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Von falschen, echten und echt guten Flaschen

Von keinem Wein habe ich bisher mehr gefälschte Flaschen vorgesetzt bekommen als von reifen Lafleurs. Da kamen an diesem Abend wieder zwei dazu, doch gab es zusätzlich einige hochkarätige Überraschungen.

Eine feine Best Bottle war das, die wir um einen, zur beruflichen Fortbildung in Düsseldorf weilenden Weinfreund drum herum bauten. Eigentlich hätten wir auch von Best Food sprechen können, denn das, was Holger Berens und sein Team da in vielgängiger Form auf die Teller zauberten war allererste Sahne. Highlife übrigens auch am Nachbartisch. Da tagte schon seit etlichen Stunden sehr erfolgreich die Gesellschaft zur Wiederbelebung der seinerzeit von August dem Starken gegründeten „Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit“.

Mit dem ältesten Wein des Abends, einem 101 Jahre alten Weingreis, starteten wir. 1913 galt nicht gerade als großes Bordeauxjahr. Master of Wine David Peppercorn, inzischen selbst fast eine Legende, nennt in seinem Standardwerk nur einen, seinerzeit 1988 noch überraschend gut trinkbaren Wein, den Ausone. Und genau diesen 1913 Ausone hatten wir jetzt vor uns im Glas. Trotz einer original-verkorkten Flasche mit nur low shoulder als Füllstand war dieser Ausone noch erstaunlich lebendig und absolut „Maggi-frei“. In der Farbe immer noch schöne Rottöne. In der Nase Dörrobst und mit etwas herbstlichem Waldboden nur ganz leicht morbide, wirkt durch die gute Säure am Gaumen noch erstaunlich frisch, baut gut im Glas aus und entwickelt eine schöne, malzige Süße. Beeindruckend – WT92. Damit kommt er fast an die Klasse des schon mehrfach getrunkenen Lanessan dran, von dem ich letzte Silvester zu Ehren meines verstorbenen, an Silvester 1913 geborenen Vaters mit Andacht und einer Träne im Knopfloch, aber auch mit großer Begeisterung meine vierte und letzte Flasche getrunken habe.

Beim nächsten Solitär, einem 1964 Le Gay, merkte man deutlich die Verwandschaft zum Nachbargut Lafleur. Während viele 64er schon abbauen, hat man bei diesem Wein das Gefühl noch großen Potentials. Das ist jede Menge Kraft, Rasse und Klasse. Sehr animierend die schokoladig-kräuterige Nase, am fülligen Gaumen ein sehr stabiles Tanningerüst – WT94. Nach wie vor jede Suche wert. Mit dem können in 1964 Geborene auch noch ihren 60. feiern.

Und nach diesem doppelten Traumstart kam das erste, lange Gesicht. Eine Menge Geld hatte einer aus unserem Kreise für diesen vermeintlichen 1949 Clos de Tart Vandermeulen ausgegeben. An dem war leider nichts echt. Die Kapsel eindeutig nicht Vandermeulen, das Etikett eine ziemlich plumpe Fälschung und ein nicht akzeptabler Inhalt der Flasche. Moussierend wie ein leicht überlagerter Lambrusco, aber kein 65 Jahre alter Burgunder, nein, da konnte es einen nur schütteln. Der dreiste Fälscher gehört eigentlich in dieser Brühe ersäuft.

So ging es dann weiter mit einem ebenfalls gefälschten 1949 Lafleur, diesmal als sogenannte belgische Händlerabfüllung und verdammt gut gemacht. Von der äußeren Aufmachung her nur schwer als Fälschung zu erkennen. Nur das, was ins Glas kam, hatte mit Lafleur und dem Jahrgang nicht das Geringste zu tun. Mindestens 30 Jahre jünger der Inhalt, sehr dichte, kräftige Farbe ohne Alterstöne, sehr fruchtig und süß mit kirschiger Frucht, oder auf gut Deutsch süße Pampe. Der Spruch „The proof is in the bottle“ kam hier wieder voll zum tragen. Das war eindeutig kein Lafleur und auch kein großer Wein. Da dann doch lieber den ehrlichen Wein aus dem Nachbarglas, einen 1949 Ripaud aus St. Emilion. Der zeigte eine kräuterig-lakrizige Nase, hohe Säure am Gaumen und etwas Kaffee, erstaunliche Frische mit immer noch spürbaren Resttanninen – WT90.

Nicht nur echt, sonder auch echt gut dann der 1950 Le Gay in einer englischen Avery-Abfüllung. Immer noch so jung, auch in der Farbe. Kräuterig und lakritzig die Nase, die wiederum stark an (echten) Lafleur erinnert. Ein absolut stimmiger, enorm druckvoller Wein mit feiner Süße im langen Abgang, besitzt immer noch ein stabiles Tanningerüst für eine lange Zukunft – WT97. Dem gegenüber stand die nächste Fälschung. Ein 1950 Lafleur als scheinbar belgische Händlerabfüllung mit miserabel-billigem Etikett und einem wiederum unakzeptablem Inhalt, der jeder Beschreibung spottete. Ich kenne diesen Wein als eines der ganz seltenen Originale. Da setze der Lafleur auf den Le Gay noch eins drauf. Aber diese Fälschungen, mit denen nicht nur Ebay überschwemmt wird, sondern die leider auch bei immer mehr sogenannt seriösen Auktionshäusern auftauchen, die sind einfach eine Pest. Diese Flasche hier stammte nach Angaben unseres Weinfreundes von einem sattsam bekannten Luxemburger Apotheker und Weinhändler. Ich kann nur dringend raten: alte Lafleurs nie auf Ebay oder bei Auktionshäusern kaufen, sondern nur aus Originalkellern mit schriftlich belegter Herkunft.

