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24mal Chateau Latour

Chateau Latour ist nicht nur ein Premier Grand Cru, es ist auch einer der ganz großen, beständigen Weine mit hervorragendem Alterungspotential. Klar war ich deshalb sofort dabei, als meine Schweizer Freunde im Wege einer Best Bottle eine große Latour-Vertikale auf die Beine stellten.

Schauplatz war wie schon im letzten Jahr zur großen Mouton Rothschild Best Bottle das Balm in Meggen. Perfekt die direkt neben dem Weinkeller gelegene, großzügige Tafel, gnadenlos gut das große Menü von Beat Stofer. Und dann die von Dani und Leisi perfekt präsentierten Latours, für die (fast) jeder von uns tief in den eigenen Keller gegriffen hatte. Damit stimmten alle Zutaten für einen großartigen Weinabend.

Als Vorapero hatten wir am Nachmittag auf der lauschigen Terrasse des Balm in immer größer werdender Runde schon zwei große Weine zur Vorbereitung auf das WM-Spiel Deutschland : Frankreich getrunken. Kräftig, sehr würzig mit hoher Mineralität und glockenklarer, Frucht ohne Boytritis der 2012 Grüne Veltliner Vinothek von Knoll, der noch längst nicht alles zeigt – WT93+. Einfach höllisch gut danach der 2012 Höllenpfad von Dönnhoff, für mich locker auf GG Niveau – WT93. Eigentlicher Apero dann nach der ersten Halbzeit mit beruhigendem, deutschem Vorsprung ein sehr straff gewirkter, stoffiger, immer noch so junger 2008 Im Sonnenschein Riesling von Rebholz – WT92+.

Eigentlich nicht merken musste man sich den zum Avinieren der Gläser ausgeschenkten 2011 Antoine Moueix St. Emilion Grand Cru. Der wirkte vorne parfümiert, vanillig, süß mit viel getoastetem Holz, hinten dann eher grün und unausgewogen – WT84. Alle Latours diesen Abends wurden übrigens blind ausgeschenkt, erst degustiert und bewertet und danach dann aufgedeckt.

Schade gleich im ersten Flight der 1967 Latour, sehr reif mit deutlicher Magginote, säuerlich am Gaumen, hat es weitgehend gesehen – WT78. Latour kann eigentlich fast ewig leben. Und so hatte ich noch vor etwas mehr als Jahresfrist diesen Wein bei und mit Uwe Bende als großen, perfekt gereiften Latour im Glas. Aber diese Flasche hier mit max. ‚ms’ Füllstand gehörte eher in eine Worst als in eine Best Bottle. Als eher kleinerer, aber enorm gefälliger Latour mit feinem Schmelz kam der 1964 Latour ins Glas, um mit Luft enorm zuzulegen – WT92. Da spielt die Musik noch länger. Enttäuschend leider auch der 1962 Latour, den ich ebenfalls deutlich besser kenne. Wunderbare, schokoladige Nase mit viel Kaffee, grün und ungenerös der Gaumen. Als ob man gierig in eine gut riechende Tafel Schokolade beißt, und dann nur Papier im Mund hat – WT86. Für all das entschädigte der grandiose 1966 Latour, ein großer, klassischer Latour, immer noch mit guter Frucht und perfekter Struktur, mit der leicht trüffeligen Walnussaromatik und intaktem Tanningerüst für eine längere Zukunft – WT96.

Ob der 1975 Latour jemals richtig die Kurve kriegt. Unser Exemplar an diesem Abend war sehr sehnig mit Schwarzen Oliven statt Frucht und wirkte mit harschem Tannin etwas saft- und kraftlos – WT88. Riesenüberraschung dann 1978 Latour, den ich noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte. Traumhaft gefällige Nase mit Trüffelschokolade, Kaffee und dunklem Toffee, am Gaumen immer noch enorm kräftig mit guter Struktur, immer minziger werdend, sehr lang im Abgang – WT97. Da muss ich wohl noch mal auf die Suche gehen. Sehr gefällig, fein und elegant der stimmige 1971 Latour, einfach ein Musterbeispiel für einen perfekt gereiften, runzelfreien Latour – WT94. Auch der weiterhin jede Suche wert. Nicht klar kam ich mit 1974 Latour, der mit einer anstrengenden, stinkigen Nase ins Glas kam. Das Stinkige ging weg, aber der ziemlich gezehrte Rest war auch nicht gerade berauschend – WT80. Enttäuscht war ich auch vom noch sehr jungen, aber etwas monolithisch wirkenden 1970 Latour, der zwar vor Kraft kaum laufen konnte, sich aber nicht so entfaltete, wie ich es von diesem potentiellen Riesen kenne – WT94.

Und damit waren wir in den 80ern. Leider nicht mit dabei der Wein, der sicher das Zeugs zum besten Wein der Probe gehabt hätte, 1982 Latour. Der war angeblich in keinem der Keller der Teilnehmer dieser Runde zu finden. Ob sich die einst so reiche Schweiz langsam zum Armenhaus Europas entwickelt? Dafür hatten wir 1986 Latour, reif in der Nase mit eher Latour-untypischer Aromatik, kompakt am Gaumen mit immer noch deutlichen Tanninen. Immerhin meine mit Abstand beste Flasche dieses eindeutig schlechtesten aller großen Medocs aus dem Hammerjahr 1986 – WT90. Ein Traum dafür 1983 Latour, den wir Dank eines edlen Spenders aus der Magnum genießen durfte. Wie eine jugendliche, noch bessere Variante des 71ers, einfach (an)gereifter Latour vom Feinsten mit Reserven für lange Jahre – WT96. 1985 Latour war so ein richtiger Schmuse-Latour, erstaunlich üppig und schokoladig, weich und gefälig auch am Gaumen – WT93. Und dann dieser 1988 Latour, einfach ein Tier von Wein, kräftig, kompakt, konzentriert, blutjung und verschlossen, aber mit Mörderpotential. Nur Vorsicht, dieses moderne Remake des legendären 28ers mit seinen massiven Tanninen könnte viele seiner Besitzer überleben.

