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Elkes Beste Botteln

Zu den Proben Höhepunkten des Jahres gehört sie immer, Elke Dreschers große (Vor)Weihnachtsprobe in Bad Neuenahr. In diesem Jahr hatte sich die liebe Elke ein ganz besonderes Thema einfallen lassen. Elkes Beste Botteln hieß es schlicht.

Zum ersten Teil der Probe trafen wir uns zu einem – ich nehme es vorweg – schlichtweg spektakulären Weinlunch in Steinheuers Poststuben, dem rustikalen Zweitrestaurant der Steinheuers. Oliver Speh, der auch diese Probe gekonnt managte, war bei unserem Eintreffen schon fleißig mit Dekantieren beschäftigt. Das hielt ihn natürlich nicht davon ab, uns gleich ein Glas in die Hand zu drücken, das er dann aus der Magnum mit einem 1992 Ruinart ‚R’ füllte. Das ist die kleinere Brut-Variante dieses renommierten Hauses, das eigentlich eher für seine Dom Ruinart Blanc de Blancs bekannt ist. Dieser ‚R’ zeigte sich von seiner allerbesten Seite. Perfekt gereift und immer noch voll da mit gutem Mousseux, mineralisch mit guter Säure und cremiger Textur, in der Aromatik Toast statt Brioche – WT93.

Und dann ging es gleich hardcoremäßig rot zur Sache. 1950 Cheval Blanc kam in die Gläser. Aus einer Flasche mit schlechterem Füllstand zwar (‚ms’), aber das schien den Wein nicht zu interessieren. Sehr fein und elegant in der perfekten Nase mit leicht portig-trüffeliger Note, einfach dieses irre Parfüm eines reifen Cheval Blanc in Vollendung, am Gaumen etwas reifer und zugänglicher als ich ihn aus Top-Flaschen kenne, aber immer noch mit viel Kraft und Länge. Macht als Mittel aus 100 für die Nase und 96 für den Gaumen WT98.

Zu meinen Lieblingsweinen gehören reife La Lagunes. Einen Zwilling aus 1966 La Lagune in einer Barrière-Abfüllung und 1966 La Lagune in einer Chateauabfüllung bekamen wir jetzt serviert. Eine geniale Nase hatte die Barrière-Variante, generös süß, dunkler Tabak, Starkbier, am Gaumen war der Wein etwas störrischer, was aber vor allem an einem Korkton lag, der immer stärker wurde. Ausgetrunken habe ich diesen La Lagune trotzdem, einfach kräftig ins Glas reinblasen und runter damit. Nur bewerten möchte ich ihn nicht, denn die Barrière-Variante hat in fehlerlosen Flaschen sicher mindestens die Klasse der Chateau-Variante. Die zeigte sich mit kühler Frucht und Cabernet Würze in der Nase, am Gaumen kernig, frisch, edel-rustikal mit schöner, durchaus angenehmer, grüner Pepperoninote, ein absolut stimmiger Wein mit präzisen Konturen, den ich noch nie so weit und so gut im Glas hatte – WT95. Sicher noch lange Jahre jede Suche wert und ein absoluter Tipp für alle, die in 2016 ihren 50er feiern. Wobei die den 50er mit zwei 1teln feiern und eine Magnum für den 60er in 2026 zurücklegen sollten.

Auch 1970 La Lagune, den wir danach bekamen, ist einer dieser Old School Bordeaux-Klassiker, bei denen in gut gelagerten Flaschen die Musik noch 30 Jahre spielt, kernig, kräftig mit immer noch präsenten Tannine, deutlicher Säure und schöner Cabernet-Würze – WT95. Auch das so eine Art Latour für Schlaue. Allerdings muss man diesen authentischen Stil auch mögen. Liebhaber weichgespülter Schmuseweine werden sich da am Gaumen eher wie im Domina-Studio vorkommen.

