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1895

Schwieriges Bordeaux-Jahr mit einigen wenigen, positiven Ausnahmen. Ein 2005 getrunkener Cos d´Estournel hatte eine helle Farbe mit deutlichen Brauntönen, wirkte dafür am Gaumen erstaunlich kräftig, präsente Säure, etwas eindimensional, baute im Glas mit der Zeit ab und wurde astringierend - 83/100.

Sehr ältlich und gebrechlich war auf der großen Ducru-Probe 2006 schon der Methusalem des Abends, ein Ducru Beaucaillou. Trübe Farbe, kräftige Säure, keinerlei Frucht mehr, am Gaumen Kakao, Mineralität, nicht mehr groß, aber durchaus interessant, von einer rein puristischen Genusswertung erreicht er sicher kaum noch 82/100, aber für solche zeitgeschichtlichen Weinmonumente gelten andere Kriterien.

Gut trinkbar 2012 immer noch La Mission. Klar ging die recht helle Farbe schon deutlich ins Bräunliche. In der Nase war Liebstöckel, aber auch eine gute Portion Tabak, am Gaumen rangen deutliche Säure, eine schöne Süße und leicht oxidative Sherrynoten um die Vorherrschaft – 88/100.

Nicht getrunken habe ich bisher St. Emilions und Pomerols aus 1895. Dort galt der Jahrgang als deutlich besser als auf dem linken Ufer.

Ein eher kleinerer Jahrgang auch in Burgund. Trotzdem konnte Ende 2008 ein Grand Vin Chambertin vom Grand Hotel Tivollier überzeugen. Guter Füllstand, schwere, alte, mundgeblasene Flasche, sicher noch aus wurzelechten Reben erzeugt. Kam mit etwas Liebstöckel ins Glas und wirkte trotz noch recht dichter Farbe zu Anfang etwas fragil. Nur baute dieser Uraltsenior im Glas nicht ab sondern aus und entwickelte eine erstaunliche Komplexität, eine schöne Süße und einen wunderbaren Abgang. Der Erlebniswert eines solchen weinhistorischen Monuments ist natürlich deutlich höher als der reine, nüchterne Wert für den Geschmack. Für den würde ich gut und gerne 90/100 geben, für das faszinierende Methusalem-Erlebnis bräuchte ich die nach oben offene Skala.

Gut muss der Jahrgang an der Rhone gewesen sein. Ein Hermitage Grand Premier Cru von Marius Chierpe hatte 2011 eine helle, aber noch voll intakte Farbe mit rotem Kern, in der Nase malzige Süße und viel Kaffee, aber auch deutliche Terroirnoten, unglaublich feine Süße am Gaumen, aber auch sehr deutliche Säure, die diesen im besten Sinne burgundischen Wein so frisch hielt. Ein gewaltiges zeitgeschichtliches Monument, aber hier zusätzlich noch mit hohem Genussfaktor von sicher 94/100.

Guter Jahrgang in Deutschland. Ein Steinberger Cabinet-Wein Original-Abfüllung der Königl. Preuss. Domainen-Kellerei hatte 2011 eine kräftige, tiefe, goldgelbe Farbe, in der nicht gerade jugendlichen Nase Harz, Kräuter, viel Kamille, Wachsnoten, am Gaumen furztrocken, leicht staubige Eleganz. Sicher war dieser Wein mal restsüß mit kräftiger Säure. Beides, inzwischen abgebaut, hat ihn so perfekt konserviert und über die Jahrzehnte gerettet. Kann man ein solch einmaliges Erlebnis, das selbst mir als hartgesottenem Altweintrinker wohlige Schauer über den Rücken jagte, mit Punkten ausdrücken? Eigentlich nicht. Der reine Genusswert dieses übrigens noch gut trinkbaren Seniors liegt wohl kaum höher als 87/100, aber der Erlebniswert einer solchen Flasche verlangt eigentlich die 100/100.

Ich habe ansonsten aus 1895 nur einen sehr schönen Madeira Buzal getrunken, mit mehr Süße und weniger oxidativem Ton, und das ausgerechnet in Chicago bei Charlie Trotter.