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1923

In Bordeaux gab es eine große Ernte leichter, eleganter Weine. Leider war es um deren Alterungsfähigkeit nicht zum Besten bestellt.

Ein seidig-eleganter, zeitlos schöner Wein die Pichon Comtesse, 1993 und 95 verkostet. Zuletzt 2010 leider eine Flasche mit Fehlton, etwas trüb in der Farbe, die Nase muffig und staubig, die zu Anfang deutlichen Alterstöne am Gaumen verschwanden rasch und diese Comtesse entwickelte sich, wurde gefälliger und war durchaus noch mit Genuss zu trinken – 87/100.

Nix los 2014 mit Gruaud Larose in einer de Luze Abfüllung, leicht faulig in der Nase, wie altes, feuchtes Herbstlaub, mager und gezehrt am Gaumen – WT75. Fürchterlich 2012 der Leoville las Cases, der wie ein frisch bepinkelter Urinalstein roch und auch am Gaumen grenzwertig und eigentlich untrinkbar war.

Eine Sensation 2013 der unsterbliche Lanessan, der nicht nur in der Farbe immer noch so jung erschien. So süß, so schmelzig, so komplett und komplex, alte Lanessans sind einfach eine Bank – 96/100.

Die Ausnahme von der Regel 2007 ein Durfort-Vivens. Wunderbar fruchtige Nase, ein ganzer Korb voller Beeren, auch reichlich Tabak, rauchig, sehr fein und elegant. Am Gaumen erst etwas kompakt mit metallischen Noten, entwickelt sich aber unwahrscheinlich im Glas mit toller Länge. Ein sehr spannender Wein, klassisch Margaux mit feinduftiger Eleganz, aber auch mit viel Biss. Steht mit guter Struktur und noch intaktem Tanningerüst wie eine „1“ im Glas und ist noch lange nicht am Ende – 96/100. Margaux 1992 auf einer Probe hatte eine feinduftige Nase, die mehr versprach, als der Wein halten konnte, bereits deutliche Alterssäure gepaart mit nicht unangenehmer Resteleganz.

Haut Brion wirkte 2006 auf der großen Haut Brion Probe zu Anfang richtig unangenehm, „wie eine Konservendose, die ein Loch gehabt hat“(O-Ton René Gabriel), wurde aber im Glas mit der Zeit deutlich besser und gefälliger – 84/100.

Überraschend schön 2007 ein Pavie, der noch eine unglaublich dichte Farbe mit wenig Spuren von Alter hatte. In der Nase frischer Bohnerwachs, aber auch Cigarbox ohne Ende, etwas Jod, mit der Zeit kam immer mehr reife Johannisbeere dazu. Am Gaumen war der Pavie, der sich mit Händen und Füßen gegen das Altwerden wehrte, recht kompakt mit kräftiger Säure, was ihn sehr kernig wirken ließ – 93/100.

Ein Cru de Coy Enclave Yquem hatte 1995 auf einer Drawert-Probe Drawert-Probe eine kräftige Bernsteinfarbe, sehr kräftige, erdige, rosinige Nase. Am Gaumen Süße weitgehend aufgezehrt, dafür Kraft und sehr viel Länge – 92/100. Guiraud war 1996 schon sehr reif und weit – 87/100. Deutlich frischer und kräftiger war 1994 und 96 eine einfach zeitlos schöne, halbe Flasche Guiteronde aus Haut Barsac – 92/100. Lafaurie Peraguey hatte 2010 eine kräftige, güldene Farbe und wirkte deutlich jünger, nur verhaltene Süße und wenig Boytritis, vielleicht schon etwas ausgetrocknet, Bitterorange, Crême Brulée, Kräuternoten, deutliche Bitternote im Abgang – 92/100.

Die schönsten Weine kamen 1923 aus Burgund. Eine kleine Ernte erbrachte qualitativ sehr hochwertige Weine mit gutem Alterungspotential. Da lohnt auch heute noch die Suche.

