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1972

Ein in großen Teilen verregneter, kühler Sommer ließ in Bordeaux die Trauben nicht richtig ausreifen. Das Ergebnis waren dünne, säurelastige Weine mit wenig Frucht und noch weniger Zukunft. Das hinderte Winzer und Handel aber nicht daran, kräftig an der Preisschraube zu drehen. Vielleicht waren Kunden damals schlauer als heute. Das Bordelais bekam nämlich postwendend die Quitttung und sowohl Preise als auch Verkäufe stürzten in den Nachfolgejahren dramatisch ab. Aber es gibt ja auch noch andere Gegenden und Ausnahmeweine. Im Sommer 2014 habe ich für einen 72 geborenen Freund ein paar Flaschen aufgemacht, und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Deshalb gilt auch für 1972: wer hier nichts findet, ist nur zu faul zum suchen..

Die sehr helle Farbe des Lafite Rothschild ließ 2011 nicht viel erwarten, doch die Nase war erstaunlich süß und generös mit delikaten, roten Waldfrüchten, der Gaumen mit viel Säure schon deutlich schwieriger, aber immerhin brachte dieser wein noch eine ganze Portion Trinkgenuss – 85/100. Latour war 1916 ein großer, gut gereifter, klassischer Latour ohne jedes Alter. In der Nase immer noch etwas Frucht, aber auch Waldboden und Trüffel, am Gaumen mineralisch, erdig, mit enormer Kraft und Länge, wurde mit der Zeit immer kräftiger und druckvoller – WT94. Ein 2008 getrunkener Lynch Bages war sehr hell, hatte in der Nase noch Fruchreste, aber auch die weniger anmachende Aromatik eines vollen Staubsaugerbeutels, am Gaumen sehr gezehrt mit Säure ohne Ende – 72/100. Mouton Rothschild hatte 1994 eine schöne Nase, verabschiedete sich aber ganz schnell im Glas. 2015 sehr krautig, für mich der erste Grünkohl mit Minze und feiner Süße, immerhin noch erstaunlich vital und gut trinkbar – WT84.

Beychevelle war 1994 auf einer Drawert-Probe ganz akzeptabel und trinkbar – 82/100. Überrascht war ich 2006 auf der großen Ducru-Probe von Ducru Beaucaillou, die perfekte Nase eines großen alten Weines mit Kaffee, Mokka und Fruchtsüße, am Gaumen war er etwas kurz 87/100. Die Nase alleine war sicher 95/100 wert. Gruaud Larose war 1993 am Arlberg ein unharmonisches, kurzes Säuremonster.

Am meisten Spaß hat mir Anfang der 90er ein Chateau de la Rivière aus Fronsac gemacht. Den hatte ein amerikanischer Importeur in Gallonen-Flaschen(3,8 l) abfüllen lassen und dann nicht abgenommen. Zum Spottpreis von umgerechnet € 35 kam ich so zu einem perfekt gereiften, wunderbar trinkbaren Bordeaux.

Auch in Sauternes war 72 ein kleines Jahr. Viele Chateaus deklassierten ihre Weine und füllten sie nicht unter eigenem Namen ab. Ich habe aber 1998 mit großem Vergnügen zweimal den Climens getrunken, sehr fruchtig mit kräftiger Säure und schöner Länge.

In Burgund sprach man damals sogar von einem großen Jahr. Ich konnte das lange nicht nachvollziehen, aber in Burgund findet sich immer etwas Trinkbares.

Bester Burgunder war für mich 1997 auf einer Drawert-Probe ein kompakter, kräftiger Richebourg von Charles Deroy – 91/100. Der Richebourg von DRC hingegen zeigte im selben Jahr bei Schorn schon deutliche Brauntöne, deutliche Brauntöne, roch seltsam nach einer großen Wurstplatte, war am Gaumen deutlich gezehrt und schien lange über den Höhepunkt weg – 84/100. Grands Echezeaux von DRC war 2011 sehr fein, sehr elegant mit schöner Süße, kein Hammerwein, eher filigran und etwas kurz an Gaumen, aber ohne Alterstöne und erfrischend wie ein schöner Riesling – 92/100. Blind war ich 2015 bei einem Corton von Jaboulet-Vercherre an der Rhone, kräftig, animalisch mit viel Säure, baute toll aus -WT92. Noch jung in der Anmutung 2017 ein mit traumhafter, frischer, präziser Frucht, mit guter Säure und so unglaublich viel Spannung schlichtweg atemberaubender, geradezu rassiger und noch so quicklebendiger Romanée St. Vivant der inzwischen zu Romanée Conti gehörenden Domaine Marey-Monge – WT96. Ein burgundischer Traum, sehr elegant und finessig mit pikanter, himbeeriger Frucht 2016 der Clos de Tart von Mommessin, perfekt balanciert mit guter Säure – WT95. Ein Mazis Chambertin von Thevenin war 2014 großer, reifer Pinot, schlank zwar, aber sehr fein, elegant und absolut stimmig – WT94.

Sehr gute Weine wurden 1972 an der nördlichen Rhone gemacht. Den Hermitage La Chapelle von Jaboulet Ainé habe ich Mitte der Neunziger sowohl in mittelmäßigen Flaschen erlebt, als auch einmal 1995 grandios auf einer Hermitage La Chapelle Probe. Sehr schön 2016 der reife Hermitage von der Union Viticole aus Tain l´Hermitage. Tiefes Rotbraun, leicht süßlich, aber nicht unangenehm die an Sherry Amontillado erinnernde Nase, am Gaumen absolut trocken, rauchig, schöne Fülle, etwas Aptheker-Lakritze, viel Druck – WT92.