Was mich an Jahrgängen wie 1950 immer wieder fasziniert ist, dass es nicht die großen Namen sein müssen. Bestes Beispiel dafür dieser 1950 Daugay aus St. Emilion in einer R&U Abfüllung für die Bremer Eiswette. Das war Eleganz, Finesse und Frucht pur in der Nase und am Gaumen. Noch geradezu jugendlich mit feinem Minzton und reichlich rotbeerigen Früchten, einfach ein kompletter, großer Bordeaux vom rechten Ufer – WT96. Auch der hätte im Glas nebendran auf höchstem Niveau seinen Meister finden müssen. Aber der 1950 Cheval Blanc, normalerweise ein Garant für höchste Gaumenfreuden, war aus dieser Flasche zwar echt, aber eben auch echt sch…., weil völlig hin, oxidiert und ungenießbar.

Vier Flaschen hatten wir bisher entsorgen müssen, drei gefälschte und eine kaputte. Die hatten wir in der Regel in die Karaffen zurückgeschüttet. Und das, was jetzt passierte, passiert mir nie wieder. In Zukunft kommt zur Entsorgung immer ein Kübel auf den Tisch. Warum? Da stand mitten auf dem Tisch eine Karaffe, in die einige von uns den kaputten Cheval entsorgten. Nur war in dieser Flasche ein bis dahin völlig intakter, weiterer Solitär, ein 1955 Clos l´Eglise aus Pomerol. Die inzwischen richtig volle Karaffe wurde entsorgt, wir fragten nach dem Soluitär, und dann dämmerte es uns …….

Statt lange zu lamentieren, was ja eh nichts mehr nützte, stürzten wir uns auf den nächsten Wein, 1990 Montrose. Dieses große, unglaublich dichte, so irre konzentrierte Geschoss befindet sich wieder auf dem Weg zu der faszinierenden Perfektion, das es in seiner jugendlichen Fruchtphase einmal hatte. Wer kann, wartet bei diesem Wein noch eine Weile, dann werden aus den WT97+ noch drei mehr. Der helle Wahnsinn im anderen Glas ein perfekter 1982 Gruaud Larose, noch so unglaublich jung mit perfekter Struktur, noch längst nicht auf dem Höhepunkt – WT97+. Und dann kam später noch eine weitere, etwas reifere Flasche dieses Weines in die Gläser, etwas mehr Fülle und Reife zeigend. Ja, das war noch mal ein Tick drauf – WT98. Diesen riesengroßen Gruaud aus zwei unterschiedlichen Flaschen nebeneinander in unterschiedlichen Reifestadien trinken zu dürfen, das war wirklich großes Kino. Was mach ich jetzt mit meinen eigenen Flaschen, perfekt bei niedrigen Temperaturen gelagert und immer noch stückweit verschlossen? Warten und die reiferen Varianten meiner Freunde trinken. Und mich darauf freuen, dass ich bei entsprechender Geduld irgendwann einen Jahrhundert-Gruaud im Keller haben werde.

Aber es wurde noch heftiger. Ein Traumflight mit 1986 Mouton Rothschild und 1986 Leoville las Cases kam in die Gläser. Schnell hatten wir uns festgelegt. Der um Nuancen zugänglichere Wein im linken Glas musste er Leoville las Cases sein. Obwohl er verräterisch viel Minze zeigte, dabei unglaublich druckvoll und lang am Gaumen war. Es war der Mouton – WT97+. Der Leoville las Cases im anderen Glas war ein immer noch ziemlich zugenageltes Monument mit unglaublicher Struktur, rabenschwarz, ein sehr tanninbetontes Mörderteil mit einer trotzdem unglaublichen Faszination – WT96+. Beides Jahrhundertweine, die noch längst nicht auf Zielgraden sind, zumindest nicht aus gut gelagerten Flaschen wie diesen.

10 Jahre jünger und doch schon viel weiter waren die beiden Weine des nächsten Pärchens. In absoluter Traumform der 1996 Leoville Barton mit präziser Frucht, gewaltiger Struktur und Länge – WT95. Ich bin immer wieder fasziniert, wie perfekt diese, in ihrer Jugend so oft unterschätzten Leoville Bartons altern. 1996 ist ein für die Weine des Medocs den 86ern nicht unähnlicher Jahrgang mit allerdings reiferen Tanninen. Ein großes Wein-Wunschkonzert war der gewaltige 1996 Shafer Hillside Select. Süße, füllige, üppige kalifornische Frucht, Brombeere und Blaubeere, aber auch perfekte Struktur und großartige Länge – WT97.

Mehrfach hatte ich in diesem Jahr den 1964 Latour im Glas, kein Wunder bei den vielen runden Geburtstagen. Aber das hier war davon die mit Abstand beste Flasche. Noch so jung mit immer noch intaktem Tanningerüst, sehr mineralisch mit der für Latour so typischen Walnussnote und auch mit erstem, feinem Schmelz – WT95.

Gleich zweimal perfekten Abschluss hatten wir danach. Einfach nur göttlich das perfekte Schokoladendessert von Holger Berens. Da waren jetzt 100 Punkte fällig, das geht nicht besser. Und dann noch diese wunderschöne 1995 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm, mit tiefgoldener Farbe, stoffig, mit intensiver Schiefer-Mineralität, fantastischer Frucht und gelungenem Süße/Säurespiel, einfach zeitlos schön mit Potential für Jahrzehnte – WT95.