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Große Beychevelle Probe

Der erste Abend von Jan Erik Paulsons grandiosem Weinwochenende startete mit einer Beychevelle-Vertikale. Da war ich natürlich sehr skeptisch, denn Beychevelle ist nicht gerade ein Chateau, das bei mir Begeisterungsstürme auslöst. Irgendwie habe ich gerade bei jüngeren Beychevelles immer das Gefühl, dass die mit ihrem Wein beweisen wollen, warum es seinerzeit in der Klassifikation nur für 4. Gewächs gereicht hat.

Rustikal wirkte der 1979 Beychevelle, mehr Zedernholz als Frucht, insgesamt sehr karg wirkend. Alterstöne hatte er keine. Dürfte sich also auf diesem niedrigen Niveau noch länger halten, aber warum? – WT84. Bestechend die Nase des 1981 Beychevelle mit Waldboden, Trüffeln und dunklen Früchten, erstaunliche Kraft und Fülle am Gaumen und schöne, erste Süße – WT91. Da kam 1982 Beychevelle, den ich deutlich besser kenne, nicht mit. Wirkte aus dieser Flasche, die wohl nicht die beste war, sehr verhalten und enttäuschend, dazu etwas austrocknend am Gaumen – WT86. Kraft und Langeweile war mein erster Eindruck beim 1983 Beychevelle. Da tat sich mit der Zeit noch Einiges im Glas, der Wein baute aus, wurde immer minziger und zeigte sogar etwas Eukalyptus – WT89. Leider passierte dieses Wunder beim 1985 Beychevelle nicht, der blieb ziemlich eindimensional, viel Holz, wenig Frucht – WT87. Sehr stimmig und elegant mit Minze und fleischiger Frucht der 1986 Beychevelle, der deutliches Potential zeigte und noch zulegen könnte – WT91+.

Und dann kam als Solitär der absolute Star der Verkostung ein 1885 Beychevelle aus einer vor 40 Jahren auf dem Chateau rekonditionierten Flasche. 1885 war kein großes Bordeauxjahr, aber hier gaben die letzten Vorreblausreben noch einmal alles. Einen solchen Vorreblauswein in sehr gutem Zustand erleben zu dürfen, das ist ein einmaliges Erlebnis. Diese Finesse und Eleganz, diese betörende Frucht, diese unglaubliche Stimmigkeit, diese geniale Kombination aus Kraft und Leichtigkeit, das ist, als ob am Himmel die vierte Dimension aufgeht – WT97.

Oder, um es mit meinem Freund Pedro zu formulieren, der nur für dieses Wochenende extra aus Brasilien gekommen ist: "This bottle was worth the trip."

Alter Balsamico auf eine frisch geteerte Straße gekippt, das war die erste Anmutung des unglaublich kräftigen 1928 Beychevelle, der immer noch eine gute Tanninstruktur und die dazugehörige Zukunft besitzt. Der hätte eigentlich ein paar Stunden in die Karaffe gehört. Ein klassischer 28er halt und ein großer, kompletter Beychevelle mit Statur und Länge. Baute enorm im Glas aus und wurde mit der Zeit deutlich gefälliger – WT95. Rechtzeitig dekantiert sind da sicher noch 1-2 Punkte mehr drin. Sehr freundlich war es vom kompetenten Weinteam des Kronenschlösschens, jeden Wein in ein neues Glas einzuschenken. Mit einer aufwendigen Osmose-Spülmaschine ist hier sichergestellt, dass die Gläser eigentlich alle einwandfrei sin. Eigentlich – solange nicht noch mal jemand übereifrig mit einem feuchten Lappen nachpoliert. Und ausgerechnet in ein solches Glas bekam ich den 1934 Beychevelle aus der Magnum. Gut, diese Magnum hatte viel Flüchtige Säure, aber alle anderen Fehltöne stammten von meinem Glas. Mein freundlicher Nachbar gab mir seines samt Inhalt. Das war ein eleganter, sehr feiner Beychevelle, immer noch mit schöner Frucht und schöner Süße – WT90. Was tut man gegen solches Glas-Unbill? Grundsätzlich rieche ich vor der Probe an meinen Gläsern. Und wenn ich dann einen einwandfreien Satz von Gläsern habe, gebe ich die nicht mehr her. So habe ich es hier dann auch am nächsten Abend gehalten. Gut gefiel mir der von der gesamten Anmutung her jünger wirkende 1945 Beychevelle. Leicht laktisch in der Nase, aber auch mit Kaffeenoten, gute Struktur und Säure am Gaumen, schöne Länge und sicher noch längere Zukunft – WT92. Sehr jung und dicht wirkte die Farbe des 1947 Beychevelle. Auch hier wieder viel Kaffee, wobei es eher Kaffeesatz war, der leicht bitter wirkte. Doch dazu kam am Gaumen neben erstaunlicher Kraft auch eine generöse Süße – WT92.

