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Grosse Raritätenprobe 2015

Meine 23. Raritätenprobe war das in diesem Jahr. Und da ich einen halbrunden Geburtstag nachzufeiern hatte, gab es in dieser Herzblut-Probe meine besten Weine aus großen Jahrgängen mit der „5“ und aus dem Geburtsjahr des Mannes mit der „5“ hintendran.

Als Apero starteten wir auf der Terrasse des Landhauses Mönchenwerth mit einem 2005 Ruppertsberger Hoheburg Fass #57 von Bürklin-Wolf aus der Doppelmagnum. Der zeigte sich aus der Grossflasche noch so frisch. Spannend und vielschichtig die Nase mit reifer Frucht, Kräutern und Minze, am Gaumen viel Druck, feine Extraktsüße, sehr mineralisch mit fantastischer Struktur, immer noch so jung mit cremiger Textur und gewaltiger Länge - 95/100.

Und dann starteten wir gleich mit vollem Risiko in die Probe mit einer Flasche, vor deren Performance ich den meisten Bammel hatte. Wie würde 100 Jahre alter Champagner schmecken? Der 1915 Veuve Clicquot Ponsardin Dry aus einer wohl damals für den englischen Markt vorgesehenen Flasche war optisch und vom Füllstand her in gutem Zustand. Schrumpelig der uralte Originalkorken, den Oliver Speh, unser perfekter Maitre de Plaisir, mit sicherer Hand löste. Hell gülden aber klar die Farbe, kein Mousseux mehr, aber auch keine Alterstöne. Wunderbare Aromatik, Brioche mit frischen Waldpilzen, immer noch gewisse Frische zeigend, am Gaumen enormer Tiefgang mit feiner Bitternote im Abgang. Der Weinbuchhalter in mir würde jetzt für diesen traumhaft aromatischen Stillwein WT94 geben, der Weinliebhaber aber gibt für dieses einmalige Erlebnis WT100.

Tradition ist seit langen Jahren, dass Jörg Müller aus Sylt zu meiner Probe seinen legendären Gänseleber Gugelhupf mitbringt. So auch in diesem Jahr. Da war natürlich als Begleitung ein großer Süßweinflight fällig. Drei Sauternes aus meinem Geburtsjahr hatte ich ausgewählt. Alle drei in optisch einwandfreiem Zustand, die Farben mehr oder minder ins Güldene gehend, aber alle brilliant. Der 1950 La Tour Blanche hatte eine wunderbare Butterscotch Nase, am Gaumen die klassische, englische, bittere Orangenmarmelade und wunderbaren, süßen Schmelz, perfekt balanciert durch eine immer noch gute Säure, sicher der eleganteste Wein des Trios – WT97. Die tiefste Farbe und die intensivste Süße hatte der schier unglaubliche 1950 Suduiraud, dazu eine unglaubliche Kräutermischung, die entfernt etwas an Hustensaft erinnerte. Wenn das wirklich Hustensaft wäre, würde ich den freiwillig dreimal am Tag nehmen. Die prächtige Fülle dieses Weines, der mit der Perfektion flirtete, wurde durch eine gute Säure balanciert, ewig lang der Abgang – WT99. Der eleganteste der drei war der 1950 Lafaurie Peraguey, wunderbare Nase mit Toffee, bitterer Orangenmarmelade und der oberen Schicht einer Crème Brulée, am Gaumen fehlte im bei aller Eleganz vielleicht etwas die Wucht der beiden anderen Weine – WT96.

Natürlich hatte Jörg Müller wieder sein hervorragendes Brioche mit dabei, aber mit diesen drei Weinen wurde quasi zusätzlich zur Gänseleber ein karamellisiertes Brioche gereicht.

Süßweine, gerade Sauternes, sind derzeit nicht sonderlich in Mode. Das liegt vielleicht daran, dass man sie fälschlicherweise als Dessertweine bezeichnet und als solche einsetzt. Wer hat schon zum Ende eines großen Menüs Lust auf so etwas. Zusammen mit einem ebenfalls süßen Dessert ist das der absolute Overkill. Ich setze deshalb Sauternes immer relativ weit vorne zu einem dazu passenden Gericht ein. Da brillieren sie dann richtig und finden reichlich Fans.

