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1899 Haut Brion meets 1974 Heitz Martha´s Vineyard

Zu einer großen Raritätenprobe hatte Uwe Bende ins Düsseldorfer Dado geladen. Eigentlicher Aufhänger der Probe und Ziel der aus allen Teilen der Republik angereisten Afficionados waren ein paar Mega-Raritäten.

Auf die vier Weißweine, mit denen diese Probe begann, hätte eher der Spruch „Nicht schön, aber selten“ gepasst“. Bittere Kost war mit tiefer, aber klarer Farbe der 1908 Vina Yago der Bodegas Rioja Santiago. Am Gaumen zeigte dieser Wein Bittermandel-Aromen und immer noch Kraft und Länge – WT85. Das Erstaunlichste an diesem Wein war, das so ein über 100 Jahre alter „Vino viejo rosado di mesa“ überhaupt noch trinkbar war. Eine weitere, vielleicht deutlich besser gelagerte Flasche dieses Weines hatte 2008 ein meiner Raritätenproben als gut gereifter Chardonnay mit WT91 für Aufsehen gesorgt. Eher ein Alptraum der 1936 Siefersheimer Heiligenberg Riesling von den Weinkellereien Schmutzler, der an abgelaufene Putzmittel erinnerte. Fürchterlich, da war selbst Clorex aromatisch gegen. Und was immer in der Flasche 1961 Ungarischer Badasconyer Grand Reserve von den Grenzkellereien Brüder Buchner war, es hätte drin bleiben sollen. In meinem Glas hatte das nichts zu suchen. Deutlich besser hätte auch ein 1990 Larrivet-Haut-Brion sein müssen, der sich ziemlich ausdruckslos und nichtssagend präsentierte – WT82.

Und schon landeten wir mitten unter den ersten roten Highlights. Eine helle, reife, aber immer noch klare Farbe hatte der 1899 Haut Brion, immer noch Fruchreste, kräftige Säure und eine delikate, feine Süße. War immer noch wunderschön zu trinken und ließ erahnen, was für ein großer Wein das mal gewesen sein muss. WT90 gibt es immer noch für den heutigen Genuss, 10 weitere Punkte für die Demut gegenüber so einem Weindenkmal aus einem der berühmten Zwillingsjahre 1899/1900. Ausgesprochen gut gefiel mir der 1918 Haut Bailly, der immer noch eine betörende Frucht zeigte. Ein sehr weicher, eleganter, sehr balancierter Wein, der von einer guten Säure gestützt wurde – WT92. Und dann dieser 1926 La Gaffelière-Naudes, dieser Cheval Blanc für Schlaue, mit der typischen, dichten 26er Farbe und der dazugehörigen Statur, der wirkte immer noch jung mit enormer Kraft und Länge und mit teeriger Mineralität – WT94. Würde ich auf Auktionen bedenkenlos nachkaufen und 2026 zu seinem eigenen 100sten öffnen. Seine besten Zeiten hatte leider der 1929 Gazin schon länger hinter sich. Das war sicher mal ein sehr schöner, eleganter Schmeichler, der heute mit sehr heller Farbe bereits Anklänge von Möbelpolitur zeigte und sich deutlich auf dem Abstieg befand – WT82.

Auf hohem Niveau ging es weiter. Die etwas staubige Eleganz in der Nase des 1959 Margaux machte immer mehr guter Frucht Platz, die sich auch am Gaumen fortsetzte. Klar hatte der die deutliche 59er Säure, aber das war schon beeindruckend, wie dieser Wein ausbaute und immer mehr Margaux pur wurde, sehr elegant und mit der klassischen Eisenfaust im Samthandschuh – WT95. Und dann dieser unglaubliche 1950 Cheval Blanc mit sehr dichter, junger Farbe, fantastischer Frucht und unglaublicher Süße, eine meiner bisher besten Flaschen dieser Legende und für mich der beste wein dieser Probe – WT100. Sehr gut gefiel mir auch 1952 Gazin, enorm kräftig mit schöner Fülle, schokoladiger Schmelz und gute Länge – WT94. Als großer Charmeur und Cheval Zwilling kam 1955 Gaffelière-Naudes ins Glas, der zwar sehr viel Kraft, Dichte und aromatischen Druck zeigte, aber auch eine prächtige, seidige Eleganz – WT97. Auch das nach wie vor ein unbedingter Kauftipp.

