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1957

Ein verrücktes Jahr, zumindest in Bordeaux. Sehr milder Februar, knallwarmer März, dann dicke Fröste im April, eine schlechte Weinblüte, ein August, der als einer der kältesten jemals galt und dann pünktlich zur Ernte ab Ende September eine Hitzewelle. Natürlich konnten die Trauben nicht vernünftig ausreifen. Es gab harte, tanninreiche und säurelastige Weine. Die heutige Kellertechnik hätte dort vielleicht noch was retten können, damals war man noch nicht so weit.

Gut trinkbar war 2010 ein Montrose in einer Dourthe-Abfüllung mit staubiger Nase und viel Säure am Gaumen, aber auch laktisch, sehr erdig, etwas Schoko - 82/100.

Untrinkbar war 2011 der Lafite Rothschild, zwar mit recht dichter, bräunlicher Farbe, aber mit sehr oxidativer Nase und am Gaumen mit letzter Todessüße. Lynch Bages zeigte 2008 aus der Magnum keinerlei Schwächen und überraschte mit erstaunlicher Fülle und schöner Süße. Wie schön, dass der René diesen aromatischen, schmeichlerischen Wein aus seinem Geburtsjahr mit uns teilte - 91/100. Pichon Comtesse war 2010 ein erstaunlicher Wein, der an den 87er erinnerte, eine kleine, aber sehr feine, aromatische, immer noch wunderschön zu trinkende Comtesse, die noch lange nicht am Ende ist – 87/100.

Ducru Beaucaillou hatte 2006 auf der großen Ducru-Probe nur noch verbrauchten Charme mit einer diffusen Süße, die an geröstete Marsh Mallows erinnerte - 78/100. Zweimal, 1993 und 94, habe ich Gruaud Larose aus der Doppelmagnum getrunken. Der war aus der großformatigen Flasche noch erstaunlich frisch, etwas schlank, baute mit der Zeit sehr schön im Glas aus und entwickelte sogar Kaffeetöne – 87/100. Zuletzt 2014 aus der 1tel süßlich und fein die Nase mit rotbeeriger Frucht, der Gaumen kam da leider nicht mit – WT83. Sehr angenehm überrascht war ich 2010 von Leoville las Cases. Gut, das war jetzt kein Riese, und er wirkte am Gaumen auch etwas metallisch, aber da war auch eine feine, himbeerige Frucht, viele Kräuter, etwas Liebstöckel, Minze und eine schöne Süße – 86/100.

Margaux wirkte 2007 zwar nicht gerade füllig, war aber erstaunlich gut zu trinken und zeigte eine burgundische Eleganz – 87/100.

Der beste Bordeaux-Tip in 1957 ist sicher La Mission Haut Brion. 1998 zeigte er eine junge, dichte Farbe, explosives Tabak-Bouquet, toller Stoff, dem ich in guten Flaschen wie dieser einige Jahre gebe – 93/100. In René Gabriels großer La Mission Probe 2012 leider fehlerhaft.

Durch den sehr warmen Oktober konnte wenigstens in Sauternes eine befriedigende Ernte eingebracht werden. Allerdings erwiesen sich die Weine trotz Säure nicht als sonderlich langlebig.

Yquem riß mich 1995 nicht vom Hocker, da war noch Süße, aber auch leichte Putzmitteltöne und insgesamt wirkte der Wein schon deutlich gezehrt.

Etwas besser sah es in Burgund aus, obwohl die kühlen Temperaturen des regenreichen Sommers auch dort zu säurereichen, tanninnigen Weinen führte.

