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1938

Ganz selten untergekommen ist mir bisher auch das Jahr 1938. Frankreichs Weine, noch kurz vor oder aber schon während des Krieges abgefüllt, dürften wohl großen Teils von den deutschen Besatzern konfisziert worden sein.

In Bordeaux gab es eine späte Ernte leichter, fruchtiger Weine, die größtenteils während des Krieges augetrunken wurden. Heute würde man von einem nützlichen Jahr sprechen mit früh trinkbaren Weinen, die man trinken kann, während die großen Weine reifen.

Lafite Rothschild in einer Nony-Abfüllung war 2008 fruchtig-süß, exotisch, zwar mit etwas flüchtiger Säure, aber auch mit Kaffee ohne Ende. Auch am Gaumen wunderbar. Da kamen locker 93/100 ins Glas. Nur hielt dieses Wunder nicht lange an. Der Lafite baute schnell ab, und wer sich mit dem Trinken zuviel Zeit ließ, hatte plötzlich locker 10 Punkte weniger im Glas.

Schon recht grenzwertig, säurebetont und mit viel Klebstoff 2014 der Gruaud Larose – WT78.

Einen Haut Brion konnte man 2006 nur noch angucken mit seiner ganz erstaunlichen, intakten Farbe, die immer noch etwas Brillianz zeigte. Nur trinkbar war da leider nichts mehr.

Ich habe im Dezember 2002 einen Cheval Blanc getrunken. Der war sicher vor 30 Jahren mal lecker. Jetzt war er immer noch trinkbar, aber mehr auch nicht. Auch 2008 war und blieb das von Anfang an ein zwar eleganter und feiner, aber doch harmloser Säuerling, dem man die noble Herkunft in diesem Jahrgang nur entfernt anmerkte – 84/100. Erstaunlich jung 2010 die Farbe eines Figeac in einer perfekten R&U Abfüllung, wunderbar die Nase, am Gaumen überraschende Struktur und Dichte, für das Jahr ein Traum – 93/100. Besser sah es in Burgund aus, wo ein sonniger September eine späte, gute Ernte ermöglichte.

Gewöhnungsbedürftig war 2012 der erste, sehr animalische Schluck des Beaune von Paul Joseph Bogion. Mehr als großzügige 80/100 waren da nicht drin. Doch dann bekam dieser Stoff plötzlich Flügel. Das Animalische verschwand, stattdessen süße, reife Erdbeere und burgundische Pracht und Fülle am Gaumen. Wir waren bei 94/100, zumindest für diese Momentaufnahme, denn dieses Niveau konnte der Beaune nicht auf Dauer durchhalten. Ein Clos Vougeot von Noirot-Carrière war 2008 in der Nase eher schwierig und erinnerte an kalte Gemüsesuppe. Am Gaumen entpuppte er sich aber als erstaunlich ausgewogen und sehr gut trinkbar mit feiner Süße – 87/100. Ein Pommard 1er Cru von Leroy hatte 2008 zwar schon eine verdammt bräunliche Farbe, doch das war alles andere als eine Weinleiche. Klar waren da deutliche Sherrytöne, die aber nicht unangenehm rüber kamen. Dazu entwickelte sich eine schöne Süße und eine fast mollige Fülle dieses säurearmen, sehr weichen Weines. Deutlich mehr als nur trinkbar war dieser 38er, auch wenn er mit der Zeit abbaute und sich von den ursprünglichen 87/100 etwas entfernte.

Schwierig inzwischen natürlich die Weißen Burgunder.

Erstaunlich brilliant 2011 die goldbraune Farbe des Chassagne Montrachet von Drouhin, wunderbare, generöse, karamellige Nase, furztrocken am Gaumen mit der Säure eines Rieslings aus verregnetem Jahr, aber immerhin noch trinkbar – 81/100.

Eigentlich auch ein schwaches Jahr an der Rhone. Und doch faszinierte 2007 ein namenloser Côtes du Rhone eines deutschen Weinhauses, Herm. A. Becker Inh. Ludwig Steudel. Absoluter Wahnsinn, diese dichte, deutlich jünger wirkende Farbe. Dazu eine Wahnsinnsnase, karamellig mit feiner Süße, aber auch Kaffee ohne Ende und ein leichter Gummiton. Dabei am Gaumen noch so frisch, aber auch kompakt wirkend mit einem Hauch flüchtiger Säure. Kraft ohne Ende – 94/100.

Wunderschön balanciert 2008 eine Erdener Prälat feinste Auslese von Anheuser&Fehrs, quasi eine Händlerabfüllung. Mit dunklem Goldgelb floss dieser Wein ins Glas, reichlich Honigtöne in der Nase und auch etwas Bienenwachs, am Gaumen mit verhaltener Süße und guter, balancierender Säure erstaunlich frisch und lang. Ginge auch als Wein aus den 70ern durch. Für 1938 schlichtweg ein Traum, der sich konstant ohne irgendwie abzubauen im Glas hielt – 92/100. Ein einfacher Clüsserather Hofberg von der Weinhandlung A. Grote aus Hannover hatte 2009 eine güldene Farbe, Säure ohne Ende, Sherrytöne und war zwar noch trinkbar, aber nur mit Schmerzen – 70/100.

Sicher noch trinkbar ist der Livadia White Muscat aus der Massandra Collection. Ich fand ihn allerdings 1996 auf einer Drawert-Probe zu dick, füllig, sättigend, einfach zuviel des Guten.