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1954

Grausamer Sommer in Bordeaux. Geburtstagskinder und Jubilare müssen eigentlich woanders suchen.

Montrose hatte 2010 eine gewöhnungsbedürftige, von Säure geprägte Nase, war aber am Gaumen erstaunlich süß, füllig und generös, machte enormen Spaß 90/100.

Der Bordeaux des Jahrgangs könnte Latour sein, den ich jeweils Weihnachten 2011 und 2012 im Waldhaus in St. Moritz trinken durfte. Der zeigte aus diesen perfekt gelagerten Flaschen(ts) keinerlei Alter, war noch so erstaunlich frisch, mineralisch und komplex – 94/100. Jede Suche wert. Lynch Bages hatte 2008 seine Zukunft lange hinter sich und war völlig nichtssagend.

Ein Haut Brion dagegen war schier 2009 unglaublich. Reife Farbe, aber noch soviel Kraft am Gaumen, ein perfekt gereifter Wein mit generöser Süße und der klassischen Cigarbox-Aromatik, geht locker als 20 Jahre jünger durch und ist für den miesen Jahrgang schlichtweg eine Sensation – 92/100.

Auf niedrigem Niveau mit deutlichen Alterstönen war Cheval Blanc 2008 immer noch gut trinkbar - 80/100.

Schwierig war das Jahr auch für Sauternes. Ein Gilette Reserve Personelle wirkte Ende 1994 schon etwas gezehrt und machte wenig Spaß - 84/100. Da war 1996 auf einer Drawert-Probe Yquem schon deutlich besser mit erstaunlich heller Farbe, viel Kraft, aber wenig Süße - 92/100.

Burgund ging es etwas besser. Ein warmer Herbst ließ doch noch ein paar vernünftige Weine zu.

Einer meiner Favoriten, mehrfach getrunken, ist hier ein Nuits-St-Georges von Doudet-Naudin. Kräftige Farbe ohne jedes Alter, mit beachtlichem Schmelz, eher Bordeaux als Burgunder, großer Wein - 93/100. Noch mal Ende 2004 verkostet, so jung, so kräftig mit junger Farbe und viel Schmelz, tolle Länge am Gaumen, macht es sicher noch 10+ Jahre - 94/100. 2007 Ein sehr feiner, fruchtiger Burgunder mit immer noch schöner Farbe, am Gaumen eher schlank, mehr Finesse als Power, feiner Schmelz, erstaunliche Länge – 94/100. 2014 ein sehr feiner, fruchtiger Burgunder mit immer noch voll intakter Farbe, am Gaumen eher etwas schlanker, mehr Finesse als Power, dazu feiner, generöser Schmelz und eine erstaunliche Länge - 94/100. 1954 Geborene könnten mit diesem Wein sicher noch ihren 70. Geburtstag feiern. Im Herbst 2002 überraschte mich ein La Tâche von DRC, ein perfekt gereifter Burgunder mit viel Kraft, einer leichten Teenote und schönem Abgang - 93/100.

Ein Chassagne Montrachet 1er Cru Les Ruchottes von Ramonet Prudhon, für den ich schon alleine wegen des Jahrgangs keinen Pfifferling gegeben hätte, entpuppte sich 2010 als Riesen Überraschung, erstaunlich schön, voll intakt, nussig, gute Fülle, sehr komplex mit präsenter, aber reifer Säure, Trinkspaß pur und für das Jahr ein Traum – 91/100.

Groß die Ernte in Deutschland, aber nach dem verregneten Sommer war das vorwiegend säuerliches Zeugs. Hatte ich bisher nicht im Glas.

Eine Kalterer See Auslese von Josef Brigl war 2012 trotz schlechtem Füllstand immer noch trinkbar mit tiefer Farbe, Kaffee und altem Basamico in der Nase, am Gaumen immer noch Kraft, Süße, Walnuss und eine recht hohe Säure, die ihn etwas Richtung Madeira schob – 84/100.

