm, wie dieser, à point dekantierte Wein mit der Zeit im Glas zulegte und ausbaute und dabei immer dichter, komplexer und länger wurde. Ja, da war auch noch Frucht, Dörrpflaume, etwas Karamell, die leicht bittere, für Latour typische Walnussnote, am Gaumen erstaunliche, gut eingebundene und stützende Säure – 97/100. 2015 bei Elke Drescher aus einer Chateau-Abfüllung für R&U sehr dicht und gut 50 Jahre jünger wirkend die Farbe. Und dann diese Aromatik, schon das Nasenbild war Latour pur, trüffelig, Trockenfrüchte und vor allem dieses für Latour so typische, leicht bittere Walnuß. Am Gaumen noch so präsent, dicht und kräftig, ohne jeden Alterston. Ein Jahrhundertwein, bei dem von der irren Nase bis zum Abgang alles stimmte - WT100. Mouton d´Armailhacq war 2009 reif mit bereits hellerer Farbe, sehr weich und schmeichelnd am Gaumen mit schöner Süße, aber nicht alt im Sinne von abbauend wirkend. Wäre auch als großer Burgunder durchgegangen – 93/100. Sehr überraschend 2007 ein Pontet Canet aus einer midshoulder Flasche. Superdichte Farbe, in der Nase reife Bananen, am Gaumen kompakt, bissig durch die Jahrgangstypische Säure, leicht portig, etwas Karamelle, aber auch noch Frucht und Tanninreste, stand wie eine „1“ im Glas und entwickelte sich. Eigentlich hätte er neben den reinen 90/100 Genusspunkten noch reichlich Ehrenpunkte verdient.

Beychevelle, der alles schlug, was ich von diesem Chateau je im Glas hatte, war 2016 so elegant, so ätherisch, so komplett mit großartiger Statur und Länge. Die gute, stützende Säure garantierte noch längeres Leben – WT98. Gruaud Larose war 2009 auf der Gruaud-Vertikale schlichtweg hin - 72/100. 2014 auf René Gabriels großer Gruaud Vertikale als Gruaud Larose (Sarget)  erstaunlich kräftige Farbe, immer noch gute Statur, immer noch viel Substanz und sogar noch spürbare Resttannine – WT87.

1994 hatte ich schon - wie kann es anders sein - einen schönen Lanessan getrunken. Der hatte zwar deutlich Alterstöne in der schon bräunlichen Farbe und auch eine kräftige Säure am Gaumen, war aber immer noch gut trinkbar – 87/100.

Keinerlei Alter zeigte der Cru de la Gombeaude aus Margaux(original verkorkt mit top shoulder), ein sehr ausgewogener, balancierter Wein, immer noch recht kraftvoll und dicht, aber auch mit Eleganz und schöner Süße, getragen von guter Säure – 95/100. Dicht, kräftig und breitschultrig 2016 der Margaux in einer Pillet Will Flasche für R&U mit Minze, Veilchen und sogar etwas Dill, wie man ihn von Silver Oak kennt. Druckvoll und lang am Gaumen, aber diese unglaubliche Beychevelle-Messlatte machte es für diesen sonst immer noch überzeugenden Wein verdammt schwer – WT95.

Haut Brion war 2010 ein großartiges Altweinerlebnis mit betörender Aromatik, in der Nase immer noch Tabak, Teer, Cigarbox, absolut intakt dieser Wein mit feiner Süße am Gaumen – 96/100. La Mission hatte 2011 in einer Chateauabfüllung ein reifes, dunkles, dichtes Braun, die Nase teerig, ätherisch, etwas medizinal, Jod, am Gaumen deutliche Säure, aber auch enorme Kraft und druckvolle Aromatik. Wo andere, ältere Weine dann abbauen, legte der hier enorm zu, entwickelte in der Nase und auch am Gaumen eine herrliche, pikante Frucht, feine Waldhimbeere, und zeigte eine schöne Länge am Gaumen. Alt und reif, aber keineswegs am Ende und gewaltiger Trinkspaß – 96/100. 2012 auf René Gabriels großer Probe aus der Magnum ein feiner, leichter, reifer La Mission mit süßen Schokonoten, der aus dieser Flasche seine besten Zeiten lange hinter sich hatte und trotz Magnum rasch im Glas abbaute, 88/100 für den ersten Schluck, 82/100 für den letzten. Eine große Überraschung war ein erst im Januar 2004 ersteigerter Smith Haut Lafite in einer perfekten Eschenauer-Abfüllung. Bei einer Probe während der Prowein 2004 und – weil er so schön war - gleich vier Wochen später noch mal in einer Best Bottle ging er in Stilistik in Aromatik als großer La Mission aus den 50ern durch und dürfte in dieser Form noch ein längeres Leben vor sich haben – 97/100. Und 2008 stellte dieser Wein in absoluter Perfektion 55 La Mission und La Tour Haut Brion deutlich in den Schatten – 100/100. Perfektion auf 100/100-Niveau zuletzt wieder 2009 in einer Smith Haut Lafite-Vertikale und in einer weiteren Probe 2013.