Leider keine Geheimtipps mehr sind die beiden nächsten Flaschen, die zu Recht zu Elkes Lieblingsweinen gehören. Prächtig entwickelt hat sich 1985 Latour mit wunderschöner Frucht und sogar erster Süße, aber auch der klassischen Latour Walnussaromatik. Der macht jetzt einfach unglaublich Spaß. Und da er – derzeit gut verpackt – auch noch reichlich Kraft und Struktur besitzt, dürfte dieser Spaß noch lange andauern – WT96. Ähnlich sieht es mit 1983 Mouton Rothschild aus, der sich hier sehr minzig, ledrig, kräuterig, mit geradezu erotischer Frucht und schöne Fülle präsentierte. Einfach ein großer, kompletter Mouton, auch hier ist keine Eile angesagt – WT96.

Es folgte ein Feuerwerk mit vier großen 90ern. Etwas irritierend die reif wirkende Farbe, aber ales andere an diesem Wein war noch blutjung mit deutlichen Tanninen. Doch gleichzeitig wirkte dieser 1990 Margaux so seidig, so elegant, so filigran und verspielt. Da entsteht ein Riese – WT98+. Während es bei Margaux eher ein Violinen-Streichknzert war, spielte beim 1990 Angelus die Rockband. Was für ein wilder, geiler Spaß-Angelus mit dichter, junger Farbe, süßer, dunkler Frucht, Kräutern und Lakritz, jede Menge Kraft und Freude – WT97. Reif und zugänglich zeigte sich der 1990 Pape Clement, ein feiner Pessac mit Tabak, Cigarbox, Mineralität und erster, feiner Süße – WT94. Der 1990 Pichon Baron wirkte zu Anfang auf hohem Niveau etwas schroff und abweisend mit sehr junger Farbe, öffnete sich aber rasch und trank sich mit reifer, schwarzbeeriger Frucht einfach saugut, auch wenn ihm etwas die Opulenz der früheren Jahre fehlte. Ein großer, sehr mineralischer Baron mit guter Strktur, der sicher noch zwei Jahrzehnte vor sich hat – WT97.

Abschied nehmen von Steinheuer hieß es danach. Der zweite Teil der Probe fand diesmal im hoch über dem Ahrtal mit spektakulärem Blick gelegenen Hotel Hohenzollern statt. Da gab es jetzt mehrere Möglichkeiten, die Sauna nutzen, einen ausgiebigen Mittagsschlaf machen oder schlichtweg das fortsetzen, womit wir angefangen hatten. Schließlich besitzt das Hohenzollern ja eine formidable, gastfreundlich kalkulierte Weinkarte. Wir entschieden uns in kleiner für letzteres. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, kurz vor Weihnachten nachmittags bei solch außergewöhnlichen Temperaturen draußen auf der Terrasse sitzen zu können. Nach längerer Suche – der Burgunderteil der Karte war noch nicht aktualisiert – entschieden wir uns schließlich für einen 1997 Corton Clos des Cortons von Faiveley aus der Magnum. Der war noch sehr jung mit fleischiger Frucht, enormer Konzentration und hoher Säure am Gaumen, gewaltiges Potential – WT92+. Erstaunlich offen und schon gut zu trinken, wie der größte Teil der 2004er aber nicht sonderlich aufregend ein 2004 Corton von Tollot – WT91. Beim 1999 Chambertin Clos de Bèze von Jadot waren wir uns nicht sicher, ob er seine Zukunft schon hinter sich hatte, oder ob da noch ein Wunder passiert. Wirkte im jetzigen Stadium etwas grün und ungenerös – WT87.

