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1984

Natürlich habe ich seinerzeit auch 84er Bordeaux gekauft, so wie das heute angehende Bordeaux-Sammler auch mit jedem Jahrgang tun. Damals hing kein Warnschild an diesem nicht sonderlich geglückten Bordeaux-Jahrgang, Parker war noch nicht sonderlich verbreitet und - last not least - bei Preisen wie Mouton für unter € 38.- oder Pichon Comtesse für € 19.- konnte man ja auch nicht soviel verkehrt machen. Aus den 80ern und teilweise auch bis Mitte der 90er habe ich auch noch etliche gute Verkostungsnotizen. Latour, Lafite, Mouton, Haut Brion & Co waren nicht groß, aber früh und ganz angenehm zu trinken. Leider setzten sich bei den 84er dann aber immer stärker die grünen Tannine durch. Die Frucht verschwand und die Weine trockneten aus. Einen Mouton können Sie natürlich auch heute noch kaufen, wenn Ihnen das Etikett fehlt, an Ihren Gaumen würde ich ihn derzeit nicht lassen. Was macht man also mit einer solchen Flaschen? Verkochen, verschenken, verkaufen oder die Schwiegermutter damit vergraulen? Ich würde diese Weine einfach 10 oder 20 Jahre vergessen. Ganz abmelden werden er sich so schnell nicht. Dafür ist zu viel harsches Tannin drin. Aber aus der langen Erfahrung mit alten Weinen weiß ich, dass auch solcher Stoff später noch mal für eine Überraschung gut sein kann. Auch 2034 wollen noch Leute ihren 50. feiern und dann könnten das zwar keine großen, aber durchaus gut trinkbare Weine sein.

Cos d´Estournel war 2006 auf der großen Cos-Probe beileibe nicht groß, für das miserable Jahr immer noch erstaunlich gut trinkbar – 84/100. Zeigte sich 2016 noch besser und baute enorm im Glas aus – WT86.

Überrascht war ich 2011 von Lafite Rothschild. Sehr dicht und praktisch altersfrei noch die Farbe, von kühler, zurückhaltender Eleganz die Nase mit den unreifen, grünen Noten des Jahrgangs, aber auch mit einer leichten Napa-Affinität mit Minze und Eukalyptus, am Gaumen immer noch deutliche Tannine – 84+/100.

Grasig, grün, bissig und schwierig 2010 der Leoville las Cases aus diesem Unjahr – 81/100.

Der Giscours, den man uns 89 beim Besuch des Chateaus vorsetzte, stammte aus der Zeit, als sich die Inhaberschaft von Giscours mehr für Polo als für Wein interessierte, und so schmeckte er auch. Margaux hatte ich zuletzt 2007 auf René Gabriels großer Margaux-Probe. Der war zwar anstrenend und gezehrt am Gaumen mit immer noch viel unreifem Tannin, hatte aber eine wunderbare Nase – 84/100. Erstaunlich schön 2009 der erste Schluck des Palmer, der dann aber rasch abbaut und zunehmend plumper wird, dabei etwas grün und unreif. Immerhin aber noch trinkbar, was man nicht mehr für viele 84er sagen kann – 80/100.

Überraschend 1997 auf Sylt Fieuzal aus der 1/2. Der hatte eine erstaunlich, kräftige Farbe ohne Alter, leichten Aniston, wirkte erst etwas ruppig, was sich im Glas abschliff WT87.

Cheval Blanc zeigte 2008 Grasig-grüne Noten, gemüsig und mit deutlich metallischem Ton, dazu mit kräftiger Bitternote. Trank sich trotzdem für den sehr schwierigen Jahrgang noch erstaunlich gut und dürfte genügend Standvermögen für etliche Jahre haben – 82/100.

Nichts erwartet hatte ich 2010 auf René Gabriels großer Probe von Le Pin, doch selbst in diesem miesen Jahr entstand ein trinkbarer Wein, der sich noch erstaunlich hält. Gut, da sind die typischen, grünen Töne unreifen Lesegutes, aber da ist gleichzeitig auch eine erstaunliche Süße. Süßes Gras also, haben die damals Hanf mit vergoren? Am Gaumen wirkt dieser Le Pin etwas ungenerös, ist aber immer noch gut trinkbar – 85/100.

Etwas besser gefielen mir da schon die weißen Bordeaux. Ich habe sehr gute Verkostungsnotizen zwischen 93 und 97 von Domaine de Chevalier Blanc. 2016 war der zwar in der Nase gezehrt, zeigte aber am Gaumen noch erstaunliche, buttrige Fülle und gute Frucht – WT87. Erstaunlich schön 2007 Pavillon Blanc, der fast farblos wie ein stilles Mineralwasser war. Ausdrucksstarke Sauvignon-Nase, aber auch mit einer gehörigen Portion Gummi. Viel Frucht auch am Gaumen und eine etwas spitze Säure, die ihn am Leben erhielt und ihm viel Frische verlieh – 89/100.