Ein Cheval Blanc besaß 2000 eine sehr helle Farbe, feine Süße, war sicher lange über Höhepunkt weg, aber immer noch schön – 88/100. Eine dichte Farbe hatte 2012 der Cheval Blanc Vandermeulen, dazu eine etwas überreife, süße, geradezu wollüstige Nase, die an 47 Cheval erinnerte. Da kam zu Anfang der Gaumen nicht mit, auch hier Fülle und Kraft, aber auch etwas eckige Noten. Baute enorm mit Luft aus und entwickelte immer mehr die Cheval-typische Eleganz, auch in der immer betörender werdenden Nase, dazu eine herrliche Länge, nicht schlecht für einen 92jährigen Weinsenior – 96/100. Bestes Beispiel dafür war 2001 eine Clos Fourtet Magnum, trotz mieser Füllmeng(ls) ein gereiftes, großes Weinerlebnis, erst Sherry im Schokoladenmantel, dann wunderbar malzige Süße, tanzt auf der Zunge, wird im Glas immer schöner mit feiner Würze, ein großer "alter" Wein und ein tolles Trinkerlebnis – 95/100. Überragend 2017, immer noch mit feiner Frucht, dazu mit Schmelz, Süße, Eleganz und sogar gewisser Frische, sehr finessig und elegant am Gaumen in bester Cheval Blanc Art – WT99. Dicht und etwas ruppig 2000 ein Figeac, der nicht mehr viel Freude bereitete – 78/100. Grandios dagegen 2007 ein Mondesir aus St.Emilion. Dichte, intakte Farbe, immer sehr kräftig, dabei deutlich jünger wirkend und so frisch, animierend und schön. Ein feiner, intensiver Wein, der immer noch Frucht besitzt. Zeigt deutlich die Größe des Jahrgangs und könnte in dieser Form auch aus den 70ern stammen – 95/100. Einfach geil 2015 die Nase des Pavie, der insgesamt dramatisch jünger eingeschätzt wurde. Sehr mineralisch die Nase, Torf, Rosenblätter, Süßholz, Minze, Eukalyptus, einfach zum Reinsetzen. Da kam der zu Anfang etwas stahlige, schlanke Gaumen nicht mit. Doch der Pavie baute mit der Zeit enorm im Glas aus und entwickelte eine beachtliche Länge. Wer den zu schnell austrank, sah nur die Hälfte des Films – WT93.

Sehr dicht 2011 die ins dunkle Braun gehende Farbe eines Vieux Certan, zu Angang etwas Liebstöckel in der Nase, das immer mehr von Kaffee und dunkler Schokolade ersetzt wird, auch der Gaumen mit leichten Anlaufschwierigkeiten, wirkte erst sehr reif, drehte aber enorm auf, wurde immer komplexer mit gewaltiger Länge – 96/100.

Ultrarar 2013 bei Elke Drescher ein Palmer Blanc. Dunkles Braun die aber nicht trübe Farbe, immer noch erstaunlich lebendig, dieser Wein, wenn auch die Anmutung mit Miso und Pilzsüppchen eher etwas in Richtung „nicht schön, aber selten“ ging. Ganz dezenteSüße, tragende Säure und eigentlich immer noch gut trinkbar, aber was soll man auch von einem trockenen Weißen mit 93 Jahren auf dem Buckel verlangen, noch dazu aus einem Jahr, aus dem die meisten Roten sich längst verabschiedet haben – WT83 für den reinen Genuss, der Erlebnisfaktor ist natürlich höher.

Kein großes, aber ein gutes Sauternesjahr. Coutet, den ältesten Wein der grandiosen Sauternes-Karte, hatte 2009 im Bremer Parkhotel immer noch eine klare und brilliante dunkelbraune Farbe, eine von karamelliger Süße und Kumquats geprägte Nase, am Gaumen trotz aller Süße durch die gute, balancierende Säure überhaupt nicht klebrig, sondern sehr finessig mit einer wunderbaren Leichtigkeit und trotz der fast 90 Jahre noch quicklebendig wirkend – 95/100. Ein großer, stimmiger Sauternes, der noch lange nicht ans Aufhören denkt war 2016 aus der Magnum Guiraud mit tiefdunkelbrauner Farbe, in der Nase Kräuter, Trockenfrüchte und vor allem üppige Schokolade, am Gaumen feiner, gereifter Schmelz, die Süße wunderbar balanciert durch eine erstaunlich gute Säure, die diesem Wein sogar noch Frische verlieh – WT97.

In Burgund wurde die Ernte nach einem sonnenarmen Sommer durch einen sehr schönen September gerettet. So entstand insgesamt ein guter Jahrgang, aus dem sich sicherlich noch etwas finden lassen müsste.

Durchaus spannend 2014 ein Clos Sorbet in einer Händlerabfüllung von Rodier. Ein in Ehren gereifter, feiner Burgunder, gestützt von guter Säure und immer noch mit Fruchtresten, der im Glas ausbaute und dabei immer feiner und länger wurde – WT91.

Ein 2001 auf dem Weingipfel in Arosa getrunkener Schloß Johannisberg Goldlack, seinerzeit mit 124 Öchsle geerntet, bernsteinfarben, in der Nase erste Politurtöne, kräftige Säure, war bereits auf dem langsamen Weg ins Jenseits.

Auch in Spanien muss der Jahrgang gut gewesen sein. Ein 2000 bei Corte Ingles in Madrid erworbener Marques de Legarda ging ein Jahr später in einer Blindprobe als großer, gereifter Bordeaux durch - 97/100. Er zeigte deutlich, dass die Suche nach gut gelagerten Riojas aus den 20ern sehr lohnend sein kann. Paternina Gran Reserva mit sehr dichter, jünger wirkender Farbe war 2011 ein beeindrucker, großer, sehr ausgewogener, druckvoller Wein – 97/100. 2014 auf Sylt so jung, so kräftig und unglaublich lang, baut enorm im Glas aus – WT98.