Der Abend rief zu großem Menü und Verkostung im schönsten Raum des Hohenzollern. Als Apero zum mehrfach Nachfassen wurde aus der praktischen Imperiale ein 2009 Nonnenberg von Breuer gereicht. Der war noch sehr frisch, mit schöner Frucht und intensiver Mineralität, für das eher fülligere, reifere Jahr erstaunlich schlank mit sehr präziser Struktur. Erinnerte an die großen Breuerschen Nonnenbergs aus der ersten Hälfte der 90er und hat sicherlich noch viel Potential – WT93+. Sehr reif und auch schon leicht oxidativ wirkte ein Non-Vintage Lanson Champagner, in dem sich Traubengut aus den Jahren 59, 50 und 61 befinden sollte. Nicht unbedingt mein Ding. Überhaupt nicht klar kam ich mit der Legende 2011 Tement Sauvignon Blanc Zieregg, die schon auf so vielen Proben begeistert hatte. Aber so ist das nun mal mit den Superstars. Die geile Fruchtphase geht vorbei, jetzt ist er in der pickeligen Flegelphase, wirkt aufdringlich und macht nicht wirklich an. Da sind dann jetzt halt ein paar Jahre Warten angesagt – WT90+. Aber das kommt selbst in den besten Bordeaux-Familien vor. Ein Hochgenuss war dagegen der 1947 Lafaurie-Peraguey, der dankenswerterweise jetzt kam und nicht zum Schluss ermatteten Gaumen angedient wurde. Wirkte erstaunlich frisch und balanciert, wozu die gute Säure ihren Teil beisteuerte. Wohldosiert die schöne Süße, dazu kandierte Ananas, Mandarine und Sternanis – WT96.

Und dann brannte die liebe Elke zum Menü mit Ollis Hilfe ein großes Feuerwerk ihrer roten Liebliengs-Bottles ab. Nicht jeder dieser Weine erfüllte die natürlich sehr hoch gesteckten Erwartungen. Das liegt nun mal in der Natur der Sache. Elke ist bekannt für ihr goldenes Händchen bei der Auswahl von Probenflaschen, aber selbst das goldenste Händchen kann mal in die Sch…. packen. Wer das Risiko bei Altweinproben schäut, der sollte sich mit jungem Zeugs vollschütten. Oder aber Fakes trinken. Die sehen alt aus, es ist junges Zeugs drin. Nur der Preis entspricht den alten Raritäten. Sicher auch keine Lösung.

Also rein ins rote Getümmel mit vier Magnums. Die 1966 La Lagune Magnum hatte leider nicht die Klasse der 1tel vom Mittag. Aber die hatte ja auch Maßstäbe gesetzt. Mein erster großer Bordeaux war im Sommer 1986 1961Margaux. Ich befand mich damals gerade in der selbstverordneten „Umschulung“ vom Bier- zum Weintrinker. Der Margaux stand für sündhaft teures Geld auf der Karte eines Sylter Restaurants. Ich hätte damals selbst im Traum nicht daran gedacht, so was zu bestellen und zu trinken. Doch ein bekannter Sammler und Menschenfreund wollte mir mit dieser Flasche unbedingt die Augen öffnen. Es ist ihm nachhaltig gelungen. Seitdem verbinden sich mit diesem 61er Margaux, der mir damals eine völlig neue Dimension des Genusses erschloss, sentimentale Erinnerungen. Jetzt stand er hier als Magnum vor mir mit reifer Farbe, schon leicht gezehrt und etwas metallisch, aber durchaus noch mit Faszination, mit rosiniger Süße, der Margaux-typischen Eleganz und auch noch guter Länge und erzählte gekonnt von vergangenen Tagen – WT94. Traumhaft balanciert und absolut runzelfrei aus der Magnum der 1971 La Mission Haut Brion, sehr elegant und fein,aber auch druckvoll, rauchig, ätherisch, jodig, Cigarbox, Teer, Leder, Tabak und großartige Länge, einfach La Mission pur – 95/100. Ein Schatten seiner selbst leider der weitgehend oxidierte 1968 Vega Sicila Unico aus der Magnum. Der war weitgehend hin, fand aber trotzdem seine Fans. Was ein bekannter Name und das dazugehörige Etikett so alles ausmachen.