Klar hat es danach der erste Rotweinflight schwer, in dem die Sinne erstmal umschalten müssen. Deshalb folgt immer ein (vermeintlich) kleinerer Flight zum Eintrinken. In diesem Fall hier war zweimal Belair angesagt. Der 1945 Belair aus St. Emilion war sehr fein, elegant, wirkte burgundisch und war immer noch so fit – WT92. Eine große Überraschung war der 1950 Belair aus Pomerol in einer deutschen Bachmann Abfüllung. Der hatte noch eine so junge, dichte Farbe, war noch so vital und kräftig mit dekadentem, süßem Schmelz. Unglaublich, wie der mit der Zeit im Glas ausbaute. Wer den zu schnell austrank, sah vom Film nur die Hälfte. Meine eigenen Bewertungen starteten bei WT92 und gingen viermal hoch. Beim letzten Schluck war ich bei WT96. Der steht jetzt auf meiner Suchliste.

Und dann war als Solitär der Senior dieser Probe dran, ein 130 Jahre alter 1885 Barolo der Tenuta di Grinzane. Helle, immer noch brilliante Rosé-Farbe, feine, pikante, himbeerige Frucht, immer noch Frische zeigend, wofür natürlich die massive, aber nicht unangenehme und tragende Säure verantwortlich war. Dieser Barolo stand noch voll im Glas und war voll intakt. Ja, das war noch Trinkgenuss auf WT93 Niveau. Oder, wie es ein Weinfreund aus der Schweiz formulierte: „Der ist so sanft wie der Beischlaf eines pensionierten, 80jährigen Generals“. Für das Erlebnis eines so alten Weines gilt analog das zum 1915 Veuve Clicquot Geschriebene. Und zur Flasche selbst: die war weder neu verkorkt noch sonst irgendwie aufgehübscht und hatte noch den alten, schrumpeligen Originalkorken.

Ein Dreierflight Burgund war als nächstes angesagt, wiederum aus Wineterminators Geburtsjahr. Eleganz pur beim 1950 Chambertin von Armand Rousseau, der die anfängliche Ladehemmung schnell ablegte und auf die Überholspur ging. So ein absolut stimmiger, großer Burgunder, geradezu erotisch die betörende Nase mit reifer Erdbeere, am druckvollen Gaumen Seide pur und unendlicher, süßer Schmelz – WT99. Etwas kompakter in der Nase war der 1950 Clos de Tart von Mommessin, der dafür um so expansiver am traumhaften, sehr druckvollen Gaumen war. Einfach irre, was da mit herrlicher Süße und ewiger Länge abging – WT99. Eigentlich hätte der dritte Wein mit diesen beiden voll auf Augenhöhe sein müssen, aber dieser 1950 La Tâche von DRC war, obwohl optisch einwandfrei, nicht die beste Flasche. Bräunlich und reif die Farbe, oxidative Noten in der Nase, aber auch kräuterig-lakritzige Noten, Geraniol, leicht pilzig am Gaumen wirkend. Man spürte die Substanz dieses Weines, aber er sang einfach nicht – WT90.

Damit waren wir im Jahrhundertjahrgang 1945, in dem die Natur im Frühjahr mit späten Frösten für eine natürliche Begrenzung der Erntemengen und anschließend mit einem Paradesommer für perfektes Lesegut gesorgt hatte. Der 1945 Hermitage von P.A. André hatte nicht nur eine kräftige, altersfreie Farbe, er wirkte auch in der gesamten Anmutung noch so frisch. Da war unglaublicher Druck und Tiefgang am Gaumen, unterstützt von einer guten Säure – WT98. Und dann dieser 1945 Barolo Riserva von Borgogno, die frischere, süßere, fruchtigere, erheblich intensivere Version des 1885ers, so druckvoll, so süß, so schmelzig und so kräftig, ein Barolo wie vom anderen Stern – WT99. Ein Riese wäre sicher auch der 1945 Vosne Romanée von Grivelet gewesen, Superfarbe, Kraft, Substanz – aber leider Kork.

