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Geniales aus 1961, 1962, 1964, 1966 und 1970

Die Ferien waren zu Ende, und doch war das schon wieder wie Urlaub, was uns Elke da auf dieser feinen Probe kredenzte.

Eine Traumnase hatte der 1961 Figeac, kräftig, kernig, ledrig und vor allem ohne den kork-ähnlichen Muffton so vieler Figeacs. Auch am Gaumen perfekt und stimmig, hält was die Nase verspricht und hat noch Potential für lange Jahre – WT95. Hell und reif wirkend die Farbe des 1961 La Lagune, einfach sexy diese generöse Nase mit viel Kaffee und Süße, was sich am Gaumen fortsetzt. Hat was von einem großen, reifen Burgunder, dieser Riesenwein, den Parker vor langer Zeit mit 60 Punkten hingerichtet und danach wohl vergessen hat. Bei mir sind es – mal wieder – WT97, und ich schreibe eigentlich nur ungern über diesen Geheimtipp. Intakt die Farbe des 1961 Phélan Ségur, der auf hohem Niveau etwas freudlos und metallisch wirkte, machte sich deutlich besser zum essen – WT88. Mit ihrem sprichwörtlichen, goldenen Händchen hatte die liebe Elke dann wieder eine perfekte Flasche des 1961 Ducru Beaucaillou ausgewählt. Eleganz und Finesse pur, ganz anders als die heutigen Ducru-Boliden, immer noch gute Frucht, feiner, süßer Schmelz, enormer Druck und Tiefgang am Gaumen. Keinerlei Schächen zeigte dieser gut gereifte Ducru, im Gegenteil, er baute enorm im Glas aus – WT96. Irres Potential zeigte der 1961 Trotanoy, obwohl die leicht ältlich wirkende Nase zu Anfang irritierte. Aber letzteres gab sich schnell, und auch die Nase passte sich immer mehr dem perfekten Gaumen an. Kräuterig, lakritzig und enorme Power, kein Schokoschmuser, sondern eher ein Brutalo-Pomerol vom Stile eines Lafleur, dürfte noch zulegen und hat Potential für Jahrzehnte – WT96+.

Soviel 61er macht glücklich

Nach solch einem Einstiegsflight konnte es eigentlich nur bergab gehen. Und so kam mit dem inzwischen schwächelnden Jahrgang 1962 nach der Berg- die Talfahrt. Fehlerhaft war wohl der 1962 Giscours, der eigentlich zu den besseren Weinen des Jahrgangs gehört. Aber was da mit der Nase eines stark gechlorten Schwimmbades ins Glas kam und am Gaumen schnell absoff, war wohl eine schlechte Flasche. 1962 Gruaud Larose trank sich auf niedrigem Niveau ganz gut mit schöner Nase, wirkte am Gaumen jedoch arg metallisch – WT86. Säuerlich, medizinal und absolut spaßfrei der 1962 Lynch Bages, bei dem einige der Probenteilnehmer spontan an eine große, aber nicht gerade lustvolle Lynch Bages Vertikale in Warendorf dachten. Es gibt halt ein paar wenige, große alte Lynch Bages und jede Menge grenzwertigen Mist wie das hier – WT78. Solche Weine eignen sich dann perfekt als Begleiter einer Diät. Davon trinkt niemand freiwillig mehr als einen kleinen Schluck. Elke wäre nicht Elke, wenn sie nicht sofort für Ersatz gesorgt hätte. Der 1986 Lynch Bages war zwar auch nicht gerade ein Charmbolzen und eher etwas rustikal und ruppig mit viel Brett, aber wenigstens gut trinkbar – WT87. Vom Jahrgang passte der zum generös ausgeschenkten Tischwein, einem zwar kernigen, kräftigen, aber auch zugänglichen und schmeichlerischen 1986 Grand Puy Lacoste – WT93. Beide 86er übrigens aus der Magnum. Leider wiederholte sich das La Lagune Wunder aus 61 in 62 nicht. Der 1962 La Lagune war kompakt, schlank mit wenig Schmelz und hoher Säure – WT87. Von den 62ern der Schönste war der 1962 l´Arrosée, ein zwar kleiner, aber sehr feiner, eleganter und absolut stimmiger wein mit leichter Karamellnote – WT89.