Sehr schwierig war 2015 zu Anfang die Nase des Charmes Chambertin Collection Docteur Barolet, käsig, Blauschimmel, Penicillin, wobei sich diese Schärfe auch am Gaumen fortsetzte. Doch auch hier wirkte Luft Wunder. Nach einer Weile war ein völlig anderer, weicher, feiner Wein im Glas mit viel Trinkspaß – WT92. Perfekt gereift mit schöner Nase, seidig, weich und lang am Gaumen, ohne spürbares Alter 1999 ein simpler Côte de Beaune aus einer der damals zahllosen nicht identifizierbaren Händlerabfüllungen – 93/100. 2003 ein trotz 8 cm Schwund noch sehr schöner Echezeaux von Pierre Bertrand – 93/100. Ebenfalls 2003 ein überragender Corton von Bouchard Ainé, ein klassischer Burgunder in Perfektion mit unendlicher Süße und langem Nachhall, einer der Weine der Probe - 99/100. Nur ein Hauch flüchtiger Säure trübte 2012 den Gesamteindruck des großartigen Clos de Corton von Dufouleur Père et Fils, der ansonsten sehr elegant und einfach zeitlos schön war mit generöser Süße und erstaunlicher Länge – 94/100. Sehr fein, elegant, süß und finessig 2015 der Nuits-St.-Georges von Maurice Habert, der immer noch gute Frucht und gute Säure besaß – WT96. Und selbst eine halbe(!) Flasche Clos de Vougeot von Liger-Belair entpuppte sich im Mai 2004 als alter Pinot mit reifer Farbe, aber nicht ohne Charme, immer noch gut trinkbar mit deutlichen Kaffeetönen - 86/100. Ein La Romanée von Liger-Belair war 2008 ein reifer, kompletter Weingreis, der aber immer noch tolle Geschichten erzählte, ein wunderbar zu trinkender Wein mit feiner Süße und guter Länge am Gaumen – 96/100. Ein La Romanée in einer nicht näher zu definierenden, belgischen Händlerabfüllung erwies sich 2007 als Wein wie von einem anderen Stern. Immer noch eine tolle, dichte Farbe, in der Nase Kaffee und Mokka ohne Ende, typisch für alte, große Burgunder. Am Gaumen so konzentriert, so kräftig und lang mit viel tragender Säure und einem guten Schuss Espresso, dazu mit Luft immer mehr Bitterschokolade und Kakao. Noch deutlich spürbare Gerbstoffe in diesem fast zeitlosen Monument, das mit seiner unglaublichen Dichte und Komplexität faszinierte – 100/100. Ein Richebourg Tasteviné von Morin hatte 1995 eine süßlich würzige Frucht, war reif aber nicht alt, beinahe zeitlos, wunderschön! – 95/100. Eine leicht trübe Farbe hatte 2008 ein Mercurey von Ropiteau. Dazu eine deutliche Erdbeernase, immer noch erstaunlich fruchtig, mit kräftiger Säure und auch einer gewissen Schärfe, aber immer noch voller Leben und recht schön zu trinken – 89/100.

Wer tut sich heute als echter Weinfan noch freiwillig einen Beaujolais an, es sei denn, er hat Sehnsucht nach Kopfschmerzen. Dabei wurden früher in den Lagen des Beaujolais nicht nur auch Pinot-Reben angepflanzt, sondern zum Teil auch phänomenale, langelebige Weine erzeugt. Ein solches Exemplar hatten wir 2012 mit dem schier unglaublichen Brouilly von Pasquier-Desvignes im Glas. Mit reichlich Süße, Fülle, Kraft, Struktur und burgundischer Pracht und Fülle war das in der Anmutung ein riesengroßer Burgunder ohne spürbares Alter und eine echte Offenbarung – 98/100.

Sehr gut gelungen auch die Weißen Burgunder. 2007 hatten wir dafür einen Zeitzeugen. Sehr dunkel die Farbe des Corton Charlemagne von Camille Giroud. Herrlich die reichhaltige, süße Nase mit viel Mokka und Toffee. Da konnte der Gaumen dieses spätjugendlichen Weißweines mit dem zarten Alter von fast 85 Jahren natürlich nicht mehr mit. Furztrocken präsentierte er sich, aber immer noch gut trinkbar. Durch die deutliche Säure erinnerte er stark an einen Kanne Brottrunk. Trotzdem waren da locker 85/100 im Glas, für die Seltenheit müsste es eigentlich noch 10 Punkte mehr geben.

Ein Croze Hermitage Blanc von Jaboulet-Ainé war 2013 absolut trocken mit brillianter, güldener Farbe, 90 Jahre alt und doch noch so erstaunlich frisch mit guter Säure und Struktur, in der Nase Blütenaromen, Malz und Tee, am Gaumen da mit steiniger Mineralität und erstaunlicher Länge – 95/100.

Traumhaft schön 2007 ein Massandra Livadia Rose Muskat. Faszinierende, süße Nase mit Rosenduft, getrockneten Früchten und Montelimar-Nougat. Auch am Gaumen sehr süß, wobei die Süße sehr gut durch eine präsente Säure abgepuffert wurde. Der Massandra hatte zwar von allem reichlich, wirkte aber keinesfalls überladen, sondern ziemlich griffig. Traumstoff, der jedes Dessert ersetzt – 99/100.

Ganz erstaunlich immer wieder, wie schön alte Champagner noch sein können. 1923 war ein gutes Champagnerjahr.

1997 auf einer Drawert-Probe hatte ich den Louis Roederer Brut zum ersten Mal getrunken und war fasziniert. Kräftige Farbe, kein Mousseux im Glas, aber deutliche Kohlensäure am Gaumen, Kakao ohne Ende, grandioser Champagner, der sich lange im Glas hielt und immer besser wurde, wunderbar, spontan mit 100/100 bewertet. Im September 2003 auf meiner Raritätenprobe ging die Zwillingsflasche in einem Dreierflight mit 53 Perriet Jouet und 43 Dom Perignon blind als der jüngste Wein hervor. Diesmal war er noch frischer mit etwas hellerer Farbe und noch ganz verhaltenem Mousseux. Klar, das ist mehr Wein als Champagner und schon gar keine Prickelbrause um Schiffe zu taufen oder Mausis zu becircen. Aber die Aromatik eines großen, alten Champagners ist ein faszinierendes Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.