Überraschend schön von der südlichen Rhone 2006 ein Chateau de Beaucastel. Brilliante, junge Farbe, cremige Würze und Fülle, weißer Pfeffer, dabei so fein und delikat. So elegant und lang, burgundisch im besten Sinne. Da müssen die neueren Beaucastels erst mal hinkommen – 94/100. Allerdings ist hier eher Eile angesagt. Wenn Sie ihn noch finden, oder sogar noch haben, bitte nicht dekantieren(was wir gemacht haben) und einigermaßen zügig trinken. Bei uns wurde er im Glas mit der Zeit bäuerlicher, rustikaler und baute langsam ab Richtung 91-92/100. Ein Clos de l´Oratoire des Papes hatte 2014 eine reife Farbe wie Cola Light, in der vielschichtigen Nase Datteln, Lakritz, Tabakblätter, am Gaumen enorme Kraft und Fülle, dazu die obere Schicht der Crême Brulée, warm würzig und malzig – WT93.

Kleiner Jahrgang im Elsass. Bisher nicht verkostet.

Sehr schön war 1993 der Sassicaia, aber schon 1996 auf Ungers großer Sassicaia-Probe zeigte er deutliches Alter und erste Mahagonitöne. Den würde ich heute nicht mehr anfassen.

Zwiespältig war auf der Vega Sicilia-Probe 2001 der Unico. Aus der Magnum etwas kurz, etwas säuerlich, viel flüchtige Säure. Danach 2 1tel um Klassen besser und ganz wunderbar mit cremigem Schmelz. Zuletzt 2007 kein Riese, aber sehr schön zu trinken mit nicht zuviel Säure und lakritziger Aromatik – 92/100.

Bliebe als Alternative noch Tokay. Ein Tokay Aszu 6 Puttonyos Különgeles Minösegle Feherbor war 2006 staubig, trüb mit einer fast ins Graue gehenden Farbe, am Gaumen sehr süß, aber auch mit einer irren Säure, wie eine Kreuzung aus Madeira und Sauternes - 90/100, dürfte recht langlebig sein.

Für Rotweinfans eine sichere Bank in 72 dürfte wohl noch Chateau Musar aus dem Libanon sein. Der Lieblings-Musar von Serge Hochar präsentierte sich im Sommer 2003 in absolut bestechender Form und wurde in einer Blindprobe für einen großen Medoc gehalten. 2013 war er einem großen Pinot nicht unähnlich, zeigte erste Reife, aber auch enorme Kraft und Dichte, dazu spürbaren Alkohol und gewaltige Länge – WT95. Meine bisher beste Flasche diese Weines 2014 mit geradezu irrer, sehr vielschichtiger Nase, mit Minze, Eukalyptus, unbändiger Kraft und enormer Länge, viel Zukunft – WT96.

Bräunlich 2012 die Farbe des Clos du Val Cabernet Sauvignon, sehr reif die malzige Nase, auch am Gaumen sehr reif mit oxidativen Noten und auch etwas Lakritz, schien erst langsam zu zerfallen, hielt sich dann aber doch beachtlich, nicht mehr die allergrößte Freude, aber immer noch gut trinkbar – 88/100. Unterschätzt habe ich sicher Heitz Martha´s Vineyard aus einem insgesamt schwachen Kalifornien-Jahr. Ich habe davon sehr gute und grausame Flaschen getrunken. 1998 mit René Gabriel in Zürich zeigte ein kräftiges dunkelrotbraun und eine intensive Eukalyptusnase, lebte aber bereits gefährlich. Doch 2011 auf der großen Heitzprobe der Ungers hatte dieser Traumstoff erstaunlich viel Kraft, aber auch Eleganz, feine Süße, Minze pur, langer Abgang, kein Alter – 95/100. 2012 bestechender Form, Minze pur, Eukalyptus, alter Ledersattel, ein Hauch von Coca Cola, feine Süße, immer noch enorm kräftig und lang, aber auch sehr elegant. Ich kenne diesen Wein sehr variabel, aber das hier war eines der besten Exemplare, die ich bisher im Glas hatte – 96/100. Der Mount Eden Vineyards Pinot Noir war 2014 in bestechender Form mit dunkler, deutlich jünger wirkender Farbe, fleischige Naser mit Kirsche, Minze, Kräutern und Lakritz, sehr dicht und druckvoll am Gaumen – WT95.

Bisher dachte ich immer, in Australien könnte man nicht fündig werden.

Schlichtweg unterirdisch war der Penfolds Grange sowohl 1994 als dann auch 1999 auf der Grange-Probe in Lehrbach, säuerlich mit sehr harschen Tanninen. Doch 2013 war daraus plötzlich ein prächtiger, großer Wein geworden. Wirkte an diesem Abend wie der Bordeaux unter den Shiraz, wobei man den Bordeaux nur in der rauchigen, speckigen Nase wiederfand. Ein enorm dichter, junger Wein mit großartiger Struktur, unglaublicher Länge und gewaltigem Potential. Kann durchaus noch zulegen – 96+/100.

Der 1972 KWV Roodeberg aus Südafrika zeigte 2016 sich ohne Alter mit traumhafter Frucht, Frische, Druck und Länge, dabei geradezu sahnig und superlecker – WT94.