Überraschend 2016 ein Barolo von Guiseppe Mascarello, noch so unglaublich vital, der eine klare, aromatische Linie aufzeigte, die sich im 90er und in den beiden Morissios fortsetzte.- WT94

Noch sehr vital 2007 aus Österreich ein Rheinriesling von Schloß Gobelsburg. Klar hatte der eine goldgelbe Farbe und eine deutliche, aber nicht unangenehme Petrolnase. Aber am Gaumen war dieser faszinierende Wein noch so frisch, so kraftvoll und aromatisch mit ganz dezenter Bitternote – 93/100.

In jedem Fall lohnt die Suche in Rioja. Schon häufig getrunken und immer hoch bewertet habe ich den Vina Real Reserva Especial, einen Ausnahmewein mit junger, immer noch dichter Farbe, der im Sommer 2003 bei Jörg Müller wie eine Eins im Glas stand - 95/100. Ende 2004 und zuletzt 2010 wieder ein druckvolles Highlight, das in der Nase erst wie ein großer Burgunder wirkt - 95/100. 2012 ein ungemein kräftiger, nur zu Anfang etwas kompakter Wein, der mit Luft enorm ausbaute und einen gewaltigen Druck am Gaumen entwickelte, die perfekte Rettung für alle in 1954 Geborenen mit sicher noch zwei Jahrzehnten Zukunft – 94+/100. Selbst aus der Halben war die Vina Real Reserva Especial 2015 noch überraschend vital, hielt sich gut im Glas und baute sogar aus – WT91. Auf gleichem Niveau 2004 der "normale" Vina Real, einfach traumhaft ohne jedes Zeichen von Alter. Nicht auf diesem Niveau 2007 auf René Gabriels großer Spanien-Probe die Vina Real Gran Reserva, etwas verbrannt und rosinig in der Nase wirkend, auch am Gaumen malzige, korinthige Süße, aber gut trinkbar – 87/100. Eckig, rustikal und sehr anstrengend wirkte auf dieser Probe Bosconia von Lopez de Heredia, hätte eigentlich deutlich besser sein müssen. Ein Fuenmayor von den Bodegas Age wirkte Ende 1999 ebenfalls deutlich jünger mit schöner Farbe, am Gaumen immer noch druckvoll mit leichten portigen Noten - 90/100. Wieder verkostet Ende 2004, hat sich in den 5 Jahren kaum geändert, toller Wein, der im Glas schön ausbaut und sicher noch 10 Jahre ein Genuss ist - 90/100. Von Marques de Murrietta gab es zwar 1954 keinen YGAY, doch selbst eine "Einfache" Reserva war im September 2004 höchst erstaunlich, deutlich jünger wirkend mit feiner Frucht und Zedernholztönen - 92/100.

Die Suche lohnt 1954 auch bei Portweinen.

Aus der nicht gerade billigen Massandra Kollektion gab es 1954 einen Red Port, der sich im September als sehr zugänglicher, schmeichlerischer, finessiger "Himbeerport" mit schöner Säure entpuppte– 92/100.

Eigentlich bin ich kein großer Madeira-Fan, aber der 2010 auf Sylt verkostete Malvasia Vintage von Henriques & Henriques wusste schon zu überzeugen. Sehr reife, dunkle Farbe, Schoko, Karamell in der Nase, in der er aber auch etwas scharf und spritig wirkte, am Gaumen die weiche Oper mit Korinthen und Fleur de Sel – 93/100.

Und wie wäre es als Alternative mit einem Whisky? Ein Glenfarclass Single Malt Whisky hatte 2009 in Pontresina eine absolut faszinierende Nase, Storcks Schokoriesen, sehr schokoladig, karamellig, dazu getrocknete Birnen. Den Gaumen muss man mögen, da fehlt mir wohl die Whisky-Erfahrung. Mir war er zu brandig mit einer gewöhnungsbedürftigen Mischung aus Haarwaschmittel und großem Heuschober. 95/100 gebe ich gerne für die faszinierende Nase. Den Rest müssen Experten und Liebhaber bewerten.