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Wunschkonzert

Wenn Elke mit dem „goldenen Händchen“ die Weine auswählt, der Stevie dazu in der Küche bruzzelt, wenn am Tisch eine gelöste, wunderbare Stimmung herrscht, dann müssen nur noch die Weine singen. Das taten sie, und wie.

Ein Stammkunde von Elke Drescher hatte sich diese Probe für sich und seine Freunde gewünscht. Und er hatte zusammen mit Elke die Weine so ausgewählt, dass daraus ein famoses Wein-Wunschkonzert wurde. Wie schön, dass ich dabei sein durfte.

Ein Traum gleich der erste Flight. Eine Traumnase hatte dieser 1959 Cheval Blanc aus belgischer Händlerabfüllung mit diesem unglaublichen, unwiderstehlichen Cheval-Parfüm. Seidig, elegant, mit feiner, süßer Frucht und guter, stützender Säure und toller Länge am Gaumen – WT97. Der 1959 Angelus war aus einer aus privaten Abfüllung. Wie geht bzw. ging das? Mise en bouteille par l´acheteur steht da auf dem Etikett. Da hatte sich jemand ein komplettes Fass gekauft und den Wein dann bei einem örtlichen Händler abfüllen lassen. Was heute nicht mehr geht, war damals durchaus noch üblich. Sehr kräuterig mit malziger Süße zeigte sich der Angelus in der Nase, am Gaumen kräftig, rustikal und reif – WT93. Und dann dieser irre 1959 Ausone, ein echtes Weinmonument. Kernig im besten Sinne die Nase mit reichlich Kräutern, Lakritz und Menthol. Am Gaumen noch so unglaublich frisch mit geradezu unbändiger Kraft und gewaltiger Länge, ein sehr eigenständiger Wein, der Perfektion sehr nahe – WT99. Mit einem solchen Flight in einen Weinabend einsteigen zu dürfen, das hatte was.

Und auf extrem hohem Niveau ging es weiter. Der 1982 Leoville las Cases war mal ein umbestrittener 100-Punkte-Star, damals in der jugendlichen Fruchtphase 1987 und 88. Doch dann verschloss er sich schneller als man gucken bzw. trinken konnte. Über 20 Jahre gab er nur noch Rätsel auf und ärgerte all die, die ihn für teures Geld als Legende gekauft hatten. Doch jetzt ist er wieder auf dem besten Wege in den Wein-Olymp. Ja, die Legende wacht auf. Das war die Essenz von Cabernet, was wir da vor uns hatten, so konzentriert mit puristisch schöner Frucht, mit erster Süße, sehr mineralisch, enorme Kraft und Substanz, perfekte Struktur und immer noch deutlich spürbare Tannine. Ein gewaltiger Wein, der aus perfekt gelagerten Flaschen wie dieser hier noch etliche Jahre weiter ausbauen und dann sicher noch 2-3 Jahrzehnte Weinfreunde in Verzückung versetzen wird – WT98+. Und was ist der Unterschied zwischen diesem Wein und dem 1986 Leoville las Cases? Eigentlich sind es nur die vier Jahre, die der 82er dem 86er in der Reife voraus ist. Der 86er ist ein irres Konzentrat, ein Mörderteil, aber noch so tanninlastig und zugenagelt, baut enorm im Glas aus – WT94++. Das wird mal ein Spaß, in 10 Jahren diese beiden Leo Zwillinge in einem denkbarem 200 Punkte Flight gegenüber zu stellen. Wie ein großer, reifer las Cases schmeckt, das zeigte sehr schön der 1990 Leoville las Cases, offen mit präziser, süßer Frucht, sehr guter Struktur und Länge – WT96. Für mich immer noch ein unbedingter Kauftipp, ebenso wie der von mir sehr geschätzte 85er.

Es kann einen schon deutlich schlimmer treffen, als danach dreimal Latour vom Feinsten trinken zu müssen. Wer Latour richtig reif erleben möchte, der greift zu den etwas kleineren Jahren. Da ist dann nicht nur eine Menge Geld gespart. Der Genuss ist auch möglicherweise größer. So bei diesem eleganten, betörend schönen 1971 Latour, so fein und elegant, sicher voll auf dem Punkt – WT93. Von 1970 Latour kann man das nicht gerade sagen. Das ist ein gewaltiger Brocken, der Luft ohne Ende braucht, die wir ihm hier in dieser Probe leider nicht gegeben haben. Ich habe mein Glas lange stehen gelassen und hatte da nach einer Stunde einen völlig anderen Wein drin. Der explodierte förmlich und zeigte gewaltige Kraft und Länge, wie ein Riese, der sich aus viel zu engem Gefäß schält und dann erstmal zu sich kommen muß. Aber mein letzter Schluck, der war ganz großes Kino und lag gut 10 Punkte über dem ersten – WT98+. Es soll auch deutlich schwächere Flaschen dieses Latours geben. Ob die alle rechtzeitig dekantiert wurden? Wer kein Risiko eingehen will und einen großen Latour in erster Reife ins Glas bekommen möchte, der greift zu 1983 Latour. Was für ein unglaublich guter, riesengroßer Latour. Wie viele der großen 83er (Cheval Blanc, La Mission, Moutonetc.) legt der immer mehr zu. Das hier war meine bisher beste Flasche mit Süße und Fülle, mit der klassischen Walnußaromatik, einfach Latour pur – WT97.

Danke Elke, dass Du diesen 1950 La Mission Haut Brion aus meinem Geburtsjahr hier mit eingebaut hast. Der zeigte den jungen Burschen in diesem Flight, was eine Harke ist. Reif zwar, aber immer noch so kräftig mit Tabak, Cigarbox, teeriger Mineralität, feinem, süßem Schmelz und immer noch intaktem Rückrat, da ist noch keine Eile geboten – WT97. Heftig das Duell zwischen 1988 La Mission Haut Brion und 1988 Haut Brion. Der La Mission war hier jetzt der härtere Brocken und ließ wenig raus – WT92+. Der Haut Brion war im direkten Vergleich der feinere mit erstem Schmelz, aber auch hoher Säure – WT93+. Beides sind große Weine mit immer noch massivem Tanningerüst, gemacht für die Ewigkeit. In meinem Keller habe ich beide ganz nach hinten gepackt.

Da machte das Duell zwischen 1989 Pichon Baron aus der Magnum und 1990 Pichon Baron schon mehr Spaß. Beides große Weine, von denen zu meinem Erstaunen der 89er der offenere, üppigere war und die reifere Frucht zeigte – WT95. Der 90er besitzt aber mehr Kraft und Substanz, ein perfektes Tanningerüst, hohe Mineralität und grandioses Potential – WT97. Beide sind immer noch jede Suche wert. Und wer den besten von beiden haben möchte, der nimmt den außerwltlichen 2000er, der setzt auf beide noch eins drauf.

Nur dieser 1998 Lafleur aus einem riesengroßen Pomeroljahrgang, der wollte einfach nicht mit uns reden. Der zeigte sich extrem jung und konzentriert, bissig, kräuterig mit irrer Substanz, die sich aber hinter einer kalten Schulter verbarg. Warten, warten, warten – WT93+. Und Letzteres lohnt. Bei unserer großen Lafleur Best Bottle vor 5 Jahren war das ein Gigant auf WT100 Niveau.