Mit „Die größten Parker Irrtümer“ war der nächste Flight beschrieben. Reif war der 1959 Cheval Blanc, aber auch so elegant, so balanciert mit feiner Süße und enorm druckvoll am Gaumen – WT96. Sehr dicht aber mit deutlichen Brauntönen die Farbe des 1961 Figeac, lakritzig, kernig, kräuterig und kräftig mit schöner Länge – WT92. Schade war es für den 1961 La Lagune, einen Riesen, den ich schon mit bis zu WT97 im Glas hatte. Parker hatte ihn 1998 mit unfassbaren 60/100(!) geradezu hingerichtet und seitdem nie mehr getrunken. Da hätte selbst unsere Flasche, die alt und ziemlich daneben war, noch 18 Punkte mehr gebracht. Grandios dafür der schlichtweg außerirdische 1959 GruaudLarose mit viel Druck und generöser Süße, der wie schon zweimal 2014 bei Elke locker WT97 ins Glas brachte.

Weiter ging es mit einem 47er Flight. Da gab es leider nur einmal großes Vergnügen, aber zweimal Pech und einmal Dummheit. Ein traumhaft schöner Wein war 1947 La Mission Haut Brion. Zwar etwas reifer, als ich ihn kenne, aber das ist und bleibt ein Riese. Allein schon diese irre Nase! – WT97. Seinen Meister hätte er wohl in 1947 Conseillante Vandermeulen gefunden. Aber die liebe Elke verzichtete darauf, diesen Wein, der ähnlich wie die „Mutter aller Weine“ (1947 Chambertin Vandermeulen) mindestens 4 Stunden in der Karaffe braucht, überhaupt dekantieren zu lassen. So konnte dieser Gigant nicht mal ansatzweise zeigen was er drauf hat, schade. 1947 Margaux Vandermeulen hatte eine faszinierende Schokonase, nur der Gaumen ging überhaupt nicht. Und 1947 Lafleur Vandermeulen, der Überflieger von Elkes letzter Probe, war diesmal ein kompletter Fehlschlag.

Alte Erinnerungen hieß der letzte Flight. Und alte Erinnerungen sollte man besser nicht aufwärmen. Ein reiner Bestattungsfall war leider der 1904 Certan de May. Der 1928 Cos d´Estournel war ganz nett und noch gut trinkbar. Allerdings zeigte er weder die Klasse und Charakteristik des Jahrgangs noch die von Cos – WT87. Ziemlich hinüber leider auch der 1955 Croix de Gay mit zwar dichter Farbe, aber auch Klebstoff und massiver Säure – WT82. Ganz ok mit feiner rotbeeriger Frucht der 1929 Pavie, solange man den nicht in Bestform kennt – WT89. Und dann kam doch noch ein absoluter Hammerwein ins Glas, der 1970 Giscours, ein schier unsterblicher Riese, der schon etliche Proben gesprengt hat und für diese hier einen wunderbaren, vorläufigen Schlussakkord setzte. Ob das jetzt der größte aller trockenen Ports ist oder ob alle Ports versuchen, so zu schmecken wie dieser Giscours, ist unerheblich. Den muss man einfach einmal im Leben im Glas gehabt haben. Ich persönlich fände einmal pro Woche noch besser.

Und dann kam doch noch so eine Art Flight, den man als „prächtige Stimmung“ bezeichnen könnte. Elkes Fanclub, wie immer richtig in Fahrt, hatte sich im Überschwung großen Genusses und unendlichen Fassungsvermögens noch auf der Weinkarte des Hauses ausgetobt. Plötzlich kamen von allen Ecken her Gläser. So richtig erinnern kann ich mich nur noch an den blutjungen, großartigen 2011 Recher Herrenberg Spätburgunder Lange Goldkapsel von Stodden (WT93+) und an den schlichtweg genialen 2009er aus gleicher Lage, der aus einem ganz speziellen Fass stammte (WT95). Und dann war da noch ein spannender, würziger 1999 Philippi Pinot Noir mit toller Struktur, Jugend und Säure – WT94 und????. War mal wieder ein richtig geiler Elke Abend.