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Weinsause bei Toni

Ein Traumtag, dieser erste August. Toni Askitis hatte auf die Terrasse des D´Vine geladen zu einer Art Spontan Best Bottle, zu der er uns aus der D´Vine Küche fürstlich bewirtete. Wein gab es dort en masse. Ich versuche es einfach mal halbwegs chronologisch, so wie die Weine in mein Glas kamen. Erstmal waren aus einem riesengroßen Eiskübel diverse Weiße dran. Noch sehr jung, hefig, schiefer-mineralisch, sehr frisch mit feinem Süße-/Säurespiel eine animierende 2008 Wehlener Sonnenuhr Kabinett von JJ Prüm – WT90. Furztrocken mit knackiger Säure und guter Mineralität ein 2002 Maximin Grünhäuser Abtsberg Kabinett trocken. Die Säure dominiert hier zu sehr, etwas kurz am Gaumen – WT85. Einfach eine geile, junge Rieslingfrucht hatte der 2013 Wintricher Ohligsberg Riesling GW von Günther Steinmetz, Baby Ananas, Mirabelle, knackige, aber reife Säure, hohe Mineralität – WT92. Den muss ich mir merken. Das 2004 Kirchenstück GC von Bürklin-Wolf muss ich mir nicht merken, da träum ich nachts von. Was für ein gewaltiger Wein, dieser Montrachet unter den deutschen Rieslingen. Immer noch so jung und quasi erst am Anfang, großartige Struktur, Tiefgang, kalkige Mineralität, Zukunft ohne Ende – Wt94+. Ja, da konnte sich der 2004 Meursault Poruzot von Mizgulski ruhig gegen schämen. Reife Farbe, reife Nase, (Über)reifer Gaumen,alter Apfel, macht nachdenklich, gnädige WT87. Da dann doch lieber den 2011 Beaucastel Blanc Vieilles Vignes. Irre Nase mit weißen Früchten und floralen Noten, mit der Zeit kommt immer mehr Williamsbirne, sehr mineralisch mit guter Säure, geradezu explosiv am Gaumen mit druckvoller Aromatik und enormem Tiefgang, sehr kraftvoll und reichlich Alkohol – WT94+.

Aus meinem Jahrgang gibt’s nur Schrott als Wein, meinte Sascha Bürgel, der sympathische Restaurantchef des Landhaus Mönchenwerth mal zu mir. Also hatte ich sie beide mit, den Sascha und drei 72er. Den Anfang machte ein 1972 Clos de l´Oratoire des Papes. Reife Farbe wie Coca Cola. In der vielschichtigen Nase Tabakblätter, Datten und Lakritz, am Gaumen enorme Kraft und Fülle, war-würzig und mit karamelliger, malziger Süße – WT93. Kein schlechter Start für ein Schrottjahr. Aber es kam noch besser. Der 1972 Mazis Chambertin von Thevenin war zwar schlank, aber sehr fein und absolut stimmig, ein großer, reifer Pinot Noir – WT94. Und dann meine bisher beste Flasche des Ausnahmeweins 1972 Chateau Musar, noch so jung, irre Nase mit Minze und viel Eukalyptus, am Gaumen burgundische Fülle, enorme Kraft und Länge – WT96. Soviel zum Schrottjahr 1972.

Und weiter ging es mit einem 1979 Beychevelle der sich zwar schlank, aber erstaunlich frisch und sehr mineralisch mit viel Tabak präsentierte – WT91. Und dann dieser schier unglaubliche 1979 Domaine de Chevalier, der sich so jung, so kräftig, so dicht und lang mit dieser klassischen Pessac-Aromatik als Zwilling des 79 Haut Brion präsentierte – WT94. Klar hatte es danach ein 1995 Vina Ardanza Reserva von Rioja Alta schwer. Der war jung, fruchtig, würzig, wirkte im Vegleich zu den gereiften Bordeaux etwas simpel und kurz am Gaumen, hätte vielleicht mehr Luft gebraucht – WT89. Noch sehr jung, ziemlich hart und bissig, aber mit spürbarem Potential wirkte ein 2002 Corton Clos des Vergennes von Cachat-Ocquidant – WT89+. Deutlich zugänglicher, sehr fruchtig mit reifer Himbeere, guter Mineralität sehr fein und elegant ein 2007 Bonnes Mares von Comte de Vogüe, der aber noch längst nicht alles zeigte, was er drauf hat. Da kommt noch deutlich mehr – WT93+.