In Burgund kann man die Roten dank der total verregneten Ernte getrost vergessen. Ein paar recht angenehme Weiße habe ich getrunken als sie noch jung und fruchtig waren. Der ein oder andere Montrachet könnte durchaus auch heute noch gut trinkbar sein, so z.B. der Le Montrachet Marquis de Laguiche von Drouhin, der 1997 dank kräftiger Säure immer noch erstaunlich frisch wirkte. Bei Ramonets Le Montrachet wäre ich mir da nicht so sicher. Der war 1993 auf der großen Ramonet-Probe einer der kleineren, leichteren Weine mit spitzer Säure und etwas Boytritis. Eher lohnt da schon der Griff zu einem der Leroy Meursaults, die sich durch extreme Langlebigkeit auszeichnen.

Auch die Rhone brachte in 84 nicht viel Gescheites zustande. Guigal produzierte seinen letzten richtig schlechten La Landonne. Der hat mir zuletzt 1991 überhaupt nicht gefallen. La Mouline ist deutlich besser, dürfte aber auch inzwischen den Höhepunkt deutlich überschritten haben.

In Italien war 1984 ebenfalls ein kleines Jahr. Der Sassicaia präsentierte sich zwar auf beiden Proben 1993 und 1996 als sehr leckerer Schmeichler ohne allzu viel Konzentration, dürfte aber inzwischen auch deutlich auf dem Abschwung sein.

Ein Pinot Noir Salquenem aus dem Wallis von den Caves Mövenpick verband 2010 in überzeugender, harmonischer Form Kraft, schöne Frucht und viel Schmelz – 94/100.

Sicher noch trinkbar ist der 84er Penfolds Grange aus Australien. Auf der Grange Probe 1999 zeigte er sich völlig anders als die klassischen Grange-Hämmer, eher etwas kräuterig, zurückhaltend, mehr Bordeaux als Australien.

