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Grosse Burgunder in Halle "M"

Große, gereifte Burgunder war auch zur diesjährigen Prowein wieder das Thema einer Probe für meine Winzerfreunde in Halle „M“, dem idyllisch gegenüber der Messe auf der anderen Rheinseite gelegenen Landhaus Mönchenwerth.

Was ist eigentlich heute los mit den Weißen Burgundern? Warum nippeln viele von denen schon nach kurzer Zeit ab? Warum gibt es diese fürchterliche Premox-Plage? Es ging doch früher anders. Dieser 1971 Corton Charlemagne der Domaine de la Juvenière war ein gutes Beispiel dafür. Brilliantes, tiefes Goldgelb, gute Mineralität, feiner Schmelz, reichlich Kraft und Länge, Alterstöne Fehlanzeige – WT93. 12 Flaschen hatte ich davon 1989 bei Hardy in Berlin gekauft. Die vorletzte war 2001 dran in der irrigen Meinung, dieser Wein gehöre dringend getrunken. Wie schön, dass sich diese letzte Flasche unauffindbar im Keller versteckt hatte. Ich würde diesen Wein sofort wieder nachkaufen.

Es sollte nach diesem Apero noch besser kommen. Der 1959 Meursault Charmes Cuvée Albert Grivault vom Hospice de Beaune war ein absolut stimmiger, reifer Burgunder mit tiefer, aber klarer Farbe, der mit leicht molliger, süßer Würze verwöhnte, gestützt von immer noch guter Säure – WT95. Fast noch etwas jünger, obwohl noch 10 Jahre älter, wirkte der 1949 Corton Charlemagne von Reine Pedauque. Rassig mit feinen Küchenkräutern in der Nase, noch so frisch und vital, sehr mineralisch und mit präsenter, aber weicher Säure – WT96. Warum geht das heute nicht mehr? Ob die Winzer vielleicht statt ihren Önologen mal ihren Vater oder sogar den Großvater fragen?

Nachfolgend die Fotos dieser einmaligen Probe. Ich werde über Ostern versuchen, den Probenbericht fertigzustellen.

Mit dem nicht gerade einfachen Jahrgang 1960 starteten wir in den roten Teil der Probe. Doch in Burgund geht eigentlich immer was. Süß und reif mit feinem Schmelz war der 1960 Chambolle-Musigny von Louis Serrignon, der allerdings mit der Zeit im Glas etwas abbaute – WT90. Ein großer, kompletter Burgunder war der von Patriarche abgefüllte 1960 Hospice de Beaune Cuvée Hugues et Louis Bétault mit betörendem, süßem Schmelz, sehr würzig, druckvoll, einfach burgundische Pracht und Fülle auf hohem Niveau – WT96. In 1960 Geborene wie Daniel Gantenbein, der zu unserer Runde gehörte, können also aufatmen. Es gibt aus ihrem Geburtsjahr nicht nur trinkbare, sondern sogar große Weine.

Und dann kam der traditionelle Mystery-Wine. Diesmal war es ein 1917 Veltliner Sassella von P. Zanolari aus Chur. Kein Schweizer Wein, sondern ein in der Schweiz abgefüllter Wein aus dem Veltlin, ein Nebbilo. Unglaublich, wie dieser 98jährige Wein noch im Glas stand. Helle, aber intakte Farbe, so eine feine, pikante Frucht, gute Säure, schöne Fülle, gut trinkbar – WT88 für den reinen Genuss. Für das Erlebnis und den Seltenheitswert müssten da eigentlich noch reichlich Punkte dazu kommen.

Wie von einem anderen Stern wirkte der immerhin jetzt 104jährige 1911 Santenay aus der Collection du Docteur Barolet von Henri de Villamont, bei dem einfach alles stimmte. So vital noch die Farbe, so fein die immer noch spürbare Frucht, so seidig die Eleganz und die dazu gehörige Süße dieses einfach kompletten, perfekten Weines, der dazu noch eine tolle Länge zeigte – WT100. Etwas dunkler die Farbe des 1911 Corton von Morin, sehr würzig, kräftig und lang am Gaumen, auch das ein voll intakter, unsterblicher Riese – WT98. Sehr spannend auch die sicher noch mal mindestens 50 Jahre ältere, mundgeblasene Flasche. Damals lebte man halt noch nicht in der Wegwerfgesellschaft, da wurden solche Flaschen mehrfach verwendet.

Der 1915 Chambolle Musigny ohne Etikett mit Auktionslabel in einer alten, bauchigen war ein zwar reifer, weicher, aber auch sehr würziger, komplexer Burgunder mit sehr guter Länge – WT96. Und dann kam ein Wein, für den mir eigentlich die Worte fehlen. Sicher die rarste, wahrscheinlich auch die beste Flasche aus meinem Keller. Ich durfte sie an diesem Abend mit guten Freunden teilen. Ein unsterblicher, hundertjähriger Wein, dieser 1915 La Romanée von Morin mit so brillianter Farbe, mit herrlicher Frucht und die Süße einfach in einer anderen Dimension. Nicht nur ein hundertjähriger Wein auch ein Jahrhundertwein. Nein, die WT100 reichen da nicht, das ist eine andere Dimension. Freude, Demut, Dankbarkeit so etwas trinken und teilen zu dürfen.