Irgendjemand am Tisch meinte, der 1964 Lafleur sei ein intellektueller Wein. Wenn er damit sagen wollte, dass dieser Wein kein offenherziges, dekadentes Schmusemonster ist, dann hatte er recht. Der Lafleur war sehr maskulin und kräftig mit der klassischen Kräuternote und hoher Säure, aber auch enormem Tiefgang. Ich mag das und freue mich auf sicher noch zwei Jahrzehnte dieses spannenden Weines – WT94+. Eigentlich könnte da 1964 La Lagune fast mit. Zuletzt hatte er im Juli (danke Elke) auf Holger Berens 50. Geburtstag einem 64er Latour auf WT94 Niveau die Hosen ausgezogen. Aber aus dieser Flasche hier hatte er einen Schlag weg und war nicht in Topform. Für den 1964 Latour reichte es trotzdem, denn diese optisch einwandfreie Magnum war schlichtweg oxidiert und hin. Dafür entschädigte uns eine traumhaft unkomplizierte, schmelzige, süße 1964 Pape Clement Magnum mit guter Mineralität und langem Abgang – WT95. Liegt in der Form in Pessac zumindest mit an der Spitze. Um ältere Pape Clements muss ich mich etwas intensiver kümmern. Da scheint es noch reichlich interessante Schnäppchen zu geben. Fast auf dem Niveau des 61ers war der großartige 1964 Figeac aus der Magnum, jung, kräftig, eher maskulin, sehr druckvoll und mit sehr guter Struktur, in dieser Form jede Suche wert – WT94. Und selbst Canon, dieser permanente „Underperformer“ konnte als 1964 Canon aus der Magnum überzeugen. Junge Farbe, sehr kräftig, dicht, immer noch insgesamt so jung wirkend mit viel Potential und sehr guter Länge – WT93.

Verdammt gut ging es uns mal wieder an diesem Abend. Und dann kam der WOTN (der Wine Of The Night), und setzte auf alle Vorgänger noch mal richtig eins drauf. Die Nase Pinot vom Feinsten mit reifen Himbeeren und Erdbeeren, auch am Gaumen auf höchstem Niveau burgundisch mit feiner Süße, herrlichem Schmelz, aber ach mit Druck, Kraft und Länge, dazu getragen von stabiler Säure. Dieser 1966 Chateau Musar aus dem Libanon war einfach Suchstoff pur – WT98. 1966 Lynch Bages hatte zur kräftigen Säure auch einen Schmelz, wurde weicher und baute enorm im Glas aus – WT90. Sehr muffig die Nase des 1966 Haut Brion. Dahinter verbarg sich ein anständiger, aber nicht überragender, kräftiger Haut Brion mit junger Farbe und hoher Mineralität, der aber insgesamt etwas schlank und kompakt wirkte – WT90. Leider nix los mit Latour an diesem Abend. Der 1966 Latour taugte allenfalls als Putzmittelreklame. Vielleicht hatte er auch einfach nur Angst vor 1966 La Lagune. Der war aus der Magnum noch so irre jung, so konzentriert, aber auch stückweit zugenagelt. Da sind wohl noch 10 Jahre warten angesagt – WT88++. Sicher ein Tipp für Geduldige und diejenigen unter den 1966 Geborenen, die schon rechtzeitig den Wein für ihren 60. und 70. Geburtstag kaufen wollen.

Elke mit Edel-Assistent Jürg Richter

Nein, es war nicht der Latour-Tag. Der 1970 Latour, den ich schon oft genug aus WT100 Flaschen im Glas hatte, war dicht, kräftig, lang, aber nicht in Topform – WT93. Und das sollte man bei diesem potentiellen Legendenkandidaten wisse. Von dem gibt es saugute, sauschlechte und jede Menge Flaschen dazwischen. Wir waren hier dazwischen. Deutlich besser kenne ich auch 1970 Giscours, der hier, zwar auf hohem Niveau, seine explosive, trüffelig-portige Aromatik vermissen ließ – WT90. Deutlich besser hätte auch 1970 Lynch Bages sein müssen. Aus dieser Flasche hier war er einfach nur harmlos und uninspierend – WT85, was 10 Punkte unter den besseren Flaschen sind. Sehr variabel ist auch 1970 Trotanoy. Aus dieser Flasche hier schien er noch etwas unfertig mit massiven Tanninen und bissiger Säure. Ein enorm kräftiger Wein, der viel Zeit und Luft brauchte – WT90+. Ich setze auf die Zukunft dieses Weines und kaufe zu. Schlichtweg ein Traum dann 1970 La Lagune, ein kerniger, klassischer Old School Bordeaux mit unglaublicher Power, so ein richtiger Latour für Schlaue – WT95. Positiv überrascht hat mich auch 1970 Figeac mit einem schönen Spagat zwischen Eleganz und Kraft, wiederum mit einer feinen, Fehlton-freien Nase – WT93.

Mit dabei in der Runde unglaublich netter Leute auch einer der größten Sauternes-Sammler dieser Erde, Jürg Richter aus der Schweiz. Mit dabei hatte der zwei großartige Sauternes-Trouvaillen, die alleine schon die Reise zu Elke wert waren. Ein absolut stimmiger, großer Sauternes mit irrer Länge am Gaumen der fast 100 Jahre alte 1916 Lafaurie Peraguey – WT94. Und im anderen Glas ein Jahrhundertwein, der 1945 d´Yquem. Kumquats, Crême Brulée, geröstete Manden, dunkles Toffee, einfach dekadente, süße Fülle, immer noch balanciert durch gute Säure, am Gaumen mit ewiger Länge – WT98. Was für ein Abschluss einer großartigen Probe!

Ja, der Wineterminator war begeistert