Warten ist auch beim immer noch sehr tanningeprägten 1989 Latour angesagt, der hier an diesem Abend zwar sein riesiges Potential spüren ließ, aber mehr auch nicht – WT93+. Dafür überzeugte der geniale 1994 Latour aus einem Jahrgang, der eigentlich weder zu meinen Lieblingsjahrgängen noch zu den wirklich guten Jahrgängen gehört. Aber diese Vorstellung hier war wie schon beim 78er schlichtweg einmalig. So füllig, so üppig, ein Latour, dieser sonst so maskuline Wein als einfach dekadent leckerer, hedonistischer Stoff? Hier war es so aus einer schon recht reif erscheinenden Flasche mit reichlich Röstaromatik und viel Kaffee und Mokka auch am Gaumen und im langen Abgang – WT97. Dieser Wein des Abends ein positiver Ausreißer? Ich habe eher einen anderen Verdacht, eigentlich schon eher eine Gewissheit. Den angeblichen 1990 Latour im Glas daneben habe ich zwar als guten Wein wahrgenommen, aber auch als erstaunlich zurückhaltend und etwas unnahbar mit WT92. Da gibt es nur eine Erklärung. Mindestens bei mir und beim Gregor(der zu ähnlichen Bewertungen kam) wurde falsch herum eingeschenkt. Beide Weine habe ich in letzter Zeit mehrfach getrunken. Der vermeintliche 94er mit WT97 war der 90er und der 90er der 94er, da bin ich mir ganz sicher.

Vierter im Bunde und auch im richtigen Glas der blutjunge 1995 Latour, jung, rassig mit fantastischer, präziser Frucht, aber auch mit hoher Säure und massiven Tanninen. Da wächst im Zeitlupentempo ein großer Latour heran, gemacht für etliche Jahrzehnte – WT94+.

Wer einen jüngeren Latour sucht, in den man bedenkenlos jetzt schon den Korkenzieher reinstecken kann, der ist mit 1999 Latour gut bedient. Reife, pflaumige Frucht, enormer Druck und Fülle am Gaumen, immer noch spürbare, aber reife Tannine. Nein, der muss noch nicht weg, aber wie fast alle 99er macht der jetzt schon einen Mordsspaß – WT95. Sicher wird sich 1998 Latour auch irgendwann auf diesem Niveau präsentieren, aber derzeit zeigt er sich im direkten Vergleich etwas herber mit präsenteren Tanninen – WT94. Noch gut 10 Jahre dürfte der 1996 Latour brauchen, bis er alles zeigt, was er drauf hat. Ein großer Latour, konzentriert, blutjung mit Rasse und Klasse, mit perfekter Struktur, heute WT95+, morgen eher WT99. Damit läge er dann nahe bei einem anderen Legendenkandidaten, dem 2000 Latour, bei dem die WT100 nur eine Frage der Zeit sind. Ein sehr beeindruckendes Monument im werden mit irrer Substanz, konzentrierter Frucht, mit Kraft ohne Ende und perfektem Tanningerüst – WT95++.

Der letzte Flight eines wunderbaren Abends. Und ausgerechnet in dem sollte der Pirat stecken, den wir bisher in fast jedem Flight da vermuteten, wo etwas nicht so hundertprozentig nach Latour schmeckte? Dieser Pirat war ein 2001 Les Forts de Latour, der sich in Topform präsentierte und dabei dem Grand Vin, dem 2001 Latour, die Rücklichter zeigte. Klar, der war reifer, weicher, zugänglicher mit einfach betörender Aromatik, jetzt und in den nächsten 5 Jahren mit größtem Vergnügen zu trinken – WT94. Da kam auf hohem Niveau der dichtere, konzentriertere Latour nicht mit. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der die Nase vorn hat – WT93. Smart Money investiert aber in den 2002 Latour, der ebenso wie sein Gegenstück von Mouton ein großer, dichter, konzentrierter Wein mit viel Zukunft ist – WT96. Ich habe seinerzeit keine Bordeaux aus 2002 subskribiert und nach einer unglaublichen Vorstellung dieses 2002ers bei der Arrivageprobe (WT97) gekauft, was ich kriegen konnte(war leider viel zu wenig). Stattdessen habe ich seinerzeit beim deutlich teureren 2003 Latour zugeschlagen, der für mich an diesem Abend an den 2002er nicht dran kam. Und die 100 Parkerpunkte habe ich vergeblich im Glas gesucht. Ein wunderschöner Wein mit Frucht, Süße und Länge, aber für mich ohne die Struktur und den Druck eines richtig großen Latour – WT95. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus der Jungweinphase dieses Weines. Aber ich lasse mich mit den Jahren gerne eines Besseren belehren, schon alleine im Interesse meiner eigenen Bestände.

Ein großartiger Abend im Kreise meiner Schweizer Freunde ging zu Ende, nicht ohne Diskussion über das Thema des nächsten Jahres. Habe ich da den Namen La Mission gehört? Das würde mich freuen. Und noch mehr würde mich freuen, wenn ich im nächsten Jahr große Weine auch aus großen Gläsern genießen dürfte. Ob der René Gabriel dem Balm mal eine knackige Offerte macht?