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Flüssiges Sommerfest

So eine Art flüssiges Sommerfest haben wir im August im Berens am Kai gemacht, eine Best Bottle vom Allerfeinsten – natürlich begleitend auch auf dem Teller - bei der alle Beteiligten tief in den eigenen Keller griffen.

Immer noch erstaunlich jung und fruchtig wirkte der 1999 Deidesheimer Hohenmorgen GC von Bürklin-Wolf, mineralisch mit toller Struktur und guter Säure. Das ist schon beeindruckend, wie die besseren, trockenen Rieslinge inzwischen reifen können – WT92. Ein Weinbaby natürlich die sehr rassige 2013 Niersteiner Hipping Spätlese von Keller. Glockenklare, boytritisfreie Frucht, sehr präsente, aber unglaublich reife Säure, ein dezenter Spontistinker verschwand schnell. Würde ich gerne mal in 20 Jahren trinken – WT92+.

Damit landeten wir in der Chardonnay-Abteilung. Der 2000 Chablis Montée La Tonnerre von Raveneau aus einem eher schwierigeren Burgunderjahr wirkte grasig, absolut trocken, sehr mineralisch mit messerscharfer Präzision, etwas Bienenwachs, sehr finessig, ein Wein in klassisch konservativem Stil mit noch reichlich Zukunft – WT90+. Sehr jung noch und erst ganz am Anfang der 2006 Corton Charlemagne von Bouchard mit heller, junger Farbe, Grapefruit, Zitrusfrüchte, sehr mineralisch, „liquid rocks“, wiederum mit messerscharfer Präzision, sehr fein und geradezu filigran, da kommt mit den Jahren noch richtig was – WT92+. Der dritte im Bunde, der deutlich fülligere 2005 Marcassin Chardonnay Three Sisters Vineyard wirkte im Vergleich in der ersten Anmutung deutlich reifer, sogar leicht oxidativ mit Barriquenoten. Baute enorm im Glas aus, wurde frischer und etwas schlanker, die enorme Kraft und Fülle blieben. Hat genügend Säure und Substanz für eine längere Entwicklung und dürfte sogar noch zulegen – WT95.

Endlich mal richtig volle Gläser gab es dann aus einer Doppelmagnum 1987 Beaulieu Vineyard George de Latour Private Reserve. Hier zeigten sich jetzt auch die Alterungsvorteile des großen Formates. Jung noch die Farbe, die Nase erst etwas verhalten, legte enorm zu mit schwarzer Johannisbeere, ätherische Noten, viel Minze, auch Eukalyptus, am Gaumen reif, aber voll da, elegant, dazu geradezu saftig mit guter Struktur und einfach geilem Trinkfluss. Kein Wunder, dass diese DM schneller leer war als so manche 1tel – WT95.

Und dann kamen aus einem großen Jahrgang zwei leider nicht unbedingt große Flaschen. Der 1961 Chateauneuf-du-Pape Mas Saint-Louis von Geniest hatte eine helle, reife Farbe, wirkte in Ehren gereift, sanft, weich, elegant mit süßem Schmelz, das waren beim ersten Schluck locker WT90, doch dann ging es im Glas immer mehr abwärts und der Chateauneuf wurde säurelastiger. Der 1961 La Gaffelière-Naudes in einer französischen Händlerabfüllung von René Vedrennes war leider meilenweit von seiner Normalform entfernt. Hier ein deutlicher Essigstich das Vergnügen. Einen weiteren Versuch mit 1961 La Gaffelière-Naudes gab es im nächsten Flight. Bis auf flüchtige Säure, die den Gesamteindruck etwas schmälerte, stimmte hier alles. Ein spannender, immer noch sehr kräftiger Bordeaux mit leicht teeriger Mineralität und viel Kaffee – WT93. Immerhin war er voll auf Augenhöhe mit dem noch so jung wirkenden, sehr kräftigen, minzig-ledrigen 1990 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve – WT93. Völlig daneben leider 1986 Leoville las Cases, einfach kaputt. Sehr fein mit eleganter, rotbeeriger Frucht die Nase des 1983 Vieux Chateau Certan, der am Gaumen mit guter Säure straff wirkte und eine leichte Schärfe aufwies – WT90 mit wahrscheinlich in den nächsten Jahren deutlich fallender Tendenz.

Nachdem diese vier Weine zwischen all den Highlights eher als Kontrastmittel gesorgt hatten, setzten wir zu neuen Höhenflügen an. Nicht unbedingt erwartet hätte ich das vom 1987 Mondavi Cabernet Sauvignon unfiltered. Was für ein Weinriese, geile, puristisch schöne Frucht, Minze, Leder, ein Hauch Eukalyptus und so eine unbändige Kraft, gepaart mit ewiger Länge, stilistisch eher ein absolut stimmiger, großer Bordeaux, einfach ein Traum und locker WT98. Aber nicht nur für uns, auch für Robert Mondavi selbst muss dieser Wein etwas ganz besonderes gewesen sein. Trug er doch die goldene Gravur „My 50th harvest in the Napa Valley“. Da kam selbst der großartige 1989 Palmer im anderen Glas nicht ganz mit. Sehr elegant, erstaunlich zugänglich und offen, burgundisch im besten Sinne, aber unter der dicken Schicht aus Cashmere sind immer noch deutliche Tannine versteckt. Gut möglich, dass sich dieser große Palmer, der erst ganz am Anfang einer langen Entwicklung steht, noch mal wieder verschließt – WT97.

