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Grosse Weine aus grossen Flaschen

Eigentlich mag ich alle Flaschengrößen beim Wein. Der Inhalt ist mir wichtiger. Und ich habe schon so viele, weit über 50 Jahre alte Weine getrunken, die aus halben Flaschen brillierten, da kann die bessere Alterung in Großflaschen nur ein Ammenmärchen sein. Aber die großen Flaschen haben Vorteile. Meist wurden sie später abgefüllt, der Wein sah also mehr Holz. Und dann haben Weingüter natürlich oft für die Magnum&Co die besseren Fässer genutzt. Aber die großen Bouteillen haben einfach noch einen anderen, ganz großen, entscheidenden Vorteil. Da ist mehr drin! Und wenn man gerade von einer dieser bezahlten Verkostungen kommt, wo sich bis zu 20 Leute eine 1tel teilen, und es dann noch viele Leute gibt, die sich dieses Glas auch noch teilen – können Sie sich das vorstellen, ein 40tel einer normalen Flasche Wein? – ja, dann weiß man solche Magnums zu schätzen. Zu 14 Personen waren wir bei der Probe, von der gleich die Rede ist. 14 Gläser pro Magnum bedeutet ein gutes Dezi pro Nase. Genug, um einen Wein richtig genießen und mehrfach nach verkosten zu können.

Schlichtweg spektakulär was das, was mir an diesem Abend widerfuhr. Einer der großen Schweizer Weinsammler hatte nach Engelberg in sein Chalet zu einer Magnum Blindprobe eingeladen, für die er seinen Keller kräftig geplündert hatte. Doch nicht nur in unseren Gläsern spielte sich schier unglaubliches ab. Unruheständler André Jaeger, der in seiner im Juni geschlossenen Fischerzunft über 20 Jahre auf unbestrittenem 19 GaultMillau Punkte Niveau gekocht hatte, verwöhnte uns höchstpersönlich mit einem Menü vom Allerfeinsten.

Schon der Apero hatte es in sich. Der 2010 Gantenbein Chardonnay zeigte aus der Magnum seine große Klasse. Präzise Struktur, Würze, Mineralität, Tiefgang und Länge. Gantenbeins erster „Meursault“, sein für mich bisher bester Chardonnay, würde im Burgund ganz oben mitspielen – WT96.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. Thomas Kunz, so eine Art Schweizer Oliver Speh, brachte alle Weine perfekt dekantiert und mit der optimalen Temperatur in die Gläser.

Blind bekamen wir die Weine in Zweier-Serien vorgesetzt. In der ersten Serie waren eigentlich der linke Wein unschwer als Burgunder, der rechte Wein als Rhone zu erkennen. Beide fast auf Augenhöhe. Aber was konnte das sein? Der linke Wein ein überragender, immer noch so junger, unglaublich druckvoller 1991 La Tâche von DRC. Und das aus einem eher schwierigen Burgunderjahr! Traumhaft süße Frucht, feinste Himbeere mit schöner Fruchtsüße, ein nicht unangenehmer Schuss Bauernhof und Kräuter in der Nase, hohe Mineralität, schlichtweg perfekte Struktur. Riechen, trinken schwelgen auf locker WT97 Niveau. Bin ich jetzt ein Etikettentrinker? Sicher nicht, meine Notizen und die Bewertung standen bevor ich die Flasche sah. Schon beeindruckend, was DRC da so auf die Flasche bringt und vor allem, wie sich diese in ihrer Jugend oft unterschätzen Weine entwickeln. Perfektion beim Wein im anderen Glas, der noch jünger wirkte, obwohl er ein Jahr älter war. Dieser überragende 1990 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé war aus der Magnum in Farbe und Aromatik noch ein so extrem junger, extrem konzentrierter und extrem dichter Wein, ein irres Teil, das mit fantastischer, aber sehr präziser Frucht richtiggehend am Gaumen knallte und ewig haften blieb, dabei so würzig, so lakritzig und sehr lang – WT99+. Und warum nicht WT100? Weil da noch mehr kommt. Einfach ein genialer Wein, der die Nachfolge des inzwischen unauffindbaren 61ers antreten und die nächsten 30 Jahre ein Mordsspaß im Glas bringen wird.

