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Große 1934er Probe

Einer echten Herausforderung hatte sich René Gabriel bei dieser Semesterprobe gestellt. Der Jahrgang 1934 ist ein guter, aber kein großer Jahrgang. Und mit nun 80 Jahren auf dem Buckel gibt es immer noch etliche, sehr rüstige Weine, die aber kaum zum jugendlichen Liebhaber taugten.

Ort des Geschehens war das Hotel Bad Bubendorf im Baselbiet. Dort traf sich am ersten Abend im Zweitrestaurant des Hotels (es gibt noch eine empfehlenswerte, besternte Osteria) die „Gabriel-Familie“ zur ersten Probenrunde. Bei René Gabriels Semesterproben sieht man stets die gleichen Gesichter. Es ist in der Tat wie eine große Familie. Man kennt sich, man mag sich und man freut sich, wieder zusammen zu sein. Wenn der gute René mal eine Wasserprobe machen würde, kämen wahrscheinlich auch alle.

Furztrocken und alterslos der 1934 Vouvray Chateau Chevrier von Jules Gremy, „schmeckt wie alkoholisiertes Wasser“, so mein Gegenüber, „perfekt mumifiziert“ kam aus einer anderen Ecke. Reife, trockene alte Weißweine tun sich in der Tat immer schwer, da sie ja eigentlich von der Frucht leben und die Tertiäraromen dieser Weine selten spannend sind, immerhin war dieser Wein, der mit viel Luft dann wenigstens in der Nase noch florale Noten und einen Hauch Minze entwickelte, immer noch trinkbar – WT80. Das konnte man leider vom 1934 Nuits Clos du Rosier von Morin Père & Fils aus einer Flasche mit 9cm Schwund nicht sagen, sehr hell, fast wässrig die Farbe, in der Nase Klebstoff ohne Ende, am Gaumen nur Essig, untrinkbar. Auch für den 1934 Volnay von Legrand Frères mit seiner ziemlich üblen Nase konnte ich mich nicht begeistern, der Gaumen war ok, wenn auch etwas gezehrt. Immerhin konnte man den Wein trinken – WT80. Wunderschön, aber nur vom Etikett her ein 1934 Chambertin von Camus, auf dem Korken stand 1955. Feine, rotbeerige Frucht, ein eher zarter, eleganter, sehr finessiger Wein – WT90. Sehr jung die Farbe des 1934 Gomez Rioja Reserva Especial, die Nase immer noch mit guter Frucht und etwas Kaffee, der Gaumen monolithisch und etwas ausgelaugt wirkend – WT81. Eigentlich ist 1934 ein sehr gutes Rioja-Jahr. Das zeigte deutlich der voll intakte, noch sehr kraftvoll auftretende 1934 Vina Tondonia von Lopez de Heredia. Tiefes Rot mit wenig Orangenrand die Farbe, sehr würzig und kräuterig die Nase, sehr druckvoll und mit enormem Tiefgang der Gaumen mit enormer Länge, da ist noch Musik für lange Jahre drin – WT94. Erstaunlich stabil mit dichter Farbe kam der 1934 Cos d´Estournel in einer Schröder & Constatins Abfüllung trotz grenzwertiger „low shoulder“ Flasche ins Glas. In der Nase ein dampfender Misthaufen, am Gaumen stabil und kräftig, doch schon nach ein paar Minuten ging´s rasant bergab – WT84.

Eine dichte Farbe hatte der 1934 de Ferrand aus St. Emilion, wirkte aber insgesamt etwas mager und gezehrt. Deutlich besser zum Essen – WT85. Der einsame Rufer in der Wüste war in diesem Flight der 1934 Canon, sehr kräftig mit toller Struktur und immer noch so jung, jede Suche wert – WT93. Deutlich besser kenne ich von Elke dreschers Proben den mehrfach getrunkenen 1934 l´Angelus. Hier hatte er auch eine sehr junge Farbe, wirkte aber insgesamt, vor allem am Gaumen, etwas sperrig und leicht gezehrt, baute mit der Zeit im Glas aus – WT89. Schade, dass auch der 1934 Cheval Blanc nur aus einer ‚ls’-Flasche zum Einsatz kam, denn dieser wein kann viel mehr. So war er mit heller Farbe, etwas Kaffee, dezenter Süße und wenig Druck am Gaumen nur ein Schatten seiner selbst – WT84. Völlig daneben aus einer äußerlich perfekten Flasche der 1934 Petit Village mit Klebstoff ohne Ende. Untrinkbar und pures Essig der 1934 Rouget aus Pomerol.