Gefällig, weich und schmelzig wirkte der 1949 Beychevelle, bei dem aber leicht oxidative Noten störten – WT90. Geradezu erotisch mit betörender, rotbeeriger Frucht wirkte der sehr elegante, feine und filigran wirkende 1953 Beychevelle – WT93. Der 1959 Beychevelle aus der Magnum hatte eigentlich alles, was ein großer Wein braucht. Kraft, Frucht, Fülle, Süße, aber eben leider auch erste Alterstöne in Form von Oxidation – WT91. Deutlich besser, jünger und ohne Alterstöne der 1961 Beychevelle, kräftig und elegant zugleich, sehr stimmig mit generöser Süße und guter Länge am Gaumen – WT94. 1961 war nun mal einfach ein großes, perfektes Weinjahr, in dem es in Bordeaux praktisch unmöglich war, einen schlechten Wein zu erzeugen. Deutlich schwieriger war da schon der nächste Jahrgang. Und so zeigte dieser 1962 Beychevelle immer noch eine erstaunliche Kraft, aber auch hohe Säure, Zedernholz, wenig Frucht und wirkte etwas eckig, trank sich aber trotzdem verdammt gut – WT90.

Zu den besten Weinen des linken Ufers gehörte stets der wohl rechtzeitig vor dem großen Regen geerntete 1964 Beychevelle. Ein gefälliger, weicher, reifer Wein mit Trüffeln, Waldboden und erdiger Mineralität, der aber aus dieser Flasche die frühere Klasse etwas vermissen ließ – WT89. Ein Klassiker und immer noch voll da ist eigentlich 1966 Beychevelle, der hier immer noch eine dichte, junge Farbe und enorme Kraft zeigte. Doch die anstrengende Nase wurde immer korkiger. Schade. Sicher ist das aber ansonsten ein solider, zuverlässiger 66er, mit dem in diesem Jahrgang Geborene im nächsten Jahr zu vertretbaren Kosten ihren 50er feiern können. Und dann ging es weiter in die grausigen 70er. Der 1970 Beychevelle war immer noch gut trinkbar, aber halt ein klassischer 70er, eckig, kantig und etwas sperrig, dabei absolut charmefrei – WT83. Schon verdammt staubig die Eleganz des 1971 Beychevelle, aber da war auch eine schöne Süße und ein durchaus faszinierender, morbider Charme – WT87. Von Genuss keine Spur bei 1975 Beychevelle, der von deutlicher Säure und sperrigen Resttanninen dominiert wurde – WT78. Einfach nur übles, freudloses Zeugs mit unangenehmer Nase der eckig wirkende 1978 Beychevelle – WT80. So schlecht kann der eigentlich nicht sein. Da muss es bessere Flaschen geben.

Ziemlich anstrengend wirkte der kräftige, sehnige 1988 Beychevelle. Aber da war bei aller tanniniger Strenge auch deutliche Substanz. Hier könnte durchaus noch wie bei vielen 88ern ein Wunder passieren – WT87+. Den großen Jahrgang hat man bei 1989 Beychevelle auch nicht ansatzweise ausgeschöpft. Gute Frucht zwar und mit der Zeit etwas generöser und süßer werdend, aber so richtig sang dieser Beychevelle nicht – WT89. Etwas offener, weicher und generöser der 1990 Beychevelle, der aber für das große Jahr auch eher etwas enttäuschend wirkte – WT90. Und damit kamen wir zum Schluus unserer Probe noch zu drei jungen Beychevelles aus großen Jahren. Offen und füllig mit süßer Frucht die Nase des 2005 Beychevelle, am Gaumen war da noch ein strammes Tanningerüst, das auf mehr hoffen lässt – WT88+. Etwas diffus fand ich den üppig süßen, eher etwas kalifornisch wirkenden 2009 Beychevelle, dem es zumindest in diesem Stadium an Struktur fehlte – WT89. Ähnlich in der offnen, üppigen Frucht der 2010 Beychevelle, aber hier ließ sich eine bessere Struktur mit klareren Konturen erkennen – WT91. Aber so richtig überzeugt haben nicht nur mich diese letzten drei Weine nicht.