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Martha gut - alles gut

Die Schreckensnachricht kam am Vormittag über Facebook. Rainer wühlte in seinem Keller, stellte die endgültigen Flights für die große Probe des Abends zusammen und begann mit dem Öffnen bzw. Dekantieren der ersten Weine. Und da hatte wohl eine Magnum Heitz Martha´s Vineyard diesen ätzenden, kork-ähnlichen Muffton gezeigt, der den Genuss speziell der Marthas aus den 80ern so grenzwertig macht. Heitz hatte in den 80ern Kellerprobleme, die wohl hauptsächlich auf alte Fässer zurückzuführen waren. Wenn es wirklich Kork ist – bei Heitz ganz selten - hilft nichts mehr. Ansonsten brauchen diese substanzstarken Weine einfach nur ein paar Stunden in der Karaffe um dieses Aroma 4 Wochen lang getragener Wandersocken loszuwerden. Keine Rückmeldung mehr von Rainer, der uns wohl auf die Folter spannen wollte. Auch so eine Art von Dramaturgie.

Acht Stunden später trafen wie uns erwartungsvoll im Berens am Kai, in das Rainer zu seiner großen Probe eingeladen hatte. Begrüßt wurden wir mit einem 1995 Bollinger RD, der 2004 degorgiert worden war. Dafür hätte er eigentlich etwas frischer sein müssen. Wirkte reif, sehr kräftig mit der barocken Bollinger-Fülle, mineralisch, dicke Brotkruste – WT92.

Im ersten Flight überraschte uns Rainer mit seinem Geburtsjahrgang und dem seiner charmanten Gattin. In 1969 ist eigentlich Burgund eine sichere Bank, wärend es aus Bordeaux kaum noch etwas Trinkbares gibt. Doch auch dieser 1969 Louis Martini Special Selection aus Kalifornien war nicht von schlechten Eltern. Leider hatte sich Rainer nicht getraut, diesen Wein zu dekantieren. Der hätte es aber sehr vertragen und auch brauchen können. So kam er etwas rustikal ins Glas mit strenger, jodiger, etwas medizinaler Nase. Doch selbst die viel zu kurze Zeit im Glas wirkte Wunder. Der Martini entwickelte sich, wurde deutlich gefälliger mit feiner, minziger Süße, von Alter keine Spur – WT93. Alte Martinis aus den 40er, 50ern und 60ern sind immer noch eine Suche wert. Das Gut existiert auch heute noch, gehört aber dringend mal wieder wach geküsst. Wie eine Eins stand immer noch 1971 Latour im Glas, ein Musterbeispiel für einen gut gereiften Latour, elegant und kräftig zugleich, immer noch so vital, mineralisch, Tabak, Leder und vor allem die Latour-typische Walnussaromatik mit erster, feiner Süße – WT94.

Aus dem besten der schwierigen Kriegsjahre stammte der 1943 Vieux Certan, den ich noch nie so gut im Glas hatte. Pomerol in Reinkultur mit dekadenter, molliger, süßer Fülle, Nougat, Schokolade, elegant, sehr weich, reif und absolut stimmig – WT95. Deutlich besser kenne ich den 1955 Conseillante, der hier aus einer low shoulder Risikoflasche sowohl in der bräunlichen Farbe als auch mit der Maggi-Kräutermischung in der Nase recht morbide wirkte. Deutlich schöner am Gaumen mit feinem Schmelz und generöser Süße. Damit eigentlich noch sehr gut trinkbar – WT89. In guten Flaschen ist dieser Wein jede Suche wert.

Erstaunlich reif, nicht nur in der Farbe, der 1990 Conseillante mit einer süßen Erdbeernase, auch am Gaumen ein burgundisch wirkender Schmusebordeaux, der in dieser Form allerdings bald getrunken gehört – WT96. Erstaunlich gut entwickelt hat sich der 1995 Conseillante mit süßer, rotbeeriger Frucht, auch am Gaumen mit süßer, generöser Fülle und weichen, reifen Tanninen. Ein Spaßwein par Excellence, könnte angesichts lausiger Parkerpunkte ein Auktionsschnäppchen sein – WT95.

Irgendwie hatten wir es an diesem Abend mit den reifen Farben, obwohl der liebe Rainer seine Weine nun wirklich nicht auf dem Dachboden lagert. Aber dieser eigentlich noch blutjunge 1996 Mouton Rothschild wirkte in der Farbe deutlich reifer als in der Aromatik. Da war das ein kerniger, kräftiger, minziger Mouton mit intaktem Tanningerüst, der seine Muskeln spielen ließ. So eine Art moderne Variante des 86ers, die im Glas enorm zulegte und noch eine große Zukunft haben dürfte – WT96+. Ein Hammer natürlich 1986 Mouton Rothschild, diese moderne Mouton-Legende, die sich zusammen mit dem 82er um die Nachfolge des 1945ers bewirbt. Tiefe Farbe, die klassische Mouton-Aromatik mit Cassis, Minze, Bleistift und Sattelleder, sehr druckvolle Aromatik, grandiose Struktur und immer noch mächtiges Tanningerüst. Ein riesengroßer, kompletter Mouton, der eine erste Vorschau auf das gibt, was da in Zukunft mal abgeht – WT98+. Wer den überleben möchte, sollte derzeit noch in die Grundschule gehen.