Und dann hatte ich schon wieder zwei so grandiose Pinot Noirs im Glas. Immer noch so jung dieser 1999 Richebourg von DRC, sehr würzig, enorm kräftig, sehr lang mit reichlich roten und blauen Beeren in der Nase, am Gaumen mit gewaltiger Struktur im besten Sinne edelrustikal und kernig, aber auch mit tonnenweise Charme ein klassischer Richebourg halt, der John Wayne unter den DRC´s. Ja, der hat noch reichlich Zukunft, und ich würde mich nicht wundern, wenn er sogar noch zulegt – WT97. Völlig anders der 1999 Grands Echezeaux von DRC im anderen Glas. Hier waren es nicht der Druck und die Kraft, die nicht nur die Herzen der Burgunderfans höher schlagen ließen. Hier war es die unglaubliche Eleganz, Seide pur. Ein geradezu sinnlicher Wein mit betörender Frucht, der im Glas immer mehr zulegte und ebenfalls noch eine längere Entwicklung haben dürfte – WT96.

Da waren die beiden jetzt folgenden Weine fast so eine Art Kulturschock. Vom Konzertsaal zogen wir um in die Großdisko, wo eine Rockband in Form von zwei großen Bordeaux ihr Bestes gab. In Topform zeigte sich der 1990 Cos d'Estournel, der mich in seiner tabakigen Mineralität blind an eine Assemblage aus Heitz Martha's Vineyard und La Mission erinnerte. Dieser Cos war bis er sich Ende der 90er verschloss mit seiner faszinierenden Röstaromatik und seinen hedonistischen Kaffee- und Mokkatönen einer meiner Lieblingsweine. Jetzt scheint er wieder voll da zu sein und erneut voll durchzustarten. Was für ein dichtes, kräftiges Geschoss – WT96. St. Julien pur und als Las Cases klar zu erkennen der schon erstaunlich offene 1986 Leoville las Cases. Aber der war aus dieser Flasche so weit, so zugänglich. Das war für mich in dieser Form eher 85 als 86 – WT95.

Unglaublich jung mit präsenter, süßer Frucht und gewaltigem, aromatischem Druck war das, was dann als 1961 Petrus in einer Van der Velde Händlerabfüllung ins Glas kam. Aber 61 Petrus? Niemals, den kenne ich völlig anders, diese Klasse und auch Reife hatte dieser Wein nicht. Mir schien er ehrlich gesagt für 1961 deutlich zu jung, aber egal was da im Glas war, es war groß. An den in diesem Jahr schon zweimal getrunkenen 1995 Petrus erinnerte mich schon eher das, was wir hier im Glas hatten, immerhin auch auf WT96 Niveau. Furios startete auch das, was als 1961 Latour-á-Pomerol in einer belgischen Lafite-Abfüllung ins andere Glas kam, begann sehr reif, sehr mineralisch auf WT95 Niveau und baute dann rasch ab, wurde oxidativer und landete bei WT87.

Ausnehmend gut gefiel mir im letzten Flight trotz kleinerem Jahr der noch so frische, sehr mineralische 1981 Latour, ein echter Latour-Klassiker mit guter Zukunft, den ich noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte. Schlank in der Statur, etwas Minze, Leder und vor allem diese klassische Latour-Walnuss-Aromatik, schöne Länge am Gaumen – WT95. Überragend und einer der Weine des Abends der 1982 Lafite Rothschild, der endlich "aufgetaut" ist und zeigt, was er drauf hat. Ein großer, klassischer Lafite, bei allem Druck eher auf der feinen, eleganten Seite mit perfekter Struktur und guter, graphitiger Mineralität (der Bleistift von Mouton). Dazu mit herrlicher Frucht und erster, feiner Süße. Ganz klar ein Wein auf dem Weg zur Perfektion und mit Potential für viele Jahrzehnte – WT98+.

Gelungener Abschluss dieser faszinierenden Probe aus einem großen Portweinjahr ein 1927 Dow Vintage Port von Loeb Wine Imports, der nur ganz leicht spritig wirkte, kaum Alter zeigte und mit generöser, cremiger Süße verwöhnte – WT96.