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Grosse Weine aus kleinen Flaschen

Ja, die kleinen Flaschen haben es mir angetan. Mit denen kann man auch in kleinerem Kreis eine große Probe machen. Und dass Weine in kleinen Flaschen schlechter altern, das ist nun wirklich ein Ammenmärchen. So trafen wir uns auch in diesem Jahr in kleiner, feiner Runde im Berens am Kai zu „Großen Weinen aus kleinen Flaschen“.

Den Anfang machten zwei traumhafte, sehr balancierte und altersfreie Auslesen von Altmeister Fritz Haag. Die 1983 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #14 frisch und stimmig mit verhaltener Süße und immer noch kräftiger Säure, legte enorm zu und hat noch lange Zukunft – WT94. Bei dieser „Leichtigkeit des Seins“ kann man nicht von Süßwein sprechen. Wenn eine große Auslese wie diese nach mehreren Jahrzehnten dieses wunderbare Stadium erreicht hat, passt sie eigentlich immer und überall zu allem. Die 1994 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #20 sich mit präsenterer Fülle und Süße im jetzigen Stadium nicht ganz so ausgeglichen, bar da kommt mit den Jahren noch deutlich mehr – WT92+.

Konnte ein 1940 La Mission Haut Brion aus der halben Flasche noch so vital sein? Klar war die Farbe hell mit deutlichen Brauntänen, aber auch mit Brillianz. Die Nase war schlichtweg genial, Pessac und La Mission pur mit Teer, Tabak, Cigarbox, Schwarztee und Kräutern, am Gaumen erdige Mineralität und im Abgang erste, feine Süße – WT95. Und dieser Wein machte nicht schlapp mit der Zeit, im Gegenteil, er baute enorm aus. Da kam auf verdammt hohem Niveau die 1941 Imperial Gran Reserva CVNE, ein hochklassiger Rioja, an dem jetzt so langsam der Zahn der Zeit nagt und der im Glas nach furiosem Start doch etwas abbaute – WT92.

Traumstoff ohne Alter der 1953 Beychevelle in einer Barrière Abfüllung, so elegant, so fein, burgundisch mit feiner, schmeichlerischer Süße – WT95. Altersfrei die junge Farbe des 1961 Montrose, ebenfalls in einer Barrière Abfüllung, der noch sehr tanninbetont, fast etwas bissig wirkte, brauchte Luft ohne Ende und ist in der Form ein Wein für gut 2-3 weitere Jahrzehnte – WT93+.

Ja, da strahlte der Gregor. Zeigten doch die nächsten beiden Flaschen eindrucksvoll, dass es auch aus seinem Geburtsjahr große Weine gibt. Superdicht die tiefdunkle Farbe des 1958 Barbaresco Classico von Serrafino mit Kaffee, altem Balsamico und kräftiger Säure. Ein beeindruckender Wein, der aber gefährlich lebt und so gerade die Kurve vor der Oxidation kriegt – WT93. Ganz anders der 1958 Barolo Classico von Serrafino, der war so elegant, so fein mit wunderbarer, rotbeeriger Frucht, lang am Gaumen und stilistisch eher ein großer, reifer Bordeaux – WT95.

Und da war si wieder, diese Eisenfaust im Samthandschuh. Kernig, kräftig mit erdiger Mineralität, enormer Tiefgang und Länge, dieser 1983 Margaux. Gewaltiges Langstreckenpotential, der Samt wird auf dem unzweifelhaften Weg zur Perfektion sicher noch zunehmen – WT99. Etwas weiter, offener mit betörender Aromatik der burgundische 1983 Palmer, mit feinem, süßem Schmelz ein hoch erotischer Wein – WT97.

Noch nie so gut im Glas hatte ich den lange völlig unterschätzten 1989 Mouton Rothschild. Das war einfach Mouton pur, sexy mit viel Röstaromatik, mit Cassis, Minze, Bleistift und Leder, dazu eine gewaltige Struktur und viel Kraft. Möglich, dass es von diesem Wein unterschiedliche Flaschen gibt. Diese hier war einsame Klasse – WT97. Die WT100 dürfte wohl in ein paar Jahren der 1989 Lafite Rothschild erreichen, der sich hier in Traumform präsentierte. Das war einfach die Kraft und die Herrlichkeit, superbe Frucht, enorme Statur und Länge, der Bleistift von Mouton und die unnachahmliche Eleganz klassischer Lafites – WT99.

Und wir durften weiterträumen. Mit dem 1982 Trotanoy hatten wir wieder einen hypothetischen Blend aus Petrus und Lafleur im Glas. Süß, schmelzig, opulent, seidig, aber auch kräftig mit feiner Kräuternote – WT99. Der 1990 l´Evangile präsentierte sich als immer noch so junger Vollblut-Pomerol mit enormem Druck, mit Kaffee, Schokolade und viel Schmelz, elegant und bei aller Kraft mit burgundischer Fülle – 97/100.

Hat so ein 1983 Hermitage la Chapelle von Jaboulet Ainé überhaupt eine Chance gegen den gigantischen 1990 Hermitage la Chapelle von Jaboulet Ainé? Oh ja, der 83er ist zwar nicht der größere Wein, aber der mit der derzeit vielleicht doch größeren Trinkfreude. Einfach ein perfekt gereifter La Chapelle, der wirklich alles zeigt, was er drauf hat – WT97. Der 90er ist dagegen aus so jungen Flaschen wie dieser hier ein unglaubliches, beeindruckendes Monster, das aus Druck, Druck und nochmals Druck besteht – WT98+.

Seit 20 Jahren lag jetzt diese halbe Flasche 1991 Opus One in meinem Keller, damals für eine geradezu lächerlichen Betrag in Boston erworben. Noch so jung, Cabernet pur, sehr minzig, Cassis, Sattelleder, mineralisch, tolle Länge, fast etwas wuchtig, mehr Mouton als Mondavi – WT95. Etwas reifer erschien im Vergleich der 1994 Ridge Monte Bello als perfekte Melange aus kalifornischer Frucht und Bordelaiser Struktur – WT95.

Ein GPL wie aus dem Bilderbuch war der 1996 Grand Puy Lacoste, voll da, aber sicher Potential für noch 2 Jahrzehnte – WT95. GPL ist und bleibt der Pauillac mit dem wohl besten Preis-/Leistungsverhältnis. Und ausgerechnet der letzte Rotwein, die 1996 Pichon Comtesse de Lalande hatte Kork. Schade, dieser Wein, den ich schon so oft im Glas hatte ist ein wunderbares, moderneres Remake der 86er Comtesse, sonst konstant auf WT95 Niveau.

In einer schwierigen Phase haben wir wohl den 1997 Lorenzhöfer Eiswein von der Karlsmühle erwischt, vielleicht war es auch nur eine schlechte Flasche, was ein Säuremonster hätte sein müssen, entpuppte sich hier als ziemlich zahm. Den probiere ich noch mal neu und reiche das Ergebnis nach. Ein Hammerteil war aber der 1992 Bernkasteler Bratenhöfchen Eiswein von Kerpen, der mit karamelliger Süße und knackiger Säure wie ein Sauternes mit Eiswein-Säure wirkte und dabei noch so frisch war – WT95.