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1977

Ein verdammt schwieriges Weinjahr, 1977. Mieses Wetter, zumindest in Mitteleuropa.

Für Bordeaux gilt 1977 als schlechtestes Jahr der 70er Jahre, und das heißt schon eine Menge. Fröste im Frühjahr, ein kalter, regnerischer Sommer, nach einem trockenen September späte Ernte, ab Anfang Oktober, in St. Emilion sogar noch später. Da war es ganz erstaunlich, dass überhaupt trinkbare Weine erzeugt wurden. Die mussten allerdings schnell getrunken werden. Heute dürfte da kaum noch etwas brauchbares zu finden sein. Das gilt nicht nur für Rote Bordeaux, sondern auch für Weißweine und Edelsüße.

Ein Clerc Milon war 1989 gut zu trinken, aber leicht, eindimensional und ohne Charme. Kaum Zukunft – 78/100. Einfach nur grottenschlecht war 2011 auf dem Unger Weihnachtstasting Latour aus der Magnum. Grasig-unreife Nase, frisch gemähter, nasser Rasen, auch am Gaumen dünn, metallisch, unreif, geht nur für unverbesserliche Etikettentrinker - 79/100. Erstaunlich gut zu trinken war 2009 der altersfreie, aber ansonsten eher belanglose Mouton Rothschild – WT85.

Ducru Beaucaillou war 2006 auf der großen Ducru-Probe zu Anfang sehr pilzig, aber nicht unangenehm, wurde im Glas immer besser, entwickelte in der Nase Minze und leichte Eukalyptustöne wie ein älterer Kalifornier, blieb nur am Gaumen etwas flach – 86/100. Zuletzt 2009 ganz schön dünn und alt mit heller Farbe und Maggi pur – 76/100. Ganz erstaunlicher Trinkgenuß war 1993 Gruaud Larose aus der Imperiale mit einer traumhaft schönen Nase, lediglich am Gaumen etwas kurz – 87/100.

Cheval Blanc war 2008 ziemlich dünn und nichtssagend auch– 75/100.

Lafleur war 2012 durchaus noch gut trinkbar, ein zwar leichter, kleiner Schmeichler, aber immer noch mit der Chance auf einige, weitere Jahre – 88/100.

Nicht besser sah es in Burgund aus, wo es zudem auch noch kräftig in die Ernte hineinregnete. Klar wurde dann anschließend chaptalisiert auf Teufel komm raus. Aber das half auch nichts. Ein Burgunderjahrgang, den man getrost vergessen kann. Lediglich bei den Weißen könnte es durch die hohe Säure ein paar Überlebende geben.

Immer noch gut trinkbar war 1994 am Arlberg ein Corton Charlemagne von Bonneau du Matray – 87/100. Einen Morey St. Denis 1er Cru Blanc von Ponsot hatte wohl die Säure gerettet, denn er war 1997 noch erstaunlich schön zu trinken. Ein Pouilly Fuissé vom Chateau de Fuissé roch wie 2007 eine reichhaltige Bouillon. Am Gaumen war er sehr gezehrt mit einem kräftigen Schuss Möbelpolitur – 77/100. Überraschend gut 2007 ein Le Montrachet von René Fleurot. Kräftige ins Altgoldene gehende Farbe, sehr feine, ausdrucksstarke und nussige Nase, am Gaumen trotz der kräftigen Säure des miesen Jahrgangs sehr reichhaltig, kräftig und lang – 90/100.

Auch an der Rhone, der Loire oder im Elsass dürfte aus 1977 nichts mit wirklichem Genuss Trinkbares mehr zu finden sein. Coulée de Serrant hatte 2010 eine zitronig-mineralische Nase, am Gaumen recht aggressive Zitrussäure, aber auch etwas metallische Noten. Ein kleiner Wein aus diesem schwierigen Jahr, der sich aber durch die hohe Säure auf niedrigem Niveau ewig halten wird – 78/100.