Und schon landete wieder ein Wein aus Tonis Geburtsjahr in meinem Glas. Die 1979 Wehlener Sonnenuhr Auslese Goldkapsel von JJ Prüm war sehr fein, elegant, filigran, in der Anmutung eher halbtrocken,dabei sehr balanciert, eigentlich jetzt ein guter Speisenbegleiter – WT92. 2013 neu verkorkt hatte man die 1975 Kanzemer Altenberg Auslese von Othegraven. Das hatte dieser Wein noch nicht verdaut. Der deutliche Schwefelton machte ihn ziemlich schwierig. So wurden aus möglichen WT91-92 nur WT88. Mir erschließt sich diese Unsitte des regelmäßigen Umkorkens von Weinen ohnehin nicht. Um neu verkorkte Weine mache ich nach Möglichkeit einen großen Bogen. Harmonisch trocken wirkte die 1992 Wallufer Walkenberg Auslese von J.B. Becker. Tiefe Farbe, enorme Mineralität, am Gaumen komplex, dicht und sehr lang im Abgang – WT92.

Ein gewaltiger Solitär kam jetzt ins Glas, der schlichtweg perfekte 1988 Chevalier Montrachet von der Domaine Leflaive. Der hatte immer noch so eine junge, brilliante Farbe. Die Nase war Burgund pur, sehr mineralisch mit unglaublich präziser Frucht und dezenter, nussiger Fülle, am Gaumen perfekte Struktur, Null Alter, salzige Mineralität, sehr komplex mit ewiger Länge. Da stimmte von der Nase über den Gaumen bis zum Abgang einfach alles. Warum ich ausgerechnet an diesem Nachmittag plötzlich den geizigen Weinbuchhalter raushängen ließ und für einen der größten Weißen Burgunder und trockenen Weißwein, den ich je im Glas hatte, geizige WT99 notierte, ist mir schleierhaft. Wird hiemit korrigiert, klare WT100. Kaum dahinter ein atemberaubender 1945 Chambolle Musigny von Desvignes. Da war wieder dieses irre Jahr 45, das so konzentrierte Weine hervorbrachte, dass selbst ein „einfacher“ Chambolle Musigny als einfach kompletter, großer Burgunder ganz oben mitspielen konnte, noch so frisch, so konzentriert, mit superber Frucht, sehr elegant mit feinem Schmelz und wunderbarer Länge – WT98.

Ja und diese Zahl gebührt auch der himmlischen 1982 Pichon Comtesse de Lalande, die sich aus dieser Flasche (meiner letzten 1tel) endlich wieder wie in ihrer damaligen Hochphase zeigte, so fröhlich, solch eine dekadente Opulenz, aber hoch elegant rübergebracht, das war wieder Comtesse, wie sie besser nicht geht – WT100. Und schon landete der dritte 10er in meinem Glas, der außerirdische 1989 La Mission Haut Brion. Ich nehme an, Helene Fischer hat den vor einer Weile getrunken und danach spontan ihr Lied „Atemlos“ gesungen. Eine La Mission Legende und einer der großen Weine des letzten Jahrhunderts – WT100.

Klar konnte das nicht so weitergehen. Es wäre auch Unfug gewesen. Denn während der vorher blaue Himmel langsam dunkel wurde, bemächtigten wir uns seiner Ursprungsfarbe. Aber das der 1969 La Lagune und noch erstaunlich gut und frisch war (locker WT90), das bekamen wir noch alle mit. Zumindest gefiel er uns besser als der 2010 Raats Cabernet Franc aus Südafrika. Der wirkte irgendwie langweilig und ziemlich breit – WT88. Ist ja aber auch kein Wunder, wenn man auf so einen Comtesse und La Mission verwöhnten Gaumen trifft. Kräftig, mineralisch und gut zu trinken ein 1998 Larrivet Haut Brion – WT90. Und dann war es Zeit zum Aufbruch und zum Saubermachen. Den nötigen Bohnerwachs für letzteres fanden wir in der 1975 Erderner Treppchen Auslese von Dr. Peter Berres, die es weitgehend gesehen hatte.