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Und noch ein runder Geburtstag

Ein Weinfreund hatte zum runden Geburtstag ins Berens am Kai eingeladen. Diesmal war es ein 40. Geburtstag. Wie schön, dass er uns vor einer Unmenge 40 Jahre alter Weine verschont hat. Und wie schade, dass er keinen 74er Heitz Martha´s und andere große Kalifornier im Keller hatte. Dafür hatte er dort reichlich andere, großartige Schätze aufgespürt. Es ging Schlag auf Schlag auf sehr hohem Niveau.

Gleich das erste Glas war der Hit, 1983 Trimbach Clos St. Hune. Immer noch sehr frisch mit nur dezenter Petrolnote in der Nase, knackige Zitrisfrucht, Grapefruit, am Gaumen furztrocken mit guter Säure und straffer, leicht salziger Mineralität, immer noch mit Langstreckenpotential – WT96. Blutjung im anderen Glas ein 2007 Chevalier Montrachet von Philippe Collin mit perfekter, kalkiger Mineralität, superber Struktur und fast filigraner Leichtigkeit, trotzdem enorm druckvoll am Gaumen – WT95.

Himmel noch mal, musste jetzt ausgerechnet dieser 2007 Le Montrachet von Comte Lafon Kork haben? Zumindest in der Nase schien es so, am Gaumen war dieser kräftige, würzige, sehr extraktreiche und druckvolle Wein blitzsauber. Also stellten wir ihn zurück und warteten. Das lohnte, der korkähnliche Stinker ging weg, der Montrachet explodierte auch in der Nase und wurde immer minziger, what a treat! – WT97. Der 2007 Batard Montrachet aus der praktischen (=weil genug drin) Magnum von Jean-Noel Gagnard kam mit deutlicher Spontinase ins Glas, aber auch mit Orangenblüte und Mentholfrische. Am Gaumen war er knochentrocken, mit enormem Druck, guter Struktur und Säure, aber auch Fülle und feinem Schmelz, lang am Gaumen – WT95.

Was hatte sich unser spendabler Gastgeber nur beim nächsten Flight gedacht? Wie kann man diese drei Weine nur nebeneinander stellen, es sei denn, man hat das schon häufiger gemacht. Schlichtweg ein Traum dieser 1988 Chambertin von Armand Rousseau, der hat das, was man burgundische Pracht und Fülle nennt, dazu faszinierende Aromatik mit Weihnachtsgewürzen, Kräutern und Zimt, Schmelz, Kraft, Fülle und Länge ohne Ende, dazu Potential für Jahrzehnte – WT98. Und natürlich freut mich das für den Burgundjahrgang 1988, der ähnlich Bordeaux lange nichts hermachte und jetzt zeigt, dass er mal ein ganz großer wird. Auch der 1974 Vega Sicilia Unico aus dem Geburtsjahr unseres Gastgebers schlug sich hervorragend. Die früher bei diesem Wein so prägnante Säure ist einer charmanten, süßen, schokoladigen Fülle mit viel Kaffee gewichen. Struktur und Kraft hat der Unico noch für lange Jahre – WT94. Einfach wildes, dekadentes, sauleckeres Zeugs war dieser 1988 Chateau Rayas Chateauneuf-du-Pape Reserve, noch so jung, kräuterig, füllig und so vielschichtig, explosiv in der Nase und am Gaumen, könnte dem hoch gelobten 90er in 10 Jahren mal die Rücklichter zeigen – WT97+. Passten übrigens gut zusammen, diese Drei.