An 1982 Leoville las Cases wäre ich sicher schon verzweifelt, wenn ich ihn nicht seinerzeit als klaren WT100 Jungwein hätte erleben dürfen. Ein ungeheuer druckvoller Klassewein mit puristischer Frucht und präzisen Konturen, erst ganz am Anfang. Scheint sich mit 86 Mouton ein Wettrennen zu liefern, wer am längsten bis zur Trinkreife durchhält – WT96+. Mit 1982 Gruaud Larose ritt im Nachbarglas ein Pferd samt Sattel durchs Glas, ein faszinierendes, druckvolles Muskelpaket, bei dem nur ein leichter, muffiger Stinker in der Nase zu „geizigen“ WT97 führte. Und dann im dritten Glas die erste Hälfte der atemberaubenden 1982 Heitz Martha´s Vineyard Magnum. Vom morgendlichen Stinker war dank intensiver Belüftung nur noch eine leichte Strenge in der Nase übrig geblieben. Aber die wurde locker überdeckt durch eine geile Nasenorgie aus Minze, Eukalyptus, Cola und irrer Beerenfrucht. Am Gaumen setzte sich das fort, Hedonismus pur, aber auch Substanz, eine sehr gute Struktur und gewaltige Länge – WT98. Ja, diese Heitz Magnum war mal wieder eine echte Offenbarung.

Onkel Rainer mit Tante Martha

Was für ein Augenöffner wieder der nächste Flight! Wer hat 1988 als Jahrgang auf der Uhr? 1988 Lynch Bages ist den hochgelobten 89+90 dicht auf den Fersen. So ein minziger Hammerwein, unglaublich druckvoll, aber auch mit erstem, feinem, süßem Schmelz am Gaumen und sehr langem Abgang – WT97. Und dann dieser schier unglaubliche, immer noch blutjunge 1988 Margaux mit dem perfekten Spagat aus Kraft und Finesse, die klassische Eisenfaust im Samthandschuh. Hat Potential ohne Ende und wird mal ein Riese – WT96+.

In Topform zeigte sich 1994 Araujo Eisele Vineyard, der hier in idealer Weise kalifornische Frucht und Kraft mit der Eleganz eines Cheval Blanc verband. Sehr minzig, sehr fein, geradezu seidig, aber auch druckvoll und komplex mit ewiger Länge – WT97. Muss ich demnächst noch mal solo trinken, denn hier wurde er von „nebenan“ schlichtweg erdrückt. Denn einfach sprachlos machte der Wein im Glas daneben. Noch nie habe ich 1996 Shafer Hillside Select in dieser unglaublichen Form erlebt. Superbe, süße, dunkle Frucht, Lakritz, intensive Mineralität, sehr würzig. Erinnerte an 94 und 2001 in ihren Glanzzeiten und war gleichzeitig ein Lehrstück. Dieser Wein, der in seiner Jugend immer etwas im Schatten von 94 und 95 stand, hatte eine mehrjährige Auszeit genommen und feierte jetzt ein überragendes Comeback, Shafer Hillside wie er besser nicht geht – WT100. Die zweite Hälfte des genialen 1982 Heitz Martha´s Vineyard im dritten Glas konnte sich sehr gut in diesem Topflight behaupten und war einfach nur traumhaft schön mit geradezu verschwenderischer Fülle.

Wunderschön die 1996 Pichon Comtesse de Lalande, die an die Glanzzeiten dieses Chateaus in den 80ern erinnerte. Sehr fein, sehr elegant, aber auch kraft- und druckvoll mit der betörenden, typischen Comtesse-Aromatik – WT96. Kernig, kräftig mit immenser Power der 1996 Leoville las Cases, so eine Art moderne Version des eigenen 86ers, kann und wird noch deutlich zulegen – WT97+.

Und dann dieser riesengroße 1996 Leoville Poyferré, den ich noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte. Ein genialer Fruchtmix aus Cassis und reifer Brombeere, ledrig, Zedernholz, erdige Mineralität und reife, aber präsente Tannine, gewaltige Struktur, jetzt voll da, aber sicher mit großer Zukunft – WT96. Erinnerte etwas an den ebenfalls großartigen Leoville Barton vor zwei Wochen (WT96) in Hergiswil. Über den Bordeaux-Jahrgang 1996 vom linken Ufer muss ich wohl noch mal intensiv nachdenken. Die Weine präsentieren sich derzeit so eindrucksvoll, da ist wohl eine dringende Ergänzung meiner Bestände angesagt. Da schließ ich dann gerne auch den 1996 Chateau Montelena mit ein, der sich ähnlich den 96er Bordeaux gerade erst öffnet, mit seiner geradlinigen Struktur, seiner Kraft und seiner eher puristischen, dunklen Frucht auch aus Bordeaux stammen könnte – WT95+.

Als beschwingten Abschluss dieser fantastischen Probe gab es dann zu Holger Berens großartigem Dessert noch eine betörende 2004 Wehlener Sonnenuhr Spätlese JJ Prüm, sehr fein mit herrlichem Süße-/Säurespiel, tänzelte auf der Zunge – WT94.

Übrigens, wer lieber guckt und zuhört statt zu lesen: auf die Wineterminator-Facebook Seite habe ich ein Video mit allen Flaschen gepackt.