1934 La Closerie du Grand Poujeaux war wieder Klebstoff pur, völlig daneben. Eine unangenehm pilzige Penicillinnase hatte der 1934 Millet aus Graves und ging am Gaumen überhaupt nicht. Da war der 1934 Smith Haut Lafitte eine richtige erholung. Reife Farbe zwar, aber so mineralisch, so druckvoll, getragen von deutlicher Säure, baute enorm im Glas aus und entwickelte eine lakritzige Süße – WT93. Tiefschwarz und völlig oxidiert der 1934 Pontac Montplaisir. Tiefdunkle Farbe ist bei älteren Weinen KEIN Qualitätsmerkmal. Wenn Sie einen solchen Wein angeboten bekommen, unbedingt eine starke Taschenlampe dahinter halten. Wenn Sie dann einen rubinroten Kern erkennen, ist alles ok, wenn nicht, unbedingt Finger weg. Da droht oxidierte Kacke. Der 1934 Haut Brion mit seiner tiefdunklen Farbe ist so ein Kandidat, der sich je nach Flaschenzustand zwischen Genie und Wahnsinn bewegt, und den ich von schlecht bis WT100 schon in allen Varianten im Glas hatte. Hier kam er absolut genial ins Glas mit traumhaftem Bouquet. Große Vorfreude kam bei mir auf, doch dann starb der Haut Brion plötzlich ganz schnell im Glas, jammerschade. So stand der 1934 La Mission Haut Brion diesmal nicht im Schatten des Nachbarn. Gereifte Farbe, immer noch deutliche Frucht, hohe Mineralität, Tabak und ein Hauch Minze, am Gaumen wiederum mineralisch mit feinem Schmelz, getragen von gut stützender Säure – WT92.

Sehr schön zu trinken war der 1934 Beychevelle. Helle, reife Farbe, immer noch betörende, feine Frucht, sehr elegant und finessig, fast etwas zerbrechlich wirkend – WT89. Schwierig und anstrengend der 1934 Ducru Beaucaillou, der zwar keinen richtigen Kork, aber einen üblen Fehlton hatte. Kein schlechter Wein der 1934 Gruaud Larose Faure mit sehr guter Farbe, aber etwas eindimensional und monolithisch, kein Alter, baute im Glas gut aus – WT88. Und dann kam als Abschluss das Leoville-Dreigestirn. 1934 Leoville Barton aus einer Händlerabfüllung war trotz eines leichten Fehltons sehr elegant, reif, weich mit generöser Süße – WT90. 1934 Leoville Poyferré hatte eine voll intakte Farbe und war ein sehr stimmiger, leicht kerniger Wein, reifer Cabernet pur – WT92. Auf gleichem Niveau, aber mit deutlich mehr Potential der noch so jung wirkende, leicht sehnige 1934 Leoville las Cases – WT92+.

Nicht zu vergessen die beiden Tischweine des ersten Abends. René Gabriel hatte für alle Anlässe Großflaschen aus dem nicht einfachen Jahr 1994 ausgesucht. Zunächst gab es 1994 Cheval Blanc aus mehreren Magnums. Aus zweien davon habe ich diesen Wein, mit dem ich mich noch nie anfreunden konnte, probiert. Aus der ersten Magnum war das ein rustikaler, charmfreier, kompakter Kraftprotz mit mehr Zedernholz als Frucht, am Gaumen schlank mit kurzem Abgang – WT87. Aus der zweiten Magnum war er deutlich schöner, aromatischer und schon eher an Cheval Blanc erinnernd – WT90. Mit etwas Ladehemmung auch 1994 La Mission Haut Brion aus der Doppelmagnum. Da sind immer noch die etwas grünen, astringierenden Tannine, die den Genuss dieses sonst klassischen Pessac in Grenzen halten – WT89. Und einen 1934 Armagnac Selection Etchart gab es zum Kaffee noch. Der hatte eine faszinierende, nussige, rosinige Nase mit viel dunklem Toffee. Für Fans sicher ein Erlebnis.