Und dann zeigte uns 1985 Heitz Martha´s Vineyard wieder in Vollendung, wie 4 Wochen lang getragene Wandersocken riechen, fürchterlich. Nur das dieser Geruch bei Wandersocken nicht weggeht, beim Heitz schon. Reichlich Geduld ist halt erforderlich. Ich habe mein Glas sehr lange stehen lassen, immer wieder reingerochen und probiert. Und tatsächlich, der Heitz wurde zugänglicher, immer weniger stinkig, stattdessen kamen immer mehr Minze und Eukalyptus. Beim allerletzten Schluck war ich bei WT95. Und warum das alles? Weil Joe Heitz in seinem Altersgeiz den Kauf neuer Fässer verweigerte. Dabei kam da in 1985 hervorragendes Rohmaterial in die Fässer. Nicht umsonst verpasste man diesem Wein seinerzeit das gleiche Etikett wie dem legendären 74er. Und da wohl nicht alle Fässer so schlecht waren, erwischt man hin und wieder auch mal eine Traumflasche dieses Weines. Deutlich besser geht auch 1985 Solaia, von dem wir wohl nicht die beste Flasche erwischten. Sehr reif zu Anfang vor allem die Nase mit viel Champignons. Stückweit entwickelte sich der Solaia dann noch, wurde frischer, minziger, erreichte aber nicht die gewohnte Klasse – WT93. Sehr positiv überrascht hat mich 1985 Latour, der enorm zugelegt hat. So jung, so dicht, so kräftig, ledrig und minzig mit enormer mineralischer Fülle und der klassischen Walnuss-Bitternote guter Latours, da spielt die Musik noch lange Jahre – WT96.

Haarscharf an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn lag der 1950 La Mission Haut Brion in einer deutschen R&U Abfüllung. Die rabenschwarze Farbe zeigte, dass da deutlich Oxidation droht. Teerige Mineralität, Cigarbox und alte Ledertasche, immer noch gewaltige Substanz, baute enorm im Glas aus – WT97. Erstaunlich frisch zeigte sich 1955 Latour, sogar noch mit rotbeeriger Frucht in der Nase und einem Hauch Minze, sehr elegant, mineralisch und absolut stimmig am Gaumen, gutes Rückrat und kein Zeichen von Alter – WT97.

Und auch der Senior der Probe war alles andere als senil. 1918 Haut Brion wirkte durch die deutliche Säure noch erstaunlich vital und vibrierend. Blind wäre ich nie auf das Alter gekommen. Leicht grüne Cabernetnase, die an den Dill von Silver Oak erinnerte, am Gaumen immer noch deutliche Tanninreste – WT91.

Sehr kraftvoll der Auftritt des immer noch blutjung erscheinenden 1983 Margaux, der in idealer Weise unbändige Kraft und betörende Eleganz miteinander verbindet, die klassische Eisenfaust im Samthandschuh in Perfektion, ein Monument für noch Jahrzehnte – WT99. Mit burgundischer Pracht und Fülle punktete der ebenfalls noch sehr jung wirkende 1983 Palmer, weniger Tannin als beim Margaux, dafür mehr süßer Schmelz, ein hoch erotischer wein – WT97.

Leider erwischten wir vom 1991 Ridge Monte Bello eine deutlich zu reife Flasche, in der dieser Wein schon stückweit über den Zenit schien und nur ansatzweise zeigte, was er sonst drauf hat – WT90. Voll da dafür der 1991 Shafer Hillside Select, der klassische Bordeaux-Stilistik mit geiler, kalifornischer Frucht verbindet, einfach dekadent lecker, ohne üppig oder breit zu wirken – WT97.

Mit einem Klassiker ging diese wunderbare Probe zu Ende. 1989 Angelus gegen 1990 Angelus. Zwei großartige Weine, die perfekt diese beiden hochklassigen Jahrgänge verkörpern. Der 89er, obwohl er sich hier erstaunlich reif präsentierte, ist der mit der besseren Struktur und wohl auch der langlebigere. Ein großer, fleischiger Wein mit reifer, dunkler Frucht, sehr kräftig und lang, in nicht so reifen Flaschen noch sehr gute Zukunft – WT96. 1990 Angelus ist der offenere, dekadentere, der alles zeigt, was er hat, und das ist eine ganze Menge, so eine richtige Wuchtbrumme. Allerdings hat auch der noch eine gute Tanninstruktur - WT97.