Was dann kam, war ein unglaubliches Fest für alle Sinne. Gleich zweimal 100 Punkte bekamen wir ins Glas. Die Wiedergeburt des 1985 Sassicaia hatte ich schon vor einem Jahr erleben dürfen. Der edle Spender war damals wie diesmal Bernd Neuhaus. Was für ein Wein! Immer noch so eine irre, junge Farbe. Perfekte Frucht mit etwas Bitterschokolade und Schwarzen Trüffeln, aber nicht überladen, sondern bei aller Nachhaltigkeit so unglaublich fein und stimmig, am Gaumen perfekte Struktur wie aus einem großen Granitblock gemeißelt, sehr gute Mineralität, Minze, aber auch hier alles stimmig mit ewiger Länge. Seinen eigenen Lafite wollte der Vater des heutigen Besitzers anbauen, als er 1944 mit französischen Reben diesen Weinberg bepflanzte. Es gibt keinen Lafite, hinter dem sich dieser 85er Sassicaia verstecken müsste – WT100. Dieser einstige Superstar ist wieder da, wo er vor 20 Jahren in seiner superben Fruchphase war. Wer in der Zwischenphase die Geduld besessen hatte, diesen Moment abzuwarten wird jetzt fürstlich belohnt. Perfektion auch im anderen Glas bei 1990 Montrose, ein gewaltiges Konzentrat mit herrlicher Frucht, aus dieser Flasche hier erstaunlich offen und druckvoll mit intensiver Mineralität und enormer Kraft am Gaumen – WT100. Nur gibt es bei diesem Montrose gewaltige Flaschenunterschiede, was nicht nur mit der Lagerung zu tun haben kann. In den letzten 10 Jahren habe ich da von Himmelhojauchzend bis Zutodebetrübt alle Varianten im Glas gehabt. Die Aussage „1990 Montrose ist ein 100-Punkte-Wein“ kann so nicht gelten. „Der 1990 Montrose kann ein 100-Punkte-Wein sein“ wäre korrekt. Und wir hatten an diesem Tag das entsprechende Glück.

Weiter ging es an die Rhone. Der 1989 Chateauneuf-du-Pape Cuvée Reservé von der Domaine Pegau war zwar reif, aber immer noch muskulös mit süßer, reifer Frucht, reichlich Kräutern und erdiger Mineralität, dazu mit einem guten Schuss Hedonismus – WT95. Deutlich jünger und mit seinen präsenten Tanninen auch noch recht bissig wirkte der sehr maskuline 1989 Hermitage von Chave, ein kerniger Charakterstoff mit großer Zukunft – WT96.

Enorm zugelegt hat der 1999 Dominus, den ich aus früheren Jahren scheinbar reifer und offener kenne, ein sehr druckvoller Fein mit kirschiger Frucht und immer noch präsenten Tanninen, bei dem das Beste erst noch kommt – WT93+. Der 1999 Dalla Valle Maya setzt da zumindest derzeit noch mal deutlich eins drauf, sehr dicht, sehr kräftig, kühle, schwarzkirschige Frucht mit einer guten Portion Lakritz, enormer Druck am Gaumen, gewaltige Länge – WT96.

Und nach diesem Stakkato gewaltiger, großer Weine spielte jetzt noch mal ein Geigen-Duett. Nein, diese Burgunder hätten an den Anfang der Probe gehört. Dabei waren beide sehr beeindruckend, nur eben nicht so laut wie diese Cabernet-Cowboys. Der 2004 Chambertin-Clos-de-Bèze von Bouchard zeigte bereits einen wunderbaren, burgundischen Schmelz und eine betörende Eleganz, besaß aber auch eine gute Struktur und viel Substanz für eine längere Entwicklung – WT94. Der 2005 Vosne-Romanée 1er Cru Les Suchots von Confuron-Cotetidot war jung, wild, kräftig und immer noch recht verschlossen mit deutlichem Tanningerüst. Gehört für mindestens 5-10 Jahre in die hinterste Ecke des Kellers – WT91+.

Als dann endgültiger Abschluss kam der sehr rare 2001 Verité Le Desir noch in unsere Gläser. Ein ziemlich üppiges Teil mit enormer Kraft, das mich stark an die Weine von Sine Qua Non erinnert. Fans dieser Stilrichtung werden jubeln, denen sei der Wein auch von Herzen gegönnt, bei mir waren nicht mehr als WT92 drin.