Natürlich traf sich nach getaner „Arbeit“ der harte Kern noch in der Hotelbar. Das Bubendorf hat eine sehr gut bestückte, vom Wine Spectator mit dem Award of Excellence dekorierte Weinkarte. Aus der starteten wir mit einer 2011 Hermannshöhle GG von Dönnhoff, die mit ihrer irren Strahlkraft und Brillianz, der messerscharfen Struktur und dieser intensiven Mineralität, bei der man meint, am Felsen zu lutschen, locker der Wein des gesamten Abends war – WT96. Was mich an Weinen wie dieser Hermannshöhle immer so fasziniert ist diese unglaubliche Eleganz, Frische und Leichtigkeit. Könnte ich nie als letzten Wein des Abends trinken, denn der macht nicht bettschwer, sondern hellwach. Traumhaft schön und sehr balanciert, der sehr elegante, animierende, im positiven Sinne schlanke 2009 Gevrey Chambertin Clos Saint-Jacques von Silvie Esmonin, den ich blind nie in das eher „dicke“ Burgunderjahr 2009 geschoben hätte – WT94. Genau diese Eleganz und Finesse fehlte dem kräftigen, intensiven 2006 Salzberg von Heinrich, der auf hohem Niveau etwas ungelenk wirkte. Und dann gab es noch einen Wein zum später weiterträumen, den 2006 Sassicaia. Klar ist der noch zu jung und zeigt wohl erst in 10 Jahren alles, was er drauf hat. Aber was für ein faszinierender Wein schon jetzt, reife Frucht, zwar, aber soviel Spannung, da vibriert das Glas beim Trinken. Warum hat der Vater des heutigen Inhabers damals die Reben für Sassicaia angepflanzt? Weil er einen toskanischen Lafite haben wollte. Das hat er geschafft. Und dieser 2006er ist einer der größten, jungen Sassis, die ich je im Glas hatte - WT95+ mit Potential für 97 und vielleicht mehr. Ja, ich habe gut danach geträumt.

Am nächsten Mittag ging es auf die Farnsburg mit ihrem legendären Weinkeller. In diesem genialen Spielzeugladen für große Jungs waren wir natürlich in unserem Element und badeten in herrlichen Trouvaillen. Immer wieder verschwand jemand im Keller und kam mit leuchtenden Augen und einer spannenden Flasche wieder. Mehr dazu jetzt in den Weinmomenten Oktober. Das offizielle Programm startete mit 1994 Leoville Barton aus der Imperiale und einem 1994 Montrose aus der Jeroboam. Klar war das irgendwo unfair inmitten all dieser Weine aus dem Farnsburg Keller. Die Beiden gehören zu den besseren Weinen des Jahrgangs, aber der hieß nun mal leider 1994. Der Barton zeigte bei aller Jahrgangstypizität eine schöne Eleganz und viel Zedernholz, baute norm im Glas aus und noch mehr in der Flasche. Am nächsten Abend in der Hotelbar war ich bei WT90. Mich reizte aber der erstaunlich zugängliche Montrose mit seiner generösen Süße und seiner kräuterig-lakritzigen Fülle deutlich mehr – WT92. Die Überraschung des spendablen Hausherrn war dann zum Dessert ein grandioser 2001 Lafaurie-Peraguey aus der Doppelmagnum. Der passte nicht nur perfekt zum Dessert. Er war auch für sich eins. Dichtes Goldgelb, traumhafte Aromatik mit Bittermandel, Crême Brulée, englischer Orangenmarmelade, Kumquats und frischem Backwerk. Cremige Textur, animierende, nicht überladene Fülle, gute Säure, sehr gute Länge – WT95. Lafaurie-Peraguey gehört zu meinen Lieblingssauternes. Nicht nur, weil er einfach Klasse hat, sondern weil er auch in frühen Jahren schon überzeugt. Den dann aus der Doppelmagnum in größeren Schlucken die Kehle runterlaufen zu lassen, das hatte was.

Am Abend waren wir in einem schönen Saal der Burg Wildenstein. Der mir bis dato völlig unbekannte 1934 Piton Righebon aus Moulis wirkte erstaunlich vital mit guter Frucht und viel Zedernholz und war sehr schön zu trinken – WT88. Das galt leider für die anderen Nobodys nicht. Beim 1934 Pibran konnte allenfalls die reife, mineralische Nase überzeugen, der Gaumen war eher dürftig – WT84. Der 1934 La Colonilia hatte eine Kloakennase und war am Gaumen auch nicht besser, pfui. Der 1934 Lamourroux war ziemlich dünn, gezehrt und säurelastig – WT78. Nicht viel besser der etwas nichtssagende, ebenfalls dünne und säurelastige 1934 Bouey Cantenac – WT80. Viel Säure, aber no charme der 1934 Labégorce – WT76. Dürftig die leicht stinkige Nase des 1934 d´Angludet, auch hier deutlich zuviel Säure am Gaumen. Wie gut, dass nach diesem Flight, den niemand brauchte, die zwei Schlossbuam kamen und Stimmung machten.

