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Geniale Weinoper in drei Akten

Zu einer dreiteiligen Weinprobe hatte Jan Erik Paulson ins Kronenschlösschen nach Hattenheim eingeladen. In internationaler Runde verkosteten wir hochkarätige Weine. Jan Erik Paulson ist einer der älteste, europäischen Raritätenhändler und ein absoluter Qualitätsfanatiker. So hatten die verkosteten Weine nicht nur große Namen, sondern auch den zum Genuss unbedingt dazugehörigen, guten Zustand. Perfekt ergänzt wurden die Weine durch die fantastische Küche des Kronenschlösschen. Hotelier H.B. Ulrich ist ebenso wie der gute Jan ein alter Hase und ein Garant für höchste Qualität in Küche und Service.

Gut gereifte Magnums war das Thema des ersten Abends. Los ging es mit einem Duett von Krug. Noch so jung zeigte sich 1985 Krug Vintage und dabei sehr kräftig. Baute enorm im Glas aus mit feiner Toffeenase und enormem Druck am Gaumen. Sehr gutes Säuregerüst und Langstreckenpotential – WT95+. Aus Ende der 60er/Anfang der 70er stammte die Magnum NV Krug Grande Cuvée. Liquid Brioche in der reifen Wahnsinnsnase, am Gaumen nur ein Hauch von oxidativer Reife, auch hier viel Kraft, dazu reichlich Süße, Schmelz und Fülle, ein echtes Champagnerfest für Nase und Gaumen – WT97. Von der Machart her lässt sich die Grande Cuvée von Krug mit dem Unico Reserva Especial von Vega Sicilia vergleichen. Beide werden aus mehreren, großen Jahrgängen komponiert, tragen somit keine Jahrgangsangabe, sind trinkbar, wenn sie auf den Markt können, besitzen aber gutes Alterungspotential.

Mit zwei weißen Magnums aus Österreich ging es weiter. Als“Reserve“ war seinerzeit der 1997 Alzinger Steinertal Riesling Reserve abgefüllt worden, weil er seinerzeit für einen Smaragd zuviel Restzucker hatte. Ich bin mir sicher, dass ich ihn damals in seiner Jugend nicht hätte trinken wollen. Jetzt aber nach 17 Jahren Reife zeigte er sich sehr elegant mit Fülle und Schmelz, die Restsüße zwar noch dezent spürbar, aber gut eingebunden. Ein absolut stimmiger, komplexer Wein, der im Glas enorm aufdrehte – WT96. Jammern auf hohem Niveau dann beim 1992 Grünen Veltliner Vinothekfüllung von Knoll. Der war verhalten und wirkte geradezu schüchtern in der Nase, am Gaumen pfeffrig, würzig, mineralisch und immer noch recht frisch. Aber da war auch ein leichter Stinker, der ihn etwas unharmonisch und bitter im Abgang wirken ließ – WT92.

Was ist mit den 75er Bordeaux vom linken Ufer? Aus und vorbei, oder kommt da noch was? 1975 Lafite Rothschild aus meiner bisher besten Flasche war sehr mineralisch, im positiven Sinne schlank mit pikanter Frucht, dabei sehr elegant, eben typisch klassischer Lafite. Die 75er Säure ist noch da, aber die gute Frucht und die Substanz dieses Weines können da gut mit. Aus perfekten Magnums wie dieser hat der Lafite noch richtig Zukunft und kann noch zulegen – WT95+. Der 1975 Mouton Rothschild hatte im Vergleich die tiefere, dichtere Farbe, war aber stärker von der 75er Astringenz und den harschen Tanninen geprägt. Dadurch wirkte er etwas eckig und monolithisch – WT91.

Was für ein Traum danach die Magnum 1959 Palmer. Eleganz pur, burgundische Pracht und Fülle, herrlicher, samtiger Schmelz, dabei filigran mit tänzerischer Leichtigkeit, blieb sehr lange am Gaumen. Ein großer Palmer, der in dieser Form locker mit dem 61er mit kann – WT97. Schlichtweg sprachlos machte dann diese außerweltliche, absolut perfekte 1959 Lafite Rothschild Magnum. So eine irre, wohl definierte Frucht, so ein gewaltiger, aromatischer Druck am Gaumen, immer noch so jung wirkend mit perfekter Tannin- und Säurestruktur, ewige Länge am Gaumen, Weltklasse – WT100.