Der gute Uwe möge mir verzeihen, dass ich den nachfolgenden Flight mit den alkoholischen Sättigungsbeilagen nicht unbedingt brauchte. Ich war zum Genießen hier, nicht zum Besaufen. Aus jeweils zwei unterschiedlichen Gläsern bekamen wir den 1961 Beau-Site aus der Magnum. Der zeigte sich durchaus respektabel, sehr kräftig mit gutem Rückrat, nachhaltig und mit sehr süßer Frucht – WT87. Das gleiche Spiel dann mit einem 1961 Roc St. Michel aus St. Emilion. Da half auch die Magnum nicht, der war dünn, metallisch und belanglos – WT80.

Höhen und Tiefen im nächsten Flight. Großes Kino der 1959 Pape Clement, der schon mit seiner weichen, sehr generösen Nase anmachte. Auch am Gaumen hoch elegant und absolut stimmig mit schöner Süße und der klassischen Pessac-Aromatik – WT96. Pessac und La Mission pur dann der großartige 1952 La Mission mit kräftiger, teeriger, mineralischer Nase mit viel Tabak und Cigarbox, enorm kräftiger Auftritt und gewaltige Länge auch am Gaumen – WT98. In dieser Form spielt bei diesem wein noch sehr lange die Musik.

Tote Hose dann in den beiden anderen Gläser. Der 1955 La Mission kam als fruchtig-freundlicher Wein mit Superfarbe ins Glas und entzog sich mit immer stärker werdendem Kork der Frage, ob das wirklich ein La Mission war. 1955 Haut Brion zeigte die Substanz eines großen Weines, wurde aber im Glas rasch immer metallischer und fehlerhafter.

Auch im nächsten Flight kamen vier Gläser. In den ersten beiden befand sich 1903 Margaux aus der Magnum, der noch eine erstaunlich intakte Farbe hatte, leider aber Kork und etwas flüchtige Säure. Mit rausblasen des Korks und „unten durch trinken“ kamen sogar noch erstaunliche Frucht und Eleganz zum Vorschein, was für das grausame, sonnenlose Jahr 1903 mehr als beachtlich ist. In den beiden anderen Gläsern dann wieder zwei Weine, die die Welt nicht braucht, noch dazu aus der Magnum.

Natürlich hat auch Petrus das Recht zu altern. Der 1952 Petrus Vandermeulen hatte immer noch feine Frucht, Zedernholz, Minze und am Gaumen schönen Schmelz, aber der Druck früherer Jahre fehlte – WT92. Sehr fein und elegant zeigte sich auch 1959 Angelus – WT92. Immerhin war das zwar nicht die beste, aber eine der besseren Flaschen dieses sehr variablen Weines, von dem es auch genug grottige Exemplare gibt. Der 1961 Lafleur erinnerte mich leider an die Version, die ich vor Jahren in der großen Lafleurprobe am Attersee trinken musste. Da erspare ich mir einen Kommentar. Groß dafür der 1961 Canon-la-Gaffelière, minzig die Nase mit Kaffee, Kräutern und schöner Süße, am Gaumen enormer Druck und feinem Schmelz, immer noch so jung und vital wirkend – WT95.

Und damit kamen wir zum letzten Flight, in den Uwe noch mal vier Knaller gepackt hatte. Extrem variabel und auch richtig schlimm kann 1990 Troplong Mondot sein. Hier zeigte er sich von seiner allerbesten Seite mit intensiver, süßer Kirschfrucht und viel Kraft am Gaumen – WT95. Auch der lange verschlossene 1990 Montrose ließ sich nicht lumpen. Ein gewaltiges Konzentrat mit irrer Frucht und hoher Mineralität, aber auch immer noch sehr deutlichem Tanningerüst. Auf dem besten Weg zur erneuten Perfektion, die er ja in dieser unglaublichen, jugendlichen Fruchtphase schon mal hatte, dürfte er je nach Lagerung noch 5-10 Jahre brauchen – WT97+. Noch viel jünger, konzentrierter und auch verschlossener wirkte der 1986 Mouton Rothschild, der sich nur ganz zögerlich etwas öffnete – WT96+. Bis der mal wieder dort landet, wo er mich seinerzeit in der sehr kurzen Fruchtphase als vielleicht bester Jungwein meines Lebens begeistert hat, da dürften wohl noch reichlich Jahre vergehen. Und dann kam noch eine der modernen Legenden unserer Zeit ins Glas, 1974 Heitz Martha´s Vineyard. Das war wie so viele Martha´s mal ein Tier von Wein. Inzwischen zeigt er sich etwas ziviler und auf immer noch sehr hohem Niveau mit ersten grauen Schläfen. Da sind immer noch Minze und Eukalyptus satt, Kraft und Länge, dazu eine schöne, kräuterige Süße. Aber die Dramatik der besten, früheren Flaschen fehlt inzwischen auf zugegeben sehr hohem Niveau etwas – WT98.

Die professionellen Fotos stammen übrigens von Melanie-F. Klein. Herzlichen Dank dafür.