Doch Burgund ist immer für Überraschungen gut. Eine halbe(!) Flasche einfacher Pommard von Bouchard ging 1995 ganz glatt als großer, perfekt gereifter Bordeaux durch mit intensiver Süße und toller Länge – 95/100. Auch die Zwillingsflasche war 2001 immer noch wunderschön zu trinken und auf ähnlichem Niveau. Völlig überraschend auch ein namenloser Macon von Salavert. Denn riss Franz Josef Schorn im Frühjahr 2003 nach einer tollen Probe auf – und uns damit vom Hocker. Ein irres, dichtes, unglaubliches Teil - 95/100! Ein Chambolle Musigny Charmes von Grivelet dagegen war 2009 in der Braui eine Art flüssige Zungen-Domina mit Säure und Essig ohne Ende, untrink- und unbewertbar. Nicht nur äußerlich perfekt war 2012 der Zustand der Magnum Clos Vougeot von Thorin. Immer noch dicht die Farbe, sehr lebendig der Auftritt mit feiner, fruchtiger, süßer Nase, Schmelz ohne Ende, erstaunliche Struktur und gute Säure, auch am Gaumen Süße und Schmelz ohne Ende, ein großer kompletter Burgunder – 96/100.

Ein Batard-Montrachet von Doudet-Naudin wirkte 1993 auf einer Drawert-Probe erst ausgezehrt, kam dann aber noch einmal – 83/100. Vier Jahre später, auch bei Drawert, kräftiges, reifes Gelb, etwas muffige Nase, säuerlich, flach, muss nicht sein, hat beste Zeit lange hinter sich - 78/100. Ein Ausnahmewein 2006 ein Pouilly Fuissé von Thomas Bassot. Schon ins Güldene gehende, aber immer noch brilliante Farbe, in der Nase bittere Orangenmarmelade, salzige Noten, etwas Süße und Trockenfrüchte, aromatisch und auch noch erstaunlich frisch am Gaumen und einfach wunderschön zu trinken – 90/100. Auch die deutlich schlechtere(6cm) Zwillingsflasche zeigte 2008 sich von Schwund und Jahrgang unbeeindruckt und trank sich sehr schön, immer noch mit Frucht und durch die Säure auch mit Frische – 88/100.

Auch an der Rhone führte die Witterung zu tanninreichen Weinen – und damit zu so mancher, langlebiger Überraschung.

Begeistert war ich 1996 auf einer Drawert-Probe von einem Chateauneuf-du-Pape Les Cèderes von Jaboulet-Ainé, wunderschön ausgewogen und lang im Stile eines großen Burgunders, tolle Würze am Gaumen – 93/100. Auch die damals spontan gekaufte Zwillingsflasche entpuppte sich im Dezember 2003 als reifer Klasse-Chateauneuf.

Auch in Deutschland gab es im Mai nochmals kräftigen Frost, aber danach war das Wetter warm. Allerdings waren August und September verregnet. Wer es schaffte, halbwegs gesunde Trauben bis in den Oktober zu retten, konnte ganz anständige Weine ernten. Da taucht bei Ebay immer wieder mal was auf, meist zu sehr vernünftigen Preisen.

Ich habe 1994 einen Trabener Rißbacher Steffensberg Spätlese bestes Fuder von Emert-Koch getrunken, zeitlos schön und gereift im Stile einer guten Auslese – 90/100. Für das Jahr erstaunlich schön auch eine Zeltinger Sonnenuhr feinste Auslese von Merrem, 1993 noch geradezu frisch wirkend, 1998 deutlich reifer mit sehr kräftiger Farbe, aber ohne Alterston – 87/100.

In Spanien galt 1957 als nicht gerade berühmtes Jahr. Der Vega Sicilia Unico war 2001 auf der Unico-Probe in einer Flasche noch halbwegs akzeptabel, die andere roch nach Terpentin - grausam!

Legendär ist auch die Tokay Aszu Essencia. 1989 habe ich diese höchst interessante Geschmacksmischung aus Sauternes, TBA und Port, die im Glas wie ein „Yquem-Rosé“ daherkommt, zum ersten Mal getrunken und damals sehr hoch bewertet. Zuletzt, 2001 auf einer Best Bottle, wurde er sehr kontrovers beurteilt. Mag sein, dass sich mein Geschmack geändert hat, aber mir war er inzwischen zu dick und klebrig.

Sehr hell 2011 die leicht bräunliche Farbe des 1977 abgefüllten Niepoort Colheita Port, wirkt in der ersten Wahrnehmung rustikal, leicht ruppig, glättet sich aber schnell im Glas, immer mehr kommt karamellige Süße, die obere Schicht der Crême Brulée, entwickelt eine enorme Trinkfreudigkeit – 92/100.