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American Beauty 2014

Einen ganz besonderen Gast hatten wir bei der American Beauty 2014 im Adler in Nebikon, unserer jährlichen Kalifornien Best Bottle. Harlan Boss Don Weaver, der uns am Vortag durch die große Harlan-Vertikale geführt hatte, gab uns nicht nur die Ehre. Er personifizierte quasi auch den späteren Siegerwein, 1975 Heitz Martha´s Vineyard. Das war der erste Wein, den er damals als verantwortlicher Winemaker bei Heitz vinifiziert hatte. Und dieser erste Platz für den Martha´s hieß eine ganze Menge. Das Who is Who der großen, kalifornischen Weine war in dieser Probe vertreten, in der Regel jung und mit reichlich Parker Punkten versehen. Und trotzdem setzte sich mit dem 1975 Martha´s diesmal der älteste Wein an die Spitze.

Don Weaver mit "seinem" 1975 Martha´s

Großer Name, großer Jahrgang, aber sehr schwierig die Weine des ersten Flights. Vielleicht war auch einfach nur viel Flaschenpech dabei. Lakritzig-würzig mit guter Frucht, aber auch mit Paprika die Nase des 1997 Lokoya Mount Veeder, am Gaumen bis auf etwas harsche Tannine recht ausgewogen – WT93. Vielversprechend die Nase des 1997 Lokoya Rutherford, Cassis, Holzkohle, Mineralität, aber wenig los am Gaumen, der Wein starb förmlich im Glas – WT88. Deutlich besser der 1997 Lokoya Diamond Mountain, in der Nase rauchig, noch Röstnoten, dunkle Früchte, am Gaumen kräftig und etwas rustikal – WT92. Der 1997 Lokoya Howell Mountain war in der Nase grasig mit viel grünen Noten und Paprika, wirkte auch am Gaumen ungenerös und grün – WT87. Über 10 Jahre hatte ich diese Weine nicht mehr im Glas gehabt. Sehr saftig habe ich sie in Erinnerung mit satter Frucht und süßem Schmelz, einfach sexy. Aber das war wohl damals nur ein Strohfeuer und das jetzt hier die Abschiedsvorstellung. Die weitere Entwicklung möchte ich nicht verfolgen.

Deutlich gereift und zahmer zeigte sich 1994 Abreu Madrona Ranch mit feingliedriger, rotbeeriger Frucht, Minze, sehr elegant, auch am Gaumen sehr fein und elegant mit geradezu seidiger Textur, nur der Druck früherer Jahre ist nicht mehr da, dafür wirkt der Abreu sehr harmonisch und stimmig – WT96. Minzig und auch mit Eukalyptus die Nase des 1995 Abreu Madrona Ranch, der sich etwas saftiger und einfach sexy mit feinem Schmelz präsentiert – WT95. Schade um den 1995 Shafer Hillside Select aus einer schlechten Flasche. Der hätte sonst oben mitgemischt. Einfach hedonistisch schön die süße, von reifer Frucht, Cassis und Himbeere, geprägte Nase des 1994 Colgin Herb Lamb Vineyard, die fast schon etwas overdone wirkte, zumal sich diese Süße etwas diffuser am Gaumen fortsetzte, wo dem Colgin etwas die Struktur abhanden gekommen war – WT95. Deutlich verhaltener und vor allem nicht so süß die frische Cassis-Nase des 1995 Colgin Herb Lamb Vineyard, der am Gaumen deutlich mehr Struktur zeigt – WT96.

Und dann kam dieser irre 1975 Heitz Martha´s Vineyard ins Glas. Lange stand der im Schatten des legendären 74ers, doch inzwischen geht er auf die Überholspur. Was für ein immer noch so jung wirkendes Riesenteil mit dieser typischen Wick Medinite Mischung in der Nase aus Minze, Eukalyptus und kräuteriger Süße, aber auch mit Tabak und leicht teeriger Mineralität, Kraft ohne Ende am Gaumen, auch Süße und gewaltige Länge, dürfte noch etliche Jahre auf diesem Niveau bleiben – WT99. Und mit dem Publikumsschnitt von über 98/100 kam dieser Martha´s aufs Siegertreppchen. Wenn immer man bei Heitz einenen Jahrgang bzw. einen Martha´s für besonders gelungen hält, dann bekommt er dieses bunte Jubiläumsetikett. So auch 1985 Heitz Martha´s Vineyard, der absolut überragend sein kann. Nur riechen halt ein großer Teil der Flaschen nach vier Wochen lang ununterbrochen getragenen Wandersocken, so leider auch hier. Absolut fürchterlich und so eine amerikanische Version bestimmter Figeacs. Abhaken, wegschütten, jammern hilft nichts. Der Altersgeiz von Joe Heitz, der sich damals gegen den Kauf neuer Fässer sperrte, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Aus den wenigen guten Flaschen ist das übrigens ein moderner 75er. Genau sechs Flaschen habe ich davon noch. Klingt irgendwie nach Russisch-Roulette. Nicht weit vom 75er weg, nur deutlich jünger, dichter und nach viel Luft schreiend der 1991 Heitz Martha´s Vineyard. Auch das ein Mörderteil mit Minze und Eukalyptus ohne Ende – WT96+. Hat das Potential, mal die Nachfolge des Nachfolgers des 74ers, also des 75ers, anzutreten. Auf hohem Niveau etwas verhalten wirkte der 1997 Heitz Martha´s Vineyard mit viel Minze und jugendlicher Frucht, den ich deutlich explosiver kenne – WT95+. Aber auch das ist ein echter Heitz Martha´s mit gewaltigem Potential, der zweite Jahrgang nach der Neubepflanzung des Rebberges. Heute zu sagen, wo er mal landen wird, ist schwierig. In jedem Fall braucht er noch Zeit. Das hat er mit 1975 und 1991 gemeinsam. Jung, konzentriert, noch deutlich holbetont der derzeit etwas kompakte 2002 Heitz Martha´s Vineyard, aber auch der mit gewaltigem Potential – WT94+.

Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, auch bei dieser American Beauty wieder auf dem Siegertreppchen zu stehen. Dafür hatte ich extra zwei von Parker über den Grünen Klee gelobte, ultrarare und sündhaft teure 100-Punkte-Granaten in Stellung gebracht. Doch der 2001 Abreu Thorevilos sang nicht so, wie ich es erwartet hatte. Tiefes, undurchdringliches Purpur, süße,konzentrierte Frucht, diese unwiderstehliche Mischung aus Brombeere, Cassis und Blaubeere. Aber dann waren da auch diese mächtigen Tannine, die auf höchstem Niveau jetzt etwas Spielverderber spielten. Da ist halt noch Warten angesagt – WT97+. Schlichtweg kaputt und überlagert der 2002 Abreu Thorevilos, beide aus derselben Kiste, beide zur gleichen Zeit beim deutschen Importeur gekauft, beide perfekt gelagert, Horror!!! Auf durchaus hohem Niveau hatte ich Probleme mit dem 2004 Foley Claret. An dem war alles süß und cremig, die Cassisfrucht, der Gaumen, die Tannine, fast wie Häagen Dasz Eiscreme, vielleicht geht diese an Babyspeck erinnernde Schwabbelphase ja mal vorbei und etwas mehr Struktur stellt sich ein – WT94. Etwas entfernt vom Weltklasseniveau, das er noch 2011 auf der American Beauty zeigte, ist auch der 2001 Foley Claret. Der zeigte sich hier dichter, kräftiger, aber nicht überladen. Satte Brombeere in Bitterschokolade, Bleistift-Mineralität, frisch aufgebrühter Espresso, viel Minze, nur die Frische, die dieser gewaltige Stoff bei aller Dichte immer zeigte, die war weg - WT96. Dicht, kräftig und lang war der 2002 Peter Michael Les Pavots, bei dem ich aber auch das Gefühl hatte, dass er nach bester Bordeaux-Manier nach ungestümer Fruchtphase jetzt eine kleine Sendepause einlegt, um dann wieder richtig durchzustarten – WT95+. Den bring ich in 10 Jahren zur American Beauty mit.

Der 2005 Phelps Insignia war wieder diese geniale, schmelzige Mischung aus Kirsche in minziger Bitterschokolade, ein großer Wein, der anmacht, ohne überladen zu sein mit einer an große Bordeaux erinnernden Struktur – WT95+. Wird ewig altern und in 5 Jahren 1-2 Punkte zulegen. Irritiert hat mich der 2007 Bryant Family Vineyard, bei dem die schon fast anstrengende, süße Nase nicht zu den kräftigen Tanninen am Gaumen passte. Da muss (und wird) noch zusammenwachsen, was derzeit noch nicht zueinander passt. Wobei Zeit und Luft im Glas Wunder wirkten. Meine Bewertung begann mit WT90. Aber da ist Potential für WT96, vielleicht auch mehr. Ein eleganter, wunderbarer Schmeichler war der 2005 Araujo Eisele Vineyard, der aber genügend Struktur und reife Tannine für eine längere Entwicklung besitzt mit weiterer Luft nach oben – WT96+. Nur schmeckt dieses Zeugs heute schon so gut, dass man vorsichtshalber die Hälfte der Kiste unauffindbar verstecken sollte. Und dann kam noch so ein Parker 100 Teil ins Glas, das es in der Publikumswertung mal gerade auf 93,8 und Platz 14 brachte. Vor Kraft kaum laufen konnte dieser sehr dichte, dunkelbeerige, immer noch von Röstaromen geprägte 2007 Kapcsandy Family Winery State Lane Vineyard. Wenn er das alles so richtig verdaut, werden vielleicht mal mehr draus als die WT95, die ich ihm gab. Und dann war da noch dieser überkonzentrierte 2006 Colgin IX Proprietary Red mit einer dermaßen überzogenen Süße und Fülle, nein, das ging bei mir überhaupt nicht, während der Gregor neben mit jubelte – WT87. Auch Parker hat diesem Wein, allerdings 2008, 100 Punkte gegeben und schrieb von einem „perfekt wine“. Nur gehen ja nicht nur Bordeaux durch diverse Stadien. Der 1975 Heitz Martha´s hatte hier in diesem Umfeld nicht nur den Vorteil der Größe, sondern auch der Reife. Wie eine Klassefrau in einem Haufen kichernder Teenager. Und so wundert es nicht, dass auf dem Treppchen auf #2 der 1991 Heitz Martha´s Vineyard und auf Platz #3 der 1995 Abreu Madrona landeten.