Nichts los beim 1934 Cantenac Brown, weder in der Nase noch am Gaumen – WT78. Ein feiner, kleiner Wein ohne Höhepunkte der immerhin gut trinkbare 1934 Ferrière – WT84. Gut gefiel mir die Nase des voll intakten 1934 Chateau Margaux, doch mit der (zu) hohen Säure am Gaumen hatte ich so meine Probleme. Erreichte nicht die Klasse, die er 2007 in St. Moritz bei René Gabriels großer Margaux-Probe zeigte – WT88. Der 1934 Palmer roch seltsam nach Schuhcreme und war am Gaumen auch nicht viel besser – WT82. Völlig daneben leider der 1934 Rauzan-Ségla. Für mich der beste Wein des Flights war der sehr feine, elegante 1934 Talbot, der in der Nase noch erstaunlich gute, rotbeerige Frucht zeigte und sich am eher schlanken Gaumen sehr stimmig präsentierte – WT89.

Eine große Überraschung war für mich der immer noch geradezu jung und sehr kräftig wirkende 1934 La Lagune, der es mit seiner Substanz und seiner großartigen struktur noch länger machen dürfte – WT93. 1934 Montrose roch leider intensiv nach Pappkarton und war am sehnigen Gaumen recht anstrengend – WT83. Dafür zeigte 1934 Pontet Canet in einer Cruse Abfüllung, dass die heutige Klasse des Chateaus kein Zufall ist. Voll intakte, erstaunlich junge Farbe, reife, von Tertiäraromen geprägte Nase, am Gaumen Struktur, Rasse und Klasse. Ein perfekt gereifter Pauillac, den ich jederzeit nachkaufen würde – WT94. Jedenfalls deutlich eher als 1934 Latour, der mich noch nie überzeugen konnte, und der in dieser Probe aromatisch eher etwas von Salatdressing hatte – WT81. Säuerlich, oxidiert und mausetot leider der 1934 Lynch Bages. Gut aber nicht groß der 1934 Mouton Rothschild, bei dem vor allem die immer typische, von Röstaromatik geprägte Nase (sehr erstaunlich für einen 80jährigen Wein) überzeugen konnte. Am Gaumen trotz feiner Süße dominiert von hoher Astringenz – WT89.

Als Abschluss dann noch ein Sauternes-Flight aus einem eigentlich großen Sauternes-Jahr. Aber davon war hier leider nicht viel zu spüren. Der 1934 Jany aus Barsac war einfach kaputt. Der erstaunlich helle 1934 Filhot wirkte trotz dezenter Süße leicht verwesend – WT84. Mit sehr tiefer Farbe zeigte sich der 1934 Suduiraud süß, kräuterig mit einem Schuss Hustensaft und recht gefällig – WT89. Sehr fein mit deutlichem Melisse-Touch die Nase des 1934 d´Yquem, der aber am Gaumen mit hoher Süße etwas diffus wirkte, kenne ich deutlich besser – WT89.

Natürlich hatten es die 34er schwer gegen die Tischweine des zweiten Abends. Prächtig gemacht hat sich der 1994 Valandraud, der aus dieser aus der Imperiale statt den leicht grünen Noten früherer Jahre eine röstige, schokoladige Opulenz zeigte und dabei immer noch recht jugendlich wirkte – WT94. Noch eine Ecke drüber der 1994 Lafleur aus der Jeroboam. Recht offen und zugänglich, wunderbar komplexe, kräuterige, süße, schokoladige Nase, am Gaumen kraftvoll mit immer noch spürbaren Tanninen, aber auch hier einfach schokoladig-opulent mit feiner Süße – WT95.

95*95 heißt René Gabriels nächste Semesterprobe im Frühjahr 2015 in Lichtenstein. Die dürfte dann vor jugendlichen Liebhabern nur so strotzen. Und auch wenn René Gabriel diese Proben seinen Stammgästen vorbehält, es lohnt der Versuch über die Warteliste.