Die Jahre 1911, 1915 und 1919 gelten als die Goldene Ära des Burgunds mit unsterblichen, riesengroßen Weinen. Wo findet man heute noch solche Weine? Eigentlich nicht mehr. Ich habe diese Weine in den 90ern und davor in Frankreich und Belgien gekauft. Gerne würde ich angesichts kaum noch vorhandener Bestände nachkaufen, aber da findet sich heute nichts mehr.

Sehr fein, elegant, süß und finessig der 1923 Nuits-St.-Georges von Maurice Habert, der immer noch gute Frucht und gute Säure besaß – WT96. Der 1923 Pommard in einer Händlerabfüllung mit unleserlichem Etikett, aber gutem Füllstand hatte leider Kork.

Kaputt war leider der 1926 Pommard von Thomas Bassot, aber das kann natürlich auch bei Burgundern passieren, selbst bei so zuverlässigen Häusern wie Bassot. Aber es gäbe da noch eine Zwillingsflasche. Mit der starte ich nächstes Jahr einen neuen Versuch. Traumstoff der 1928 Fleurie in einer deutschen R&U Abfüllung. Sehr dichte, altersfreie Farbe, intensive kirschige Frucht, enorme Kraft und Länge am Gaumen – WT95. Was so unglaublich klingt, hat einen ganz realen Hintergrund. Da ist kein Pinot Noir drin, sondern Gamay, aus dem heute so unsägliche, sehr schnelllebige Brühe wie Beujolais Primeur gemacht wird. Aber Gamay kann altern und hält durchaus mit Pinot mit. Ich habe schon etliche, ältere, hervorragende Lagen-Beaujolais getrunken. Schön, dass es heute wieder engagierte Winzer im Beaujolais gibt, die daran anknüpfen.

Eine immer noch recht jung wirkende Farbe hatte der 1929 Corton von Doudet-Naudin. Auch in der Nase und am Gaumen präsentierte er sich noch fast wie ein Jungspunt mit wunderbarer Frucht, mit süßem Schmelz, enormer Kraft und Länge. Baute enorm im Glas aus – WT97. Auch der 1929 Clos Vougeot von Doudet-Naudin ist eigentlich ein großer wein und man spürt deutlich die immer noch vorhandene Substanz. Aber er wirkte etwas pilzig (hatte ich bei diesem Wein vor über 20 Jahren schon mal) und zeigte immer mehr einen leichten Korkton.

Und dann machten wir wieder einen kleinen Ausflug in Un-Jahre, aus denen es eigentlich nichts trinkbares geben sollte. Der 1939 Pommard Rugiens aus der Collection du Docteur Barolet war jetzt nicht gerade ein Blockbuster, aber immer noch ein recht passabler, gut trinkbarer wein – WT89. Ganz anders der 1940 Clos de Tart aus der Collection du Docruer Barolet, der nach leicht verhaltenem Start förmlich im Glas explodierte und sich zu einem großen, absolut stimmigen Burgunder entwickelte, der auch aus einem Top-Jahr wie 1937 kommen könnte – WT97.

Eines dieser Top-Jahre in Burgund mit sehr konzentrierten, immer noch erstaunlich jung wirkenden Weinen ist 1945. Aus diesem Jahrgang hätte ich mir von 1945 Bonnes Mares von Bouchard deutlich mehr versprochen. Aber das war leider nicht die beste Flasche. Auf hohem Niveau schwächelte sie – WT87. Dem Bild eines großen, typischen 45ers entsprach aber der 1945 Beaune Clos des Mouches von Chanson. Noch so jung in der Anmutung, immer noch schöne Frucht mit roten und blauen Beeren, sehr konzentriert mit präziser Struktur, aber auch elegant und finessig mit guter Länge – WT96.

Ein beeindruckender Charmeur war der 1947 Charmes Chambertin von Seguin Manuel mit wunderbarer Frucht, erstaunlicher Frische, guter Struktur und unterstützender, guter Säure, dazu eine samtige Textur – WT97. Noch leicht darüber der beeindruckende 1947 Bonnes Mares von Seguin Manuel der ebenfalls gute Struktur und Säure aufwies, aber auch dekadente Süße, Fülle und Schmelz – WT98. Beide Weine haben, wie viele der anderen auch, über 20 Jahre in meinem Keller auf ihren Einsatz gewartet.

Ganz großes Burgunder-Kino aus dem Riesenjahr 1959 der 1959 Charmes Chambertin von Merme-Morizot. Ein im besten Sinne charmanter Wein, der die Wucht und Fülle eines großen Chambertin sehr elegant rüberbrachte mit traumhaftem schmelz und betörender Süße, sehr lang am Gaumen – WT98. Der sehr vitale, kräftige und überzeugende 1953 Corton Pougets von Louis Latour musste sich dahinter nicht verstecken – WT96.

Als Abschluss dieser denkwürdigen Probe kam dann noch ein 1971 Romanée St. Vivant von Noellat ins Glas. Das war ein großer, perfekt gereifter, sehr eleganter, seidiger wein mit betörendem, süßem Schmelz. Aber er machte bei aller Qualität auch deutlich, auf was für einem hohen Niveau wir uns vorher bewegt hatten – WT95.

Warum irgendwann jeder Weinliebhaber bei Pinot Noir landet, auch und gerade bei den gereifteren? Es ist diese unglaubliche Finesse und Leichtigkeit, diese spielerische Eleganz. Da erschlägt und ermüdet nichts, hier ist nichts dick oder überladen. Großer, gereifter Pinot animiert einfach nur und begeistert.