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Das große Paulson Weindinner

Mit jeweils 3 großen Weinen aus 6 Jahrzehnten verwöhnte uns Jan Erik Paulson zum zweiten Dinner seines Weinwochenendes in Hattenheim im Kronenschlösschen.

Noch so präsent und jung, auch in der Farbe, war der 1952 Barolo Riserva von Borgogno mit superber Frucht, Rosenblättern und teeriger Mineralität, dass man den Jahrgang fast nicht glauben konnte – WT95. Ein kompletter, wunderbarer Wein auch die 1952 Vina Real Reserva Especial von CVNE mit guter Frucht, aromatischem Druck, aber auch schmeichlerischer Eleganz – WT95. Noch etwas drüber der sehr feine, elegante, schmelzige Cheval Blanc mit dazu absolut betörender Nase – WT96.

Und dann folgte ein Traumflight aus 1945, dem Jahr, in dem die Natur mit späten Frösten für eine natürliche Begrenzung der Erntemengen sorgte, aber anschließend mit perfektem Wetter für hochklassiges Lesegut sorgte. So jung wirkte dieser 1945 Gazin noch, so unglaublich druckvoll mit guter Frucht, Kraft ohne Ende, guter, tragender Säure und feinem Schmelz im Abgang. Ein großer Pomerol, der es noch lange Jahre machen wird – WT97. In Bestzustand zeigte sich der 1945 Leoville las Cases, den ich noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte. Einfach ein großer, perfekter, absolut stimmiger las Cases, St. Julien vom Feinsten mit immer noch sehr guter Frucht, viel Zedernholz und endlosem Abgang – WT98. Dritter im Bunde sollte eigentlich ein 1945 Latour sein, der in gutem Zustand ein Legenden-Kandidat ist. Aber aus der Flasche hier huldigte er intensiv dem Oxidativ und war wirklich kein Vergnügen. Doch Jan Erik Paulson hatte, da er dieser Flasche nicht so richtig getraut hatte, vorgesorgt. Stattdessen bekamen wir aus der Magnum einen 1945 Calon Ségur. Ein großartiger, kerniger, kräftiger Cabernet mit Seele, Tiefgang und endlosem Abgang war das – WT97. Klares Fazit: im Wahnsinnsjahr 1945 gibt es keine schlechten Weine, allenfalls schlecht gelagerte Flaschen. Gute Flaschen aus einwandfreier Herkunft sind nach wie vor jede Sünde wert.

Doch auch der nächste Flight war wie vom anderen Ster. 1975 war ein verdammt schwieriges Weinjahr, vor allem für die Weine aus dem Medoc. Besser sah es in St. Emilion aus und noch besser in Pomerol und in Pessac. Allerdings war auch für diese Weine reichlich Geduld gefragt. Ein kerniger, kräftiger Wein war der 1975 Ausone mit Minze und Eukalyptus, der in seiner Art an Heitz Martha´s Vineyard erinnerte – WT96. Bietet sich vielleicht mal für eine Probe an, 75 Heitz gegen Ausone. Perfektion dann der 1975 Trotanoy. Der hatte außer der irre dichten Farbe nicht nur eine traumhafte, dekadente, süße Nase mit kandierten Kräuter, sondern auch am absolut stimmigen Gaumen feinsten Schmelz und eine wunderbare Länge, einfach ein perfekter Pomerol, wie es nicht besser, nur anders geht – WT100. Und in der Publikumswertung (jeder durfte nur einem Wein seine Stimme geben, ich hätte hier in diesem Flight dringend zwei gebraucht) lag der Trotanoy noch vor dem dritten Wein, einem ebenfalls perfekten, schlichtweg atemberaubendem 1975 Petrus aus der Magnum. Ein echter Jahrhundertwein, noch so jung in der Anmutung, auch in der Farbe. Brachte in dieser Traumform das beste vom linken Ufer – die Mineralität und die gewaltige Struktur – und das beste vom rechten Ufer mit dieser süchtig machenden, süßen, fülligen Nase und allem Schmelz dieser Erde am Gaumen – WT100.

Als korkig entpuppte sich leider der 1961 Lynch Bages, bei dem man angesichts großer Flaschenvariation ohnehin Glück haben muss. Dafür brillierte der 1961 Palmer mit betörender Nase, burgundischer Pracht und Fülle, feiner Süße und seidiger Eleganz am Gaumen – WT97. Beste Erinnerungen habe ich an 1961 Margaux, der mal mein allererster, großer Rotwein war. Aber das ist lange her. Jetzt hier aus der Magnum war das immer noch ein sehr schöner, eleganter Wein, aber am Gaumen wirkte er etwas metallisch und zeigte deutlich, dass er den Zenit inzwischen überschritten hat – WT94.

