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Uwes "Neujahrsempfang"

Zu einem Neujahrsempfang ganz besonderer Art hatte Uwe Bende eingeladen. Für einen kleinen Freundeskreis öffnete er im Dado zu einem feinen Menü seine Schatzkammer. Gefiel mir ehrlich gesagt deutlich besser als die vielen Neujahrsempfänge an Stehtischen mit Altbier und Schnittchen.

Kraft, enorme Fülle und erste Reife zeigte das 2007 Kirchenstück GG von Battenfeld-Spanier mit schöner Fruchtsüße und feiner, im Abgang herber Kräuternote – WT92. Ein Monument die sehr mineralische, kräftige 2007 Hochheimer Hölle GK von Künstler mit präziser Struktur, aber auch etwas süßem 2007er Schmelz – WT96.

Keine Uwe-Probe ohne seine eigentliche Liebe, die Chateauneufs. Erstaunlich, wie der 2000 Chateauneuf-du-Pape Reservé der Domaine de la Vieille Julienne diese immense Kraft und den verdammt hohen Alkohol rüberbrachte, ohne zu dick oder zu alkoholisch zu wirken. Klar war das ein gewaltiges Konzentrat mit intensiver Frucht und enormem Tiefgang, aber eben auch erstaunlich elegant – WT96. Bei Parker bekommt dieser Wein 99/100, der nächste sogar 100/100. Klar, der teilt Uwes Chateauneuf-Liebe. Die 2001 Cuvée de la Reine des Bois der Domaine de la Mordorée wirkte noch einen Tick konzentrierter und dichter mit einem mächtigen, nach ein paar weiteren Jahren Reife schreienden Tanningerüst. Kirsche samt Kirschkern, rauchige Mineralität, Würze, Kraft und Länge – WT95+. Mein persönlicher Favorit war der 2001 Chateau Rayas, der mit Würze, Süße und burgundischem Schmelz, aber auch ätherisch-harzigen Noten einfach sexy wirkte und enormen Trinkspaß bereitete. Dazu war er mit 14% in diesem Boliden-Trio geradezu ein Leichtgewicht – WT96.

Ziemlich daneben leider der 1935 Bodegas Palacios Reserva Especial. Schwierig auch der 1947 Tinto Franca Roja von Ferrer aus Mallorca, den ich schon zweimal deutlich besser im Glas hatte. Aber aus dieser Flasche hier wirkte er etwas herb und abweisend – WT87. Wobei alleine die Tatsache, dass ein fast 70jähriger mallorquinischer Wein noch recht gut trinkbar war, schon für sich etwas ganz besonderes ist. Einfach stimmig und sehr gefällig die 1952 Berberana Gran Reserva mit recht heller, aber intakter Farbe, mit schöner Frucht, feinem, leicht schokoladigem Schmelz und geradezu tänzerischer Eleganz – WT94.

Trüb die Farbe des erstaunlich reif wirkenden 1978 Musar. Doch der legte im Glas enorm zu, gewann an Kraft und Länge, brachte beides aber mit burgundischer Eleganz und Leichtigkeit rüber – WT94. Auch der 1979 Musar hatte mit pilzigen Noten leichte Startschwierigkeiten. Doch das ging vorüber, wandelte sich erst in kräuterige Herbe und dann zunehmend in würzigen, burgundisch anmutenden Schmelz – WT93. Sehr kräftig der 1981 Musar, der mich vor zwei Jahren noch an Latour erinnert hatte, jetzt aber mehr und mehr die burgundischen Noten enwickelte, die sich bei gereiften Musars finden, mit feinem Schmelz. Könnte noch zulegen und ist sicher jede Suche wert – WT94.

Was ist mit all diesen armen Menschen, die aus dem grausamen Weinjahr 1965 stammen und dieses Jahr ihren 50. gebührend feiern wollen? Haben die überhaupt eine Chance? Aber ja, wenn auch die Suche nach den paar wenigen Perlen des Jahrgangs schwierig ist. Uwe, selbst aus 1965, präsentierte uns einen weiteren, großen 65er, den ich noch nie im Glas hatte. Der „Y“ von Chateau d´Yquem ist die trockene Variante eines Yquem, die vorzugsweise in Jahren erzeugt wird, die sich mangels gut ausgebildeter Boytritis nicht so sehr für Süßwein eignen. Und aus einem solchen Jahr stammte der 1965 „Y“, den wir hier im Glas hatten. Wer nur riecht, glaubt nie, dass es sich um einen trockenen Wein handeln könnte. Die verschwenderische, süß und üppig wirkende Honignase könnte auch von einem Yquem stammen. Der Gaumen ist im Gegensatz dazu absolut trocken mit guter Säure, aber ebenfalls mit von hohem Extrakt geprägter Fülle und gewaltiger Länge – WT95. Jede Suche wert.

„Lieblingsweine“ könnte man über den letzten Flight schreiben. Drei große Bordeaux, die auch zu meinen persönlichen Lieblingen gehören. Der 1971 Latour gehört zu meinen Lieblingsweinen, weil er zu halbwegs vertretbaren Kosten die Möglichkeit bietet, einen sehr guten, gereiften Latour zu trinken. Aus dieser perfekten Flasche hier war er sogar noch erstaunlich kräftig mit intaktem Tanningerüst – WT95. Der 1982 Gruaud Larose ist eine Legende im Werden, ein großer Wein auf Premier Grand Cru Niveau und der legitime Nachfolger des 61ers. Nur zeigte er sich hier aus einer wohl perfekt gelagerten Flasche noch sehr jung mit massiven Tanninen – WT96+. Der könnte im Zeitpunkt der Reife mal an der Perfektion kratzen und ist deshalb immer noch trotz inzwischen deutlich gestiegener Preise ein schlauer Kauf. Beim 1990 Lynch Bages, diesem hedonistischen Suchstoff muss man auf nichts mehr warten. Das ist großer, reifer Bordeaux zum beidhändig trinken, opulent, füllig und einfach sexy – WT97.