Irgendwann war nach den Gesetzen der Statistik eigentlich mal ein Kork fällig gewesen, und im nächsten Flight war es soweit. Gottseidank erwischte es den 1971 Cheval Blanc, bei dem weder Rausblasen noch Frischhaltefolie etwas nützten. Aber auch ohne Kork wäre dieser her kleinere Cheval wohl kaum über WT92 herausgekommen. Perfektion dagegen der 1971 Petrus. Süchtig machende, dekadente Traumnase, geradezu erotische Fülle am Gaumen, aber auch immer noch erstaunliches Rückgrat, ein geiler Schmuse-Petrus mit diesem perfekten Spagat aus hedonistischer Opulenz und Rasse, den ich gerne in den nächsten 10 Jahren noch häufiger ins Glas bekäme – WT100. So etwas dann noch aus einer perfekten Magnum ins Glas zu bekommen, das sind Höhepunkte im Weintrinkerleben. Auktions- und Ebaykäufer seien allerdings gewarnt. Dieser Petrus muss für den ungetrübten Genuss nicht nur echt sein, sondern auch echt gut, d.h. möglichst aus erster Hand mit sehr gutem Füllstand aus entsprechender Lagerung. Bei Wanderpokalen mit mid-shoulder dürfte der Lack zum Teil schon ab sein.

Nach diesen großartigen Erlebnissen schwebte ich bereits auf Wolke 7. Da hätte des süßen Abschlusses nicht unbedingt bedurft. Sehr fein mit verhaltener, leicht kräuteriger Honigsüße der stimmige, schlanke, mineralische 1988 Sigalas Raboud – WT91. Der größere, weil dichtere, süßere mit deutlich höheren Öchslegraden bescherte Wein war sich die 1995 Kracher Grande Cuvée TBA mit immerhin 96-98/100 bei Parker und 2009 auch bei mir WT96. Aber nicht nur mir war jetzt dieser dicke Aprikosenlikör just too much. So ging die Publikumswertung klar an den Sigalas.

Ja, es kamen aus der hervorragend bestückten Karte des Kronenschlösschen noch ein paar spannende Weine im „Mitternachtsprogramm“ für ein Häuflein unentwegter ins Glas. Über die und über ähnliche Untaten am nächsten Tag berichte ich dann demnächst in den WeinMomenten Oktober.

Ein kleiner Lunch mit großen Krugs war angesagt am nächsten Mittag. Der alleine wäre schon die Reise wert gewesen. Wirklich junge Champagner gibt es bei Krug nicht. Der 2002er z.B. aus einem großen Jahr liegt dort noch auf der Hefe. Alle Krugs stammten aus einem finnischen Sammlerkeller (danke, Hannu!). Fachkundig kommentiert wurden die Champagner von Rytis Jurkenas, einem Champagner-Experten aus Litauen.

Heftig umstritten – auch am Tisch – der 1996 Krug. Für die einen gilt er als einer der größten Krugs aller Zeiten, die anderen sehen ihn als total überbewertet an. Ich tendiere zu Ersterem. Traumhafte Nase mit frischer Frucht, Zitrus und reifer Apfel, sehr mineralisch, am Gaumen ein blutjunges Rasseteil mit enormer Kraft und langem Abgang, aber mit der hohen Säure auch noch etwas bissig wirkend. Da kommt mit den Jahren noch mehr – WT96+. Reifer, weicher, eleganter und Zugänglicher wirkt der generöse 1995 Krug, aber auch hier ist noch genügend Rückgrat für eine längere Zukunft – WT95. Beeindruckend auch der 1988 Krug, in der Nase erste Reife – was heißt das schon bei Krug? – wiederum mit strammer Mineralität, apfeliger Frucht, Brioche und gerösteten Nüssen, am Gaumen Kraft, Finesse und gute Säure, ein Klassiker, der es noch länger macht – WT95. Alle drei übrigens perfekte „Food Champagnes“, die perfekt mit der großartigen Küche harmonierten.