Frühe Novemberfröste ermöglichten in einem sonst dürftigen deutschen Weinjahr die Erzeugung einiger Eisweine. Da könnte die Suche durchaus noch lohnen.

Ein Rauenthaler Baiken Riesling Auslese Eiswein von den Staatsweingütern hatte 1998 schon eine kräftige Farbe, sehr viel Säure, die ihn sicher noch länger am Leben erhält und war insgesamt sehr schön zu trinken - 91/100. Mehr Auslese als Eiswein mit bereits leichter Firne, als Eiswein eine Mogelpackung war hingegen ein Langenlohnsheimer Löhrer Berg Riesling Auslese Eiswein vom Erbhof Tesch. Erbacher Marcobrunn Kabinett von Schloß Reinhartshausen hatte 208 eine reife, schon ins Güldene gehende Farbe, auch sehr reife Nase mit Petrol und deutlicher Boytritis. Am Gaumen immer noch spürbare Restsüße, aber auch eine markante, apfelige Säure, die diesem Wein aus dem Unjahr 77 noch eine erstaunliche Frische verlieh – 87/100.

Der 77er Sassicaia war 1993 aus der Magnum einer der Stars von Willi Krählings großer Sassicaia-Probe, kräftige Farbe, sehr zugänglich, Bitterschokolade, Marzipan, sehr lang und rund, hier stimmte einfach alles – 96/100. Ein Jahr später war eine 1tel mit schlechtem Füllstand ein üppiger, leicht exotischer Riesenwein – 96/100. Deutlich schwächer dann 1996 bei den Ungers, etwas hellere Farbe als 75, auch am Gaumen nicht allzu konzentriert, aber sehr gefällig und schön, noch spürbare Tannine - 90/100. Im Herbst 2004 immer noch eine intakte Farbe, reifer, perfekter Cabernet in Reinkultur, die Nase war wie eine Mischung aus alter Bibliothek und Gewürzladen, dazu ein dezenter Minzton, am Gaumen seidig, elegant mit schöner Länge, im Abgang pfeffrig. Erinnerte mich an 61 Gruaud Larose und wird in guten Flaschen sicher noch 5-10 Jahre halten - 96/100. Meine beste Flasche 2010, Traumnase mit Cassis und roter Johannisbeere, leicht exotisch, Kokos, Nougat, etwas Karamell, Leder, am Gaumen frisch mit guter Säure, aber auch mit feiner Süße und dem dekadenten Schmelz einer großen Comtesse, einfach perfekt und in dieser Form sicher noch mit Potential für 10+ Jahre – 97/100. Zuletzt 2011 auf dem Unger Weihnachtstasting süße, rotbeerige Frucht, Milchkaffee, Leder, Exotik, Schoko, Nougat, einfach eine wilde, spannende Nase, auch am Gaumen süß, gefällig, fruchtig, exotisch und vielschichtig, dabei immer noch so jung und vibrierend – 96/100.

Überraschungen immer wieder aus Österreich, wo der Jahrgang recht gut war.

Ein großer, komplexer, perfekt gereifter Wein mit inzwischen sehr harmonischer, reifer Säure und cremiger Textur, immer noch Frische zeigend, Marillenlikör, extrem nachhaltig und lang, 2007 und 2009 im Landhaus Bacher in der Wachau ein Honivogl Grüner Veltliner Auslese von Hirtzberger – 95/100. Eine Ried Klaus Spätlese von Jamek hatte 1998 kräftiges Goldgelb, erster Eindruck am Korken intensive Fruchtsüße, Nase erst verschlossen, entwickelt sich nach einer Stunde, kräftiger Riesling mit dezentem Holzton, am Gaumen lang und komplex, toller Stoff, der es sicher noch eine Weile macht – 90/100. 1999 dann tolle Nase mit reifen, weißen Früchten und einer schönen Fruchtsüße, am Gaumen trocken, sehr schön – 91/100. Und auch die letzte Flasche 2002 wieder ungetrübter Genuss. Sehr schön und nicht zu süß 2009 im Landhaus Bacher ein Nicolaihof Nikolaiswein Beerenauslese Eiswein. Auch ein Zöbinger Heiligenstein Riesling Spätlese vom Weingut Retzel war 1998 im Landhaus Bacher wunderbarer Stoff, kompakt, leichte Restsüße, geht runter wie Öl, wirkt 15 Jahre jünger und lebt sicher noch 10-15 Jahre – 92/100.