Hell die Farbe des 1945 Croix de Gay, verschwenderische, süße Nase, Walderdbeeren, am kräftigen Gaumen geiler Schmelz ohne Ende, ein großer Pomerol und ein toller Wert – WT97. Sehr überzeugend der 1945 Magdelaine, so kräftig, so konzentriert, soviel Tiefgang, so lang mit feiner Kräuternote – WT97. Und dann dieser unglaubliche 1945 Lynch Bages, ginge in dieser Topform locker als Zwilling des 89ers durch, so minzig, so jugendlich, so druckvoll und unendlich lang – WT99. Drei Weine, die deutlich zeigten, wie groß und fast unsterblich die 1945er sind, wenn sie aus guter Lagerung stammen.

Der nächste Flight sollte auf höchstem Niveau den Übergang von den 45ern zu 50 bringen. Rein theoretisch hätte das der absolute Hammer sein müssen. Dieser 1945 Petrus in einer belgischen Händlerabfüllung, vor langen Jahren mit stolz geschwellter Brust zu noch halbwegs erträglichen Konditionen auf einer Auktion geschossen, hatte reichlich Substanz, Kraft, Dichte und auch noch Jugend, aber leider eben auch Kork. Grrrr! Dafür waren wir mit dem perfekten, immer noch so jung wirkenden 1950 Petrus im Weinhimmel. Schlichtweg ein perfekter Traumwein, bei dem von der Nase über den Gaumen bis zum endlosen Abgang einfach alles stimmte. Das waren ohne Wenn und Aber WT100.

Und dann ging es gleich im nächsten Flight auf diesem Niveau weiter. Der 1950 Ausone war ebenfalls die schiere Perfektion. So ein unglaublich dichter, komplexer Weinaristokrat mit feiner Kräuternote und irrer Länge, intensive Mineralität, gewaltige Struktur, feine Süße, ein Wein der Marke „Sprachlos“ – WT100. Da kam auf extrem hohem Niveau selbst der grandiose 1950 Cheval Blanc in einer belgischen Thienpoint Abfüllung trotz perfektem Füllstand nicht mit. Aber auch das ein Wahnsinnswein. 1950 gehört zu den größten Chevals überhaupt – WT99. Gegen diese Boliden kam der 1950 La Gaffelière in einer deutschen Schulz&Wagner Abfüllung nicht mit. Der hatte zwar auch Finesse und feinen Schmelz, aber auch schon oxidative Noten und wirkte sehr reif – WT92. Kenne ich deutlich besser.

Und weiter ging es mit dem großen 1950-Kino. Alte Lafleurs sind heute meist gefälscht. Schwierig, da an echte Flaschen ranzukommen. Und wie merkt man, ob so ein Lafleur echt ist? Korken raus! The proof is in the bottle. Bei dieser 1950 Lafleur war ich mir aufgrund der Herkunft eigentlich ziemlich sicher, dass sie authentisch ist. Aber sicher ist sicher, so stand für alle Fälle ein weiterer Pomerol als Backup bereit. Doch der wurde nicht gebraucht. Das hier war Lafleur wie er leibt und lebt. Was für ein zupackender, kräftiger, immer noch so jung wirkender, dichter Wein, der Latour unter den Pomerols. Kernig im besten Sinne mit der Lafleur-typischen Kräutermischung und reichlich Lakritz, natürlich auch mit generöser Süße, sehr lang am Gaumen, einfach ein Monument, dass die Sinne forderte – WT100. Eigentlich war es nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man jetzt den Lafleur vorzog oder den ebenfalls schlichtweg perfekten 1950 Vieux Certan. Das war Hedonismus pur, die riesengroße Schokoladenoper, aber nicht billige Industriepampe, sondern allerfeinste Confiserie. Was würde Lindt für dieses Rezept geben. Stundenlang riechen könnte ich daran. Doch am Gaumen geht der starke Auftritt weiter mit schokoladigem Schmelz ohne Ende, aber auch mit großartiger Struktur – WT100. Beide Weine sind noch so jung in ihrer Anmutung, haben noch soviel Potential, damit könnte ich in 15 Jahren locker noch meinen 80. feiern.

Zwischen diesen beiden Monumenten stand fast etwas verschüchtert der 1950 l´Evangile in einer deutschen R&U Abfüllung. Auch das eigentlich ein Bilderbuch-Pomerol, jung, dicht, kraftvoll mit Minze und Rumtopf, schöner Schmelz am Gaumen. Aber der wurde hier schier erdrückt. Die WT97 sind vielleicht ungerecht.

