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Nectar des Bertrands & Friends

Ist der 2014 Nectar des Bertrands wieder so ein großer Wurf wie der legendäre 2009er? Wir haben es im Rahmen einer spannenden Verkostung ausprobiert.

Wenn das mal keine gute Nachricht ist: die Nectar des Bertrands Saga geht weiter!

Eine Riesenüberraschung war das, als ich vor 5 Jahren die Fassprobe des inzwischen schon fast legendären 2009 Nectar des Bertrands ins Glas bekam, auf den ja ein sehr guter 2010er folgte. Aber wie geht es weiter?

Kürzlich haben wir im Wine Live in Meerbusch, die diesen Wein importieren und in Subskiption anbieten, die Nectars aus 2011 und 2012 probiert und die mit Spannung erwartete Fassprobe des 2014ers. 2013 gibt es übrigens keinen Nectar. Das wäre auch in 2011 besser so gewesen. Der 2011 Nectar des Bertrands ist zwar ein netter, gefälliger Wein mit zuviel Holz und zuwenig Frucht, aber als Essensbegleiter machte er sich ganz gut – WT87. Da spielte der 2012 Nectar des Bertrands in einer ganz anderen Liga. Der hatte einfach von allem deutlich mehr. Wunderbare Frucht, Kraft, Harmonie, gut eingebundenes Holz und kräftige, aber reife Tannine. Wird gut altern und könnte sicher noch zulegen – WT91+. Sicher ein schlauer Kauf.

Und der 2014 Nectar des Bertrands? Eigentlich müsste als Kommentar schon reichen, dass wir zu Viert die komplette Fassprobe (eine 1tel) mit Begeisterung getrunken(!) und uns um den letzten Schluck fast geprügelt haben. War der jetzt schon geil! Eine irre, saftige, pflaumige Frucht, soviel Sex-Appeal, solch ein Druck am Gaumen, selbst nach der kurzen Zeit im Holz schon eine gute Struktur, liegt irgendwo zwischen 2009 und 2010. Mit den weiteren 12 Monaten im Fass wird er noch etwas an Struktur gewinnen, die Charakteristik aber bleibt. Ein früh trinkbarer, großartiger Wein mit immenser Trinkigkeit, der aber sicher auch gut altern kann. Das gibt bei mir WT93+.

Und da es ja keine Arbeitsprobe sein sollte, haben wir danach noch den hedonistischen 2009 Nectar des Bertrands getrunken, der aber deutlich mehr Luft vertragen hätte. Wie viele 2009er fängt auch der an, sich etwas zu verschließen. Dekantieren wäre also angeraten gewesen, so „nur“ WT92+. Selbst das hätte aber nicht beim sehr focussierten, konzentrierten 2010 Nectar des Bertrands geholfen, der sich wie viele 2010er Bordeaux derzeit ziemlich verschlossen präsentiert. Das ist halt ein Langstreckenläufer, aber mit gewaltigem Potential – WT90+.

Und dann hieß es im Glas „Tonight is World Hedonism Night“ - und das feiern wir mit zwei supergeilen, hedonistischen Weinen, 1999 Pingus und 1999 Valandraud. Beide sehr unterschiedlich in der Stilrichtung, aber beide hedonistisch im besten Sinne und noch so jung und vibrierend. Der Pingus zeigte sich noch sehr jung in der Anmutung, nicht nur mit der dichten, tintigen Farbe. Einfach geil die Nase mit Blaubeeren und dunklen Früchten, am Gaumen mit sehr guter Struktur, Mineralität, voll intaktem Tanningerüst und guter Säure, aber auch Schokolade und Espresso, machte einfach Mörder-Trinkspaß. Und das schönste bei aller Opulenz war, dass er nicht satt machte, sondern spannend blieb und jeder Schluck Lust auf den nächsten machte, noch lange Zukunft – WT97. Erstaunlich gut gemacht hat sich auch der Valandraud mit viel junger Röstaromatik, dekadentem Schmelz, Schokolade und Kaffee. Auch der dabei absolut stimmig und nicht überladen – WT96. Zwei solche Weine nebeneinander, das war schon ein Erlebnis.

Von Hedonismus keine Spur beim eher herb wirkenden 1998 Troplong Mondot. Der zeigte trotz dichter, altersfreier Farbe wenig Frucht in der Nase, dafür um so mehr Geranien. Am Gaumen war kompakt, kräftig und etwas freudlos – WT90. Eher ein Austrocknungkandidat, kein Hoffnungsträger.

Mit zwei großen Roten ging der rote Teil des Abends zu Ende. Zukunft ohne Ende beim 1986 Haut Brion, einem großen 86er, der längst noch nicht alles zeigt. Noch so jung mit kräftigen Tanninen, puristische Frucht, Schwarze Johannisbeere, die klassische Cigarbox-Aromatik, rauchig, teerig, mineralisch, gewaltige Struktur und Länge, macht jetzt schon viel Spaß, aber da kommt noch mehr – WT96+. Kräftig, kernig, mineralisch der 1996 Cos d´Estournel mit wunderbarer, ebenfalls puristisch schlanker Frucht, mächtigen Tanninen und guter Säure, jetzt in erster Trinkreife, aber ebenfalls mit großer Zukunft – WT95.

Und dann zauberte noch ein Blick auf die große Weinkarte des Wine Live erwartungsvolle Freude auf unsere Gesichter. Fanden sich doch dort gereifte, deutsche GG´s zu sehr freundlichen Preisen. Traumstoff der 2002 Hubacker von Keller absolut trocken, und soch süß in der karamelligen Nase wirkend, feiner Schmelz am Gaumen, aber auch Mineralität und gute Säure, enorme Länge, ein richtig großes Gewächs – WT96. Sehr erstaunlich für das heiße Jahr die 2003 Herannshöhle von Dönnhoff, die sich noch so frisch zeigte, sehr mineralisch und mit guter Struktur, die Säure reif, aber noch präsent – WT95. Deutlich reifer wirkte in diesem Terzett der 2003 Halenberg von Emrich-Schönleber mit schöner, schmelziger Frucht, reifer Säure und deutlicher Extraktsüße – WT93.

Der Tag danach

War die Fassprobe des 2014 Nectar des Bertrands am Vortag ein glücklicher Ausreißer? Jetzt kam die Nagelprobe, Flasche Numero 2. Konnte die der gestrigen das Wasser reichen? Nein! Warum nicht? Die war noch besser! Zu Dritt saßen wir hier im Wine Live und genossen, was sich schon wie ein großer, kompletter Wein präsentierte. WT94 waren da locker drin. Natürlich machen die drei Monate, die dieser Wein länger im Fass war als das, was da in Bordeaux in den Primeur-Verkostungen in die Gläser kam, viel aus. Der Wein ist fertiger, besser zu beurteilen.

Ich kenne keinen Bordeaux aus der 2014er Bordeaux-Subskription, der auch nur annähernd ein derartiges Preis-/Leistungsverhältnis bietet. Ca. €14 für die 1tel sind einfach ein unverschämt gutes Angebot, dass auch ich nicht ablehnen wollte.

Ja, und ich habe sofort an Ort und Stelle meine bisher jemals größte Bestellung für einen jungen Wein getätigt. Unter ausdrücklicher Billigung meiner "Regierung", die mit verkostet hat, habe ich für uns eine dreistellige Zahl von Flaschen bestellt, gut verteilt auf Halbe, 1tel, Magnums, Doppelmagnums und auch ein paar Impis.