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Weinschätze

Dort an diesem gastlichen Ort wieder eingeladen zu sein, in einem erlesen Kreise großer Weinkenner, bei einem generösen Weinsammler, der seine Schätze gerne teilt – ja, dass ist für mich immer einer der Höhepunkte des Weinjahres.

Mit zwei reifen Champagnern wurden wir als Apero empfangen. Inzwischen schon sehr reif präsentierte sich der schon häufiger getrunkene 1969 Dom Perignon, immer noch sehr fein am Gaumen, aber es wird langsam Zeit – WT91. Deutlich frischer mit intensiverem Mousseux und einfach mehr Leben der 1973 Dom Perignon – WT93.

Sehr viel Zeit und Luft brauchte der 1998 Haut Brion Blanc, der sehr verhalten startete und sich im Glas zögerlich öffnete. Zeigte dann immer mehr Frucht und wurde kräftiger mit mehr Tiefgang – WT94. Deutlich besser gefiel mir der 1999 Chevalier Montrachet von der Domaine Leflaive, bei dem ich blind auf einen Chevalier Montrachet von Ramonet getippt hatte. Das war Chevalier pur, so unglaublich elegant und finessig mit intensiver Mineralität, sehr ausdrucksstark und druckvoll mit toller Länge am Gaumen – WT97+.

Etwas ungelenk mit kräuteriger Herbe im folgenden Sauternes-Flight der 1949 Filhot – WT90. Eine Traumnase mit dem kompletten Sauternes-Programm hatte dagegen der 1949 Rieussec, perfekt am Gaumen, sehr stimmig und elegant mit ewiger Länge – WT97.

Noch extrem jung zeigte sich der 1990 Lafleur, lakritzig, kräuterig mit unglaublicher Dichte und mundbeschlagenden Tanninen. Die Fruchtphase ist längst vorbei. Jetzt ist Warten angesagt, aber da wächst ein Riese heran – WT96+. Noch so jung mit betörender Frucht und dem unnachahmlichen Cheval Blanc Parfüm zeigte sich 1950 Cheval Blanc in einer belgischen Thienpoint-Abfüllung, sehr elegant mit feinem Schmelz am Gaumen, da ist noch Musik für lange Jahre drin – WT98. Als großer, reifer Bordeaux ging 1920 Paternina Gran Reserva durch, ein faszinierender Wein mit immer noch unglaublichen Reserven, baute enorm im Glas aus und wurde immer dichter und länger – WT97.

Spannend der kaum noch auffindbare Zweitwein von Lafite Rothschild, der 1959 Carruades de Lafite. Der hatte zwar eine ziemlich alte Nase mit deutlicher Schärfe, war aber am Gaumen sehr fein mit filigraner, süßer Frucht, die an Vorreblausweine erinnerte – WT94. Ein großartiges Erlebnis aus einer perfekten Flasche natürlich 1959 Mouton Rothschild, so jung, so frisch mit süßer, voller Frucht, viel Minze, ein Hauch Eukalyptus, auch am Gaumen einfach perfekt mit nicht enden wollender, generöser Fülle, Mouton geht anders, aber nicht besser – WT100. Im dritten Glas ein großartiger Burgunder von der Rhone, der 1959 Hermitage la Chapelle von Jaboulet-Ainé. Der 61er und dieser 59er hier sind zweieiige Zwillinge. Der 61er vielleicht der dramatischere, dichtere, dafür der 59er der feinere, elegantere, sehr lahritzig mit schöner Süße, so lang am Gaumen – WT100. Eigentlich gehören diese beiden Weine mal wieder nebeneinander. Wer hat noch einen 61er? Ich stelle gerne den 59er.

Nicht die beste Flasche hatten wir wohl vom 1949 Chambertin von Morin erwischt, dunkle Farbe, in der Nase und am Gaumen schon verdammt gezehrt – WT91. Sehr frisch dagegen noch der 1969 Chapelle Chambertin von Leroy, helle, klare Farbe, sehr intensive, feine Aromatik, Erdbeere und Kirsche, baute enorm im Glas aus, feine süße und eine kräftige, stützende Säure, die noch ein längeres Leben garantiert – WT95.