Und dann kamen wir zum großen Haut Brion Turnier, zuerst mit dem Jahrgang 1955. Die Papierform ist klar. Haut Brion ist der große, der mit der besten Reputation, La Mission Haut Brion ist der ewige Verfolger und eigentlich beständigere. La Tour Haut Brion ist so etwas wie der arme Verwandte, von dem man kaum Notiz nimmt. Aber wie sieht das im Glas aus? 1955 La Mission Haut Brion in einer Vandermeulen-Abfüllung kam erst mit einem leichten, kork-ähnlichen Fehlton ins Glas. Doch der verschwand rasch. Der La Mission drehte mit Luft enorm aucf, wurde immer süßer, länger und druckvoller mit der klassischen Cigarbox-Aromatik – WT97. 1955 Haut Brion wirkte nobler, distinguierter. Ein sehr feiner, edler, eleganter Wein ohne laute Töne, aber so stimmig. Auch der mit der klassischen Cigarbox-Aromatik, am Gaumen mit feinem Schmelz und unendlich lang – WT97. Und die bucklige Verwandschaft? Zeigte den beiden auf hohem Niveau die Rücklichter. Dieser 1955 La Tour Haut Brion in einer deutschen R&U Abfüllung war wieder mal so dicht, so kräftig, so jung in der Anmutung. Geradezu explosiv die Aromatik mit Cigarbox, Minze, Eukalyptus und Sattelleder. Bei aller Kraft war da auch Eleganz und eine gewaltige Länge – WT98. Und das Beste daran, dieser Wein ist noch lange nicht am Ende. Der hat noch eine große Zukunft.

Auf zur zweiten Runde, diesmal aus 1975. Der 1975 La Mission Haut Brion ist erst ganz am Anfang einer langen Reise. Schon frühzeitig wurde er von Robert Parker mit 100 Punkten geadelt, während Michael Broadbent seinerzeit meinte, dass er sich diesen ruppigen Wein allenfalls als Begleitung zu Wildschwein vorstellen könnte. Auch jetzt ist das immer noch ein Riese im Werden, ein großer Wein, der reichlich Luft und besser noch 5-10 Jahre im Keller braucht. Derzeit präsentiert er sich mit unbändiger Kraft und gewaltiger Länge mit viel Minze und Eukalyptus als perfekter Heitz-Martha-Zwilling – WT97+. Aber da kommt noch deutlich mehr, das ist für Geduldige ein klarer WT100 Kandidat. Da wirkt im direkten Vergleich der 1975 Haut Brion schon fast wie eine Art Zweitwein. Ähnlich in der Aromatik, aber von allem deutlich weniger, sehr mineralisch, leicht bitter, immerhin meine bisher beste Flasche dieses eher enttäuschenden Haut Brions – WT95. Und der 1975 La Tour Haut Brion? Watschte sie wieder beide ab. Den kenne ich eigentlich nur zugenagelt mit Mörderpotential. Aber hier zeigte er richtig, was er drauf hat. Bei wiederum ähnlicher Aromatik wie der La Mission offener, süßer, schmelziger, dabei immer noch so jung mit gewaltigem Tiefgang. Und auch hier ist das Ende noch längst nicht erreicht – WT98+. Diese beiden Weine, den La Mission und den La Tour Haut Brion, möchte ich in 10 Jahren aus der Magnum auf der Zielgraden erleben. Und den Haut Brion gibt es dazu als Tischwein.

Wie kann man eine solche Probe, ein solches Feuerwerk an Aromen einigermaßen würdig abschließen. Klar, mit einem doppelten Espresso, aber weinmäßig? Da gab es nur eine Antwort: mit einem Jahrhundertport. Der 1945 Taylor Vintage Port, der endlich einigermaßen reif war, zeigte sich wie eine Zusammenfassung der Probe auf höchstem Niveau. So kraftvoll, immer noch jung wirkend und mit Potential für Jahrzehnte, mit süßem Schmelz, irrer Würze, Eukalyptus, Espresso und unglaublicher Länge – WT100.

Auf der Wineterminator-Facebookseite findet sich vom 12.9. zu den Weinen ein Video, das ich direkt am Schluss der Probe mit dem Iphone gedreht habe. Der euphorische Sprecher bin ich – nach dem Genuss all dieser Pretiosen. Also bitte nicht zu kritisch sein.