Auch in Spanien kein großes Weinjahr. Sehr positiv hat mich trotzdem im Herbst 2005 ein Gran Coronas Black Label von Miguel Torres überrascht. Dunkle Farbe mit leichtem Wasserrand, pointierte Süße, erinnerte in der Aromatik an Amaretto, burgundische Eleganz und Fülle, ein vollreifer, samtig-weicher Wein zum Träumen – 92/100. Zuletzt 2009 auf Sylt in bestechender Form und noch jünger wirkend – 92/100.

Chateau Musar aus dem Libanon wirkte 1995 zu Anfang leicht fehlerhaft(Schafstall), entwickelte sich aber, ein erstaunlich frischer, subtiler Musar, der wahrscheinlich nur noch etwas Zeit brauchte – 87/100. Denn 2012 war es dann soweit. Spannung, Würze, Kraft, Fülle, Süße und ein sehr weit gespannter Aromenbogen, kein Zeichen von Alter und ein endloser Abgang – 95/100. 2013 sehr kräftig, kräuterig, leicht animalisch, aber auch mit generöser Süße, da waren wir jetzt an der Rhone. Großer, altersfreier Wein mit endlosem Abgang – WT95.

Gespannt war ich 2004 in einer Probe auf den hochgelobten Malbec Estrella der Bodega Weinert aus Argentinien. Ein sehr Amarone-ähnliches, dickes, dichtes, aromatisches Teil mit Lakritz, Rumtopf und Teer - 92/100. Hatte 2010 immer noch eine sehr dichte Mörderfarbe, aber auch zu Anfang Acetonnoten in der Nase, blieb am Gaumen etwas ungelenk - 90/100. Sehr elegant, filigran, finessig, burgundisch im besten Sinne 2013 ein Cabernet Sauvignon von Goyenechea, auch am Gaumen schön mit feiner Süße, altersfrei, und das alles mit sympathischen 12,7% Alkohol – 92/100.

Deutliche Flaschenunterschiede gab es 1999 auf der Grange Probe in Lehrbach. Die erste Flasche, wohl etwas fehlerhaft, riß mich nicht vom Hocker. Die zweite war besser mit toller Länge am Gaumen, machte aber insgesamt noch einen etwas verschlossenen Eindruck. Da kommt sicher noch mehr.

In Kalifornien gab es eine kleine Ernte sehr schöner, balancierter Weine.