Traumstoff und für mich der beste Champagner der Probe der 1985 Clos du Mesnil, einfach ein perfekt balancierter Champagnertraum. Cremige Textur, hohe Mineralität, irre Länge, wirkt auf dem Punkt und ist absolut stimmig. Ein Mörderchampagner, der mitten im Dorf auf einer 2,4 h kleinen Parzelle mit kalkigen Böden und warmem Mikroklima wächst – WT98. Während der Clos du Mesnil ein Blanc de Blancs ist, handelt es sich beim sündhaft teuren 1995 Clos d´Ambonnay um einen 100% Pinot Noir. Der machte mich etwas ratlos. Sehr jung mit hoher Säure, kräftig und etwas rustikal, baute enorm viel Luft und baute im Glas aus, aber auf mehr als WT93 kam ich da nicht. Die Magie dieses raren (2-3000 Flaschen) Champagners, der für jenseits €2500 gehandelt wird, würde sich mir wahrscheinlich nicht mal erschließen, wenn man mir das Etikett auf die Nase klebte. Da würde ich dann doch fürs gleiche Geld lieber ein paar Flaschen des genialen 1990 Krug erwerben. Der wirkte zum Essen zwar sehr reif und weich, ist aber ein großer, komplexer, sehr reichhaltiger und tiefgründiger Champagner auf dem noch langen Weg zu einem „weinigen“ Champagner Denkmal – WT97.

Und damit waren wir bei den reifen Krugs. Der Krug Private Cuvée Reserve – unser Champagner Experte konnte ihn anhand des Etiketts sofort als Krug aus den 60ern identifizieren – war reif, weich, cremig, aber immer noch mit spürbarem Mousseux und sehr aromatisch – WT95. Nicht die allerbeste Flasche war leider 1971 Krug, den ich mehrfach schon deutlich besser im Glas hatte. Aber aus dieser Flasche hier hatte er wohl schon etwas von der Welt gesehen, hatte kein Mousseux mehr und war nur noch ein durchaus faszinierender, leicht herber Stillwein – WT93. Deutlich frischer im Vergleich mit zumindest am Gaumen noch deutlich spürbarem Mousseux der ebenfalls reife, aber noch sehr kräftige 1966 Krug – WT95.

Wir waren noch nicht ganz durch, da hatten unsere nordischen Champagnerfreunde schon die Champagnerkarte des Hauses zerlegt. Da gäbe es noch einen 1976 Salon Le Mesnil für einen guten Kurs, ob da noch jemand mitmachen würde? Schwuppdiwupp hoben sich 12 Hände, und die Magnum war unser. Was für ein geiles, atemberaubendes Teil! Da stimmte von der Nase bis zum langen Abgang einfach alles. Kann ein Champagner sexy sein? Der hier in jedem Fall, mit unglaublicher Fülle, mit immer noch wunderbarer Frucht, betörender Eleganz und Grazie, mit gutem Mousseux, generösem Schmelz, druckvoller Aromatik und grandiose Länge – WT98.

Und da es nach dem letzten Champagner natürlich immer noch einen allerletzten gibt, öffnete Jan Paulson noch einen superben 2008 Les Orizeaux Pinot Noir von Chartogne Tagnet aus einer kleinen Parzelle mit 55jährigen Rebstöcken. Das war ein komplexer, nachhaltiger Mörderstoff mit gewaltigem Potential – 95+. 2008 gilt übrigens als Traumjahrgang in der Champagne.

Der stolze Gastgeber

Und damit kamen wir zum dritten Akt dieser Probe, dem 1959 Dinner. Pünktlich um 19 Uhr 59 hatten wir die ersten drei 1959er Champagner im Glas. An allen dreien hatte spürbar der Zahn der Zeit genagt. Der 1959 Charles Heidsieck besaß kein Mousseux mehr, war aber ein durchaus noch feiner Stillwein mit weicher Säure – WT86. Schwierig der 1959 Ernest Irroy, Säure, Oxidation, aber auch immer noch spürbare Restsüße, zeigte sich am Gaumen deutlich besser als in der Nase und muss in seiner Jugend ein „süßer“ Champagner gewesen sein – WT84. Kaum noch Mousseux hatte der 1959 Dom Perignon, wirkte alt und staubig und erinnerte in der Aromatik an Urgroßmutters Kleiderschrank – WT80.