Mein klarer Favorit in 1984 ist Kalifornien. Hier wurden neben viel kurzlebigem Mist auch einige große, langlebige Weine erzeugt. Im Dezember 2006 habe ich noch in einer Blindprobe Chateau Montelena und Ridge Monte Bello gegenübergestellt. Der sehr finessige Monte Bello, eine Art kalifornischer Latour, hatte über 10 Jahre zur Trinkreife gebraucht und zeigt sich heute in bestechender Form. Auch Spätstarter Montelena, den ich noch 1998 in einer Probe als brutalen, alkoholischen Knochen bezeichnet habe, ist inzwischen trotz aller Kraft sehr schön zu trinken. Beide Weine wirken eher wie ganz große Medocs, dürften sicher noch 10-20 Jahre Lebenserwartung haben und sind sicher 95/100 wert. 2009 war der Ridge Monte Bello immer noch taufrisch. Herrlich saftige, pure Kirschfrucht, so klar und präzise, dazu am Gaumen die Struktur eines großen Latour, ein ungemein spannender Wein mit dem für Kalifornien geradezu lachhaften Alkohol von nur 12,5% - 95/100. So auch 2012 und 2013. Auch 2015 war er mit immer noch altersfreier Farbe wieder in dieser bestechenden Form – WT95. Noch so jung, kernig und kräftig mit wunderbarer Kirschfrucht warder Ridge Monte Bello 2016 mit einer Struktur und Stilistik, die an gute Latours erinnerte. Die 12,5% Alkohol konnte man bei dieser aromatischen Fülle kaum glauben – WT95+. Auch aus dem Montelena war 2010 inzwischen ein zwar immer noch kräftiger, aber doch gut gereifter Wein geworden mit herrlicher Frucht und fast cremiger Textur – 94/100. 2012 ein großer Wein mit süßer, jugendlicher Frucht, sehr präziser Struktur und immer noch präsenten Tanninen – 95/100. 2014 einmal eine ledrige, minzige, aber auch sehr anstrengende Flasche – WT89. Dann 2014 sehr minzig, ledrig, kräftig, enorm druckvoll am Gaumen, nur die leichten Reifetöne, vor allem in der Nase, irritierten etwas – WT93. Caymus war 2011 schon sehr reif mit etwas Liebstöckel - 84/100. Nur etwas für eingefleischte Fans (ich gehöre dazu) ist der Diamond Creek Lake aus einer kleinen Parzelle, in der nur in großen Jahren Wein gemacht wird. Puristische, junge Frucht, auch in der Farbe kein Alter, sehr mineralisch, hohe Säure, viel Tannin, irgendwie noch unfertig und sehr straight, wirkt insgesamt dramatisch jünger – 94/100. Auch der Dominus, mit dem ich früher oft Probleme hatte, trinkt sich derzeit sehr schön. Er ist ein typisches Beispiel eines großen Kaliforniers alter Schule, der einfach Zeit braucht, und Geduld dann mit einem prächtigen Wein belohnt. Als ich ihn 1998 zum ersten Mal seit langer Zeit auf einer Gabriel-Probe in Zürich wieder trank, hatte er eine sehr dichte Farbe mit Brauntönen, in der Nase etwas Lakritz und Bakkelit, am Gaumen tanninig, ungenerös. Ich hatte damals den Eindruck, das war´s, der trocknet aus. Zwei Jahre später auf einer anderen Probe kam da schon deutlich mehr, Bordeaux-Stil, ging in Richtung Ridge, toller Stoff, der langsam trinkbar wird, suchen lohnt – 92/100. Besser im Herbst 2004, sehr dichte, junge Farbe, wie ein 94er oder jünger. Tolle, fruchtige Nase, am Gaumen eckig, ungenerös, fast offensiv. Gehört noch mal 10 Jahre auf die Weide, dann sind auch mehr als die heutigen 93/100 drin. Weniger schön im Frühjahr 2005 auf der Dominus-Probe, sehr gewöhnungsbedürftig mit einer holzbetonten, metallischen Nase, auch etwas vegetale, kräuterige Noten, am Gaumen ungenerös und geprägt von massivem austrocknendem Tannin und zeigte erst im langen Abgang sein mögliches Potential – 88/100. Deutlich besser 2010 auf der großen Dominus-Vertikale – 92/100. 2013 und 2014 ein großartiger Dominus, sehr minzig, immer noch mit reichlich Kraft, Struktur und Länge – 94/100. Ein Name, den man heute kaum noch hört ist Grgich. Den 84er Grigich Cabernet habe ich 1997 noch beschrieben mit "deutlich zugänglicher mit immer noch junger, sehr dichter Farbe, intensive rot- und schwarzbeerige Frucht, schlägt locker viele von Parkers neuen Stars in die Büsche 95/100". Danach noch mehrfach verkostet, hält er sich noch immer noch auf diesem hohen Niveau. 2008 zeigte er immer noch kein Alter. Der Wein stand wie eine Eins im Glas, wirkte frisch und verwöhnte mit dekadent leckerer Frucht – 92/100. Zuletzt 2011 Leder, Minze, ein Hauch Eukalyptus, gute Frucht und Säure, immer noch voll da und wohl auch noch länger – 93/100. Ein 1998 auf einer Gabriel-Probe getrunkener Diamond Creek Volcanic Hill hatte eine sensationelle Farbe, in der Nase Phenole (Fensterkit), viel Kraft, war immer noch nicht ganz reif, aber auch nicht sehr generös. 1999 ein Clos du Bois Marston Vineyard, als kostenlose Zugabe von meinem Kalifornien-Händler erhalten. James Laube meint, dass dieser Wein nicht groß ist und nicht groß wird. Vielleicht hat er deshalb den 84er aus seiner neuen Auflage rausgelassen. Ein Riesenwein mit schöner Farbe, satter Kirschfrucht und toller Länge, füllte das große Spiegelau Glas perfekt aus und ist noch lange nicht am Ende. Und er scheint sich zu halten, denn 2005 in einer Best Bottle war er füllig, Trüffeltöne, sehr gefällig, Bordeaux-Stylistik, ein reifer, runder Wein ohne Ecken und Kanten – 94/100. 