Sehr gut gefallen hat mir 1998 auf einer Gabriel Probe der Beaulieu Cabernet Sauvignon Private Reserve George de Latour, reife, dichte Farbe, Minze, Eukalyptus, ein perfekt gereifter kalifornischer Cabernet, der die teilweise sehr miesen Literaturbewertungen Lügen strafte – 92/100. Ein sehr feiner, schmeichlerischer, immer noch erstaunlich jung wirkender Wein war 2013 der Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve mit viel Cassis, einem Hauch Minze und süßem Schmelz am Gaumen – 93/100. Ein Burgess Cellars Cabernet Sauvignon war 2008 ein Traum schon die Nase mit viel Minze, Eukalyptus und darunter liegender, rotbeeriger Frucht, mit feinem Schmelz setzte sich diese betörende Aromatik nahtlos am Gaumen fort. Die Minzfrische und die tolle Länge erinnerten an große, ältere Lynch Bages – 95/100. Trotz sehr dichter Farbe war 1988 ein Conn Creek Cabernet Sauvignon ein einfacher, rustikaler, floraler Wein – 83/100. Erstaunlich dicht 2011 die Farbe eines Cuvaison, reif in der Nase und am Gaumen, aber nicht alt, kein großer Wein, aber immer noch gut zu trinken – 85/100. Eine Superfarbe ohne Alterstöne besaß 2007 der Firestone Vineyard Cabernet Sauvignon. Klassische Bordeauxnase, rauchige Töne, Zedernholz, frisch gemahlener, schwarzer Pfeffer, am Gaumen fast puristisch, geradlinig, sehr mineralisch und erdig mit noch spürbaren Tanninen und guter Säurestruktur, lang am Gaumen – 92/100. Ein Wein, der in diesem Zustand sicher noch 10-15 Jahre Freude macht. Heitz Martha´s Vineyard war zuletzt 2013 aus der Magnum Martha´s pur, sehr minzig, kräuterig, Eukalyptus, gute Frucht, immer noch ung und kräftig, hatte ich noch nie so gut im Glas – WT96.Ein Kenwood Artist´s Series präsentierte sich 2008 noch erstaunlich jung und kräftig mit viel Menthol und Tabak, einfach ein großer Kalifornier der klassischen Machart – 91/100. Der Robert Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve zeigte 2007 deutliche Reifetöne und spielt mindestens eine Liga unter 74 und 75. Viel Freude hatte ich in den 80ern mit einem einfachen Phelps Cabernet Sauvignon, doch aus der letzten Flasche 1990 verabschiedete er sich sehr schnell. Schlichtweg sensationell 2011 auf dem Unger Weihnachtstasting war Phelps Insignia aus der Magnum. Reife, feine, verführerische Nase mit Tabak, Schokolade, Zedernholz, Kaffee und dunklen Beeren, eher an einen großen Bordeaux als an Kalifornien erinnernd, am Gaumen seidig, süß, mit unendlichem Abgang und längst noch nicht am Ende – 97/100. Sehr reif 2011 die Farbe des Ridge Monte Bello, in der Nase noch Fruchtreste, Kirsche, Minze, Leder und Tabak, dazu eine feine Süße, am Gaumen, genauer gesagt im ersten Teil, viel Säure, und dann bricht der Ridge mitten am Gaumen unvermutet ab – 88/100.

Mondavi Late Harvest Boytritis war 1988 ein interessanter Wein mit dunkler Farbe, fast ölige, dickflüssige Konsistenz, mir zu fett und mit zuwenig Finesse – 87/100.

Der Chateau St. Michelle Cabernet Sauvignon aus Washington State hatte 2010 wohl einen Fehler, denn eigentlich waren diese Weine recht langlebig und 1977 an der amerikanischen Westküste nicht so schlecht. Aber diese Mischung aus Minze und nassem Hund war schon leicht grenzwertig – 81/100.

Ein ausnehmend schöner Nederburg Pinotage aus Südafrika war 2010 wie die hypothetische Mischung aus einem gereiften, kalifornischen Zinfandel und einem schönen Burgunder, würzige Frucht, Himbeere, Zimt, burgundische Pracht und Fülle, noch so frisch und lang am Gaumen - 92/100.

In der Champagne war 1977 fast ein Totalausfall.

Dafür legte sich Portugal richtig ins Zeug. Traumhafte, hedonistische Portweine, die zwar noch eine lange Zukunft haben, auf die man aber nicht warten muss. Kork raus und einfach genießen.

Bisher dreimal getrunken habe ich Graham, das erste Mal 1998 in der French Laundry im Napa Valley. Farbe mit erster Reife, herrliche Süße, voll trinkbar, intensiv – 95/100. 2007 bei Jörg Müller sehr lecker mit feinem, süßen Schmelz und unglaublicher Länge am Gaumen – 93/100. Zuletzt 2009 sehr fein, fast filgran - 91/100. Ebenfalls schon perfekt trinkbar und groß war 1996 Taylor – 95/100. In der gleichen Liga war 1997 Warre´s, dunkle Farbe ohne Alter, intensives Fruchtkonzentrat mit reichlich Marzipan, einfach lecker - 95/100.