Der erste Rotwein des Abends hätte noch in diese debile Champagnerriege gepasst. Helles Altrosa war die Farbe des 1959 Barolo Pio Cesare, etwas muffig die Nase, auch am Gaumen trotz dezenter Süße wenig Vergnügen – WT80. Deutlich aufwärts ging es dann mit einem 1959 Imperial von CVNE aus dem Rioja. Altersfrei die brilliante Farbe, in der gesamten Anmutung mit schöner Frucht immer noch so jung und aromatisch – WT94. Noch eine Ecke drüber der 1959 Côte Rotie Les Jumelles von Jaboulet-Ainé. Würzig-süße, generöse Nase, am Gaumen sehr gefällig mit burgundischem Charme und feinem, süßem Schmelz – WT96.

Der 1959 Gevrey Chambertin Les Combottes von Thorin-Chambert war ein sehr guter, etwas rustikaler, aber immer noch voll intakter Gevrey – WT92. Große Freude kam auf mit dem 1959 Charmes Chambertin von Ligeret. Das war ein großer, immer noch so jung wirkender Burgunder mit Kraft, Süße, Fülle und Länge – WT96. Deutlich weniger Freude machte der 1959 Clos de Vougeot von Chanson, leicht muffige Nase, schwierig auch am Gaumen – WT85.

Jetzt war das Vorspiel einer Bordeaux-Orgie angesagt, wie ich sie in dieser Qualität selten erlebt habe. 1959 La Dominique war ein erstaunlich schöner, immer noch fruchtiger Zedernholzdrink mit guter Farbe – WT93. Von seiner besten Seite zeigte sich auch 1959 Gruaud Larose mit guter Frucht, Cabernetwürze, erdiger Mineralität, Zedernholz und feinem, generösem Schmelz, die 59er Säure gut stützend, aber dezent im Hintergrund – WT96. Den dritten Wein dieses Flights packe ich zu den nächsten dreien, denn da gehört er hin.

Wann habe ich das je gehabt. Vier große 59er Bordeaux, jeder auf seine Art perfekt, viermal WT100, das war einfach irre und der perfekte Paukenschlag einer großen Probe. Der Wahnsinn begann mit 1959 La Mission Haut Brion, der mit seiner jungen, altersfreien Farbe, der irren Frucht, der Konzentration am Gaumen und der perfekten Cigarbox-Aromatik als Zwilling des 82ers durchging – WT100 ohne Wenn und Aber. Und dann dieser schier unglaubliche 1959 Margaux, den ich noch nie auch nur ansatzweise so gut im Glas hatte. Ein Margaux wie aus dem Bilderbuch, Eleganz pur, aber auch noch soviel gut verpackte Kraft, ja das war sie, die berühmte Eisenfaust im Samthandschuh – WT100. Gewann übrigens als Primus inter Pares die Publikumswertung. Und dann dieser schlichtweg perfekte 1959 Latour, bei dem die manchmal etwas störende 59er Säure etwas in den Hintergrund trat – WT100. Ja war denn dieser Jan Paulson des Wahnsinns fette Beute? Bringt der dann noch die ebenfalls perfekte, leicht exotische Wuchtbrumme 1959 Mouton Rothschild, die ebenfalls besser nicht geht – WT100.

Eigentlich hätte es nach diesem Stakkato keiner Fortsetzung bedurft, aber da waren noch drei sehr spannende Süßweine, die auf uns zu einem feinen Dessert warteten. Noch so unglaublich frisch wirkte der 1959 Vouvray Le Haut Lieu Demi Sec von Huet, eher schon harmonisch trocken als halbtrocken wirkend, das Äquivalent zu einer großen, perfekt gereiften Mosel Auslese, sehr mineralisch, kräuterig mit feiner Frucht, absolut balanciert und stimmig mit noch langer Zukunft – WT95. Aus diesem großen Sauternesjahr brillierte auch der 1959 Guiraud, brilliantes, tiefes Gold, feine Honignote, exotische Früchte, karamellisierte Ananas, cremige Textur, süß, aber trotzdem balanciert – WT94. Ein Dessert für sich der dunkle 1959 Oestrich Räuscherberg Beerenauslese vom Weingut Johannes Ohlig, dunkles Toffee, Bitterschokolade, Espresso, wunderbarer, süßer Schmelz balanciert durch gute Säure – WT96.

Wer Jan Paulson und das Kronenschlösschen (letzteres kann ich mit der superben Küche, der gewaltigen Weinkarte und dem kuscheligen Hotel jederzeit auch solo sehr empfehlen) zusammen erleben möchte, kann das perfekt beim nächsten Rheingau Gourmet Festival, auf dem Jan Paulson vier große Proben moderiert.