Im roten Schluss-Stakkato schwächelte leider der sonst so grandiose 1985 Margaux, der wohl einen schleichenden Kork hatte, der sich wie ein bleierner Schleier über diesen Wein legte. Auch die Reserveflasche, ein 1985 La Tour Haut Brion, schwächelte etwas und war nur ein Schatten ihrer selbst – WT88. Dafür verwöhnte uns dieser göttliche 1985 Grands Echezeaux von DRC mit herrlicher, süßer Beerenfrucht. So charmant, so eine spielerische Eleganz, einfach die Leichtigkeit des Seins in rot – WT96. Hedonismus pur dann der 1985 Côte Rotie La Turque von Guigal, der Erstlingsjahrgang aus dieser Lage, so süß, so würzig, mit so einer geradezu explosiven Aromatik. Da lohnte es, diesen Wein eine Weile im Glas stehen zu lassen. Erst dann ging richtig die Post ab und der La Turque schlug sein gewaltiges Pfauenrad an Aromen – WT98. Und warum keine WT100? Nein, der La Turque schwächelte nicht und zeigte kein Zeichen von Alter. Aber wenn da erst eine filigrane Tänzerin in Form dieses DRC auf dem Hochseil balanciert und jetzt die Rhone Brass Band einmarschiert, dann ist das fast eine Art Kulturschock. Da hilft nur eines. Ich muss diesen geilen La Turque einfach noch mal zusammen mit anderen LaLas probieren.

Der 1995 d´Yquem wirkte sehr süß, fast etwas pappig, exotische Früchte, süßes Toffee, Honig in allen Varianten, Bienewachs, auch ein leichter Hauch von Klebstoff. Nur die nötige, balancierende Säure fehlte. Aber wahrscheinlich erwischten wir diesen potentiell großen Yquem gerade in dem Moment, wo er von der jugendlichen Primärfrucht in die erwachsenere Sekundärphase wechselt. Ich würde ihn einfach 10 Jahre in Ruhe lassen. Da wird noch richtig was draus – WT94+. Zum jetzigen Zeitpunkt der bessere Wein war die 1995 Rüdesheimer Bischofsberg Beerenauslese von Georg Breuer. Ein großer Honigtopf mit feiner Bitternote und guter, balancierender Säure, wird ebenfalls noch zulegen – WT95+. Einfach zu dick, zu üppig und zu süß war mir im Vergleich 1995 Welschriesling TBA #15 Zwischen den Seen von Kracher – WT93. Das war allerdings Jammern auf hohem Niveau.

Verwöhnt wurden wir zu dieser grandiosen Probe mit einem sehr schönen Menü des Kronenschlösschen Küchenteams. Und auch das Serviceteam unter Florian, dem Meister aller Weine, machte seinen Job vorzüglich.

Noch ein Wort zu unserem Gastgeber, Jan Erik Paulson. Der liebe Jan ist Zahnarzt und als solcher natürlich zu präziser Arbeit und Pingeligkeit erzogen. Und beides setzt er auch in seiner zweiten Karriere als Raritätenhändler und Veranstalter solch großartiger Proben ein. Peinlich genau achtet er auf Herkunft, Qualität und Echtheit seiner Weine. Und das gilt natürlich auch für solche Proben, wo er für den bei ihm seltenen Fall der Fälle immer noch eine Flasche in der Hinterhand hat. Und da er dazu noch ein sehr kenntnisreicher und liebenswerter Gastgeber ist, macht solch ein Weinwochenende richtig Spaß.

Wenn einem all soviel Gutes widerfährt, nein, dann ist das keinen Asbach Uralt wert. Den gibt es ein paar Kilometer weiter in Rüdesheim in der Drosselgasse. Hier im Kronenschlösschen empfahl sich stattdessen nach der wunderbaren Probe noch ein guter Griff in die prächtig ausgestattete Weinkarte. Die hatte Pedro, unser brasilianischer Weltweinreisender, schon für uns gescannt und eine wohlfeile 1949 Pichon Comtesse ausgesucht, die sich unser kleines Häuflein Unentwegter teilte.

Was für ein Wein, Comtesse pur, so elegant, so schmelzig mit feiner Süße, die immer noch gute Struktur in Seide eingewickelt. Blieb lang am Gaumen, aber nur kurz im Glas – WT96. Da ließ sich der liebe Jan Erik Paulson nicht lumpen und öffnete noch seine letzte Reserveflasche, 1961 Gaffelière-Naudes, diesen genialen Cheval Blanc für Schlaue. Auch der zeigte sich in Bestform und passte damit perfekt zu uns – WT96.