2007 ätherisch-frisch in der Nase mit viel Minze und auch etwas Eukalyptus, am Gaumen deutlich reifer und fülliger mit leichten Amarone-Anklängen und deutlicher Säure, trotzdem sehr elegant und komplex mit Reserven für noch lange Jahre – 94/100. 2011 und 2015 etwas reifer, aber voll da mit viel Eukalyptus und Minze – WT93. Noch deutlich jünger wirkte 2007 der Dunn Howell Mountain. Mit seiner etwas stahligen und trotzdem frischen, kompakten Frucht erinnerte er mich an alte Montelenas, bei denen ich mich auch oft frage, ob sie überhaupt jemals richtig reif werden. Klar sind da reichlich Minze und Eukalyptus, aber auch immer noch bissige Tannine und eine kräftige Säure. Möglich, dass dieser etwas monolithische Wein in ferner Zukunft mal für eine große Überraschung gut ist. Das Potential für noch ein paar Jahrzehnte Lagerung hat er jedenfalls – 92+/100. Grace Family Vineyard war 2015 oxidiert. Heitz Bella Oaks wurde 2013 im Glas immer süßer, offener, minziger, fast etwas kitschig und trank sich einfach saugut – 94/100.Eher eine Enttäuschung in 84 Heitz Martha´s Vineyard. Zweimal in 2000 und 2002 getrunken, beide male kräuterig, vegetabil, baut im Glas ab, strenge, Kork-Figeac-ähnliche Nase, nicht die gewohnte Heitz-Klasse. Auch 2005 wieder der Fehlton des 85ers ohne dessen Dichte, mehr als die Jahreszahl - 84/100 – kann man für so was nicht geben. Zuletzt 2010 auf der Farnsburg wieder diese fürchterliche Nase mit ihrem korkähnlichen Ton, den Bordeaux-Fans von etlichen Figeacs her kennen. Dabei war dieser Wein am Gaumen fehlerfrei und ein richtiges Prachtstück, sehr jugendlich, kräftig mit irrsinnig druckvoller Aromatik, einfach eine große, geniale Minze und Eukalyptus-Orgie, für die locker 94/100 fällig sind, vorausgesetzt natürlich, man trägt eine Nasenklammer. Sehr variable ist dieser Wein halt, den ich von schlimm bis großartig in allen Schattierungen kenne. Auf der großen Heitzprobe der Ungers lag mit einer leichten Schärfe dazwischen – 91/100. Noch mal 2013, bewirbt sich mit Figeac um die korkähnlichste Nase. Dabei hat dieser Wein so eine gewaltige Substanz mit viel Minze und Eukalyptus. Intensivstes Belüften macht ihn trinkbar, dann wir er gut, dann ist er leer – 92+/100. Deshalb bei der nächsten Flasche 2013: Luft, Luft und nochmals Luft. Und mit der kam immer mehr ein klassischer, großer Martha´s mit viel Minze und Eukalyptus zum Vorschein. Beim letzten Schluck war ich bei 95/100. Ganz großes Kino mehrfach 2009 und 2010, zuletzt auf der American Beauty III dann der 1984 Chateau Montelena Zinfandel John Rolleri Reserve. Das war reifer Zin vom Allerfeinsten, Montelenas bester und das einzige Mal, dass hier ein Reserve gekeltert wurde, der dann überzeugte. Die Farbe war recht reif, schon eher rostbraun und hell, aber das bedeutet bei Zinfandel nicht viel. Betörend die Nase mit ätherischen Noten, Lakritz, mit Gewürznoten, Tabak und frisch gemahlenem, schwarzem Pfeffer. Am Gaumen spielte dann ein ganz großes Orchester. Das war, als ob jemand aus Pomerol-Trauben in Kalifornien einen La Mouline gemacht hätte, so facettenreich und tiefgründig, sich ständig wandelnd, sehr nachhaltig und mit burgundischer Fülle, mit gut eingebundener Säure und cremig-weicher Textur, baut enorm im Glas aus und hat sicher noch etliche Jahre vor sich – 98/100. Auch 2016 traumhaft die sehr ätherische, würzige, pfeffrige Nase, auch am Gaumen sehr facettenreich mit irrer Würze, da ist jede Menge Spaß im Glas – WT96. Und 2017 noch mal zusammen mit Bo Barrett beiJörg Müller – WT96. Ein echter Kalifornien-Klassiker mit Eukalyptus und Minze, toll gereift, aber noch lange nicht am Ende, nicht so dick und üppig wie heute und sicher in der 93/100 Klasse ist der Insignia von Phelps, zuletzt 2003 in einem tollen Dreierflight mit 85 und 86 getrunken. Der Ridge York Creek war 1997 und zuletzt 2010 ein kleiner, reifer Schmeichler mit Minze, Mineralität und feiner Süße - 86/100. Shafer Hillside Select zeigte sich 2010 sals gut gereifter, aber keineswegs alter Wein mit erstaunlich dichter Farbe. In der Nase reife Beerenfrüchte, Karamell, Tabak und Zedernholz, am Gaumen fruchtig mit schöner Süße – 91/100. Groß war 2006 Silver Oak Bonny´s Vineyard, reifer Siver Oak vom Feinsten, immer noch gute Frucht, reife, süße Johannisbeere, das klassische Dill ohne Ende, sehr aromatisch, reif und weich, kaum noch Tannin, ganz feine Süße, wunderbare Länge - 94/100. Auch der Silver Oak Napa Valley trank sich 2009 und zuletzt 2010 immer noch wunderbar, sehr fein, eher etwas schlank und sehr elegant mit der typischen Dillnote, noch lange nicht am Ende – 92/100.

Anstrengend 2013 die Nase des Penfolds Grange, ähnlich zu Anfang am Gaumen, baute jedoch aus und wurde süßer, generöser und zugänglicher. Ob der einfach noch zu jung ist? WT93.

Noch so frisch zeigte sich 2015 der Don Maximiniano von Errazuriz aus Chile. Sehr balanciert und stimmig mit superber Frucht, dabei sehr elegant ohne jedes Dicke oder Marmeladige – WT94.