Schande! Ausgerechnet 1953 Cheval Blanc, dieser 100 Punkte-Kandidat hatte Kork. Da half auch kein Diskutieren, nur Nase zu und durch. So spürte man wenigstens am Gaumen die gewaltige Substanz dieses Weines. Sehr kräftig mit gewaltigem Druck am Gaumen und feiner Süße der 1953 Vieux Certan – WT95. Ein perfekt gereifter 1953 La Mission Haut Brion, an dessen Cigarbox-Nase ich stundenlang riechen könnte, weich, elegant, sehr mineralisch auch am Gaumen mit irrer Länge – WT95. „Reif“ heißt hier übrigens nicht austrinken. Der La Mission dürfte sich in guten Flaschen wie dieser sicher noch ein Jahrzehnt auf hohem Niveau halten.

Damit waren wir im Jahrgang 1955. Worte können diesem einmaligen Burgundertraum 1955 Clos de Tart Vandermeulen kaum gerecht werden. Kein filigranes Burgunderchen, sondern ein gewaltiges, dichtes Konzentrat mit irrer Frucht und einer Mörderaromatik am Gaumen, einfach Freude ohne Ende – WT100. Viel Glück hatten wir auch mit einer perfekten Flasche des 1955 Latour. Kein Kraftbolzen, wie sonst bei Latour, sondern ein Charmeur mit feiner, rotbeeriger Frucht, minzig, sehr elegant und trotzdem sehr nachhaltig – WT97. Nur der 1955 La Conseillante in einer französischen Eschenauer-Abfüllung, eigentlich ein großer Wein, wollte nicht richtig und entzog sich mit der grenzwertigen Aromatik eines gärenden, alten Apfels einer Bewertung.

Weine aus 1964 dürfte es am Jahresende nicht mehr allzu viele geben. Viele Freunde haben in diesem Jahr mit diesem verhinderten Jahrhundertjahrgang (Regen zur Erntezeit) ihren 50sten gefeiert. Eine sehr helle Farbe hatte der 1964 Barolo Borgogno Riserva, zu Anfang deutlich pilzige Noten, Penicillin, wurde mit der Zeit generöser und süßer – WT90. Ein feiner, sehr eleganter Wein, bei dem der süße Schmelz die Herbe der unreifen Tannine überdeckte, war 1964 l´Evangile – WT92. Auch der 1964 Latour hat sich in diesem Jahr nicht wirklich mit Rum bekleckert, ein feiner, eleganter Latour mit noch erstaunlich dichter, junger Farbe und der klassischen Walnussnote, insgesamt reif wirkend mit feiner Süße am Gaumen – WT93.

Eigentlich gilt 1961 Malescot St. Exupery aus diesem großen Jahrgang als Erfolg. Aber aus dieser Magnum war er einfach nur anstrengend und roch und schmeckte trotz dichter, junger Farbe nur nach Hühnerkacke – WT80. Ein 1961 Trottevieille, ebenfalls aus der Magnum, war hingegen ein sehr feiner, eleganter Schmeichler mit süßem Schmelz – WT93.

Der eigentliche Abschluss der Probe fand dann an der gemütlichen Bar des Hauses statt. Während sich viele auf den Espresso stürtzten, machten wir uns in kleiner Runde über die wunderbare Magnum 1981 Pichon Comtesse de Lalande her. Das war in den 90ern mal einer meiner Lieblingsweine. Jetzt aus dieser wohl perfekt gelagerten Magnum war das ein gelungener Rückblick auf vergangene Tage, die Comtesse stand wie eine Eins im Glas – WT94. Dieses Wunder wiederholte sich mit der 1983 Leoville las Cases Magnum, die ebenfalls keinerlei Alter zeigte, ein altersfreier, sehr gelungener las Cases – WT93.