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Auf der Jagd nach 100 Punkten

Auf die Raritätenprobe eines der großen deutschen Weinsammler war ich eingeladen. Da war die Frage nicht, ob ein 100-Punkte-Wein dabei sein würde, sondern wie viele.

Ja, es gibt sie noch, diese großen Weinsammler mit den schier unergründlichen Kellern. Sie machen nicht viel Aufhebens um ihre Schätze, kommen nicht in den Klatschspalten der Zeitungen vor und genießen quasi im Verborgenen. Wenn sie dann aber in sehr privater Runde mit guten Freunden sehr großzügig Raritäten aus ihrem Keller kredenzen, dann ist das Dabei sein dürfen wie ein Sechser im Weinlotto.

Mit zwei Champagnern als Apero begann diese Probe. 1971 Dom Perignon war auf dem Punkt, weich, generös mit schöner Fülle, Trockenfrüchte, Mandeln, gebuttertes Brioche, einfach wunderschön zu trinken – WT94. 1976 Dom Perignon kam da nicht mit, der war zwar auch noch gut trinkbar, wirkte aber insgesamt etwas modrig, vielleicht nicht die beste Flasche – WT88.

Unser spendabler Gastgeber verwöhnte uns nicht nur, er forderte uns auch. Probiert wurde blind, was oft zu überraschenden Einschätzungen führte, so schon beim ersten Flight. Unschwer als Burgunder zu erkennen war der 1978 Chevalier Montrachet von Bouchard mit brillianter, goldgelberFarbe. Leider hatte dieser Wein aus einem legendären Jahr für große, sehr langlebige Weißweine etwas metallisch und zeigte nicht die erwartete Klasse – WT89. Voll da hingegen der 1988 Chevalier Montrachet von Bouchard. Der wirkte noch so jung, so kraftvoll, komplex und generös mit enormer Länge, dass wir ihn blind nach Kalifornien steckten – WT97.

Drei Süßweine standen jetzt vor uns, unschwer als Sauternes zu erkennen, aber was für Jahrgänge? Deutlich jünger wirkte der 1918 Climens Vandermeulen, etwas medizinal, Optipect Hustensirup, aber auch schöne Süße, voll intakt, von hinten schleicht sich deutliche Säure an – WT92. Ganz großes Kino der 1948 Suduiraud mit immer noch brillianter, tiefgüldener Farbe und sehr generöser Süße, dabei absolut stimmig und balanciert, bleibt ewig am Gaumen – WT97. Groß dürfte einmal der 1988 d´Yquem werden, der – obwohl noch viel zu jung – schon erstaunlich viel Trinkspaß bereitete. Intensive, kräuterige Honignase, immer noch junge, helle Farbe, am Gaumen feine, aber auch generöse Süße, trotz aller relativen Jugend (große Yquem zeigen erst ab dem doppelten Alter, also gut 50 Jahren, was sie wirklich drauf haben) sehr nachhaltig und mit viel Genuss zu trinken – WT96+.

Der wohl mit Abstand größte, jemals auf diesem Gut erzeugte Wein ist der schier unsterbliche 1920 Smith Haut Lafitte in einer Eschenauer Abfüllung. Ein kompletter Pessac mit sehr dichter Farbe und der typischen Cigarbox-Aromatik, der locker auch als großer La Mission aus den 50ern durchgeht. Bei dem stimmte von der Nase bis zum unendlichen Abgang einfach alles, klare WT100. Übrigens meine sechste Flasche dieses Ausnahmeweines. Und WT100 gab es auch für eine weitere Legende, den 1925 Castillo YGAY von Marques de Murrieta. Dieses gewaltige Aromenbündel mit reichlich Kaffee und hoher Mineralität ist schlichtweg atemberaubend. Ein Riese auch der enorm dichte, kräftige, sehr druckvolle 1928 Richebourg Vandermeulen, der nur knapp an der Maximalnote vorbeischrammte – WT99.

Nach diesem fulminanten Rotweinstart fragte ich mich schon, was unser Gastgeber bezweckte und wie dieser Abend weitergehen sollte. Das war eine verdammt hohe Meßlatte, die er sich da selbst gelegt hatte. Im ersten Glas des zweiten Rotweinflights ein Wein, für den ich mich noch nie erwärmen konnte, der 1990 Musigny Vieilles Vignes von Comte de Vogüe. Enorm kräftig mit viel Substanz, mit sehr guter Frucht und gewaltiger Struktur, dabei erstmals offener und einen guten Ausblick auf das gebend, was da in den nächsten 10-20 Jahren mal kommen könnte – WT96. Da unser Gastgeber eigentlich nie etwas dem Zufall überlässt, dürfte er diesen Wein wohl sehr lange vorher dekantiert haben. Das dürfte dann auch mit dem 1990 Montrose passiert sein, denn aus dem animalisch rustikalen Monster war hier ein Schmusemonster geworden, erstaunlich offen mit dekadenter Süße und Fülle, an die besten Flaschen der jugendlichen Fruchtphase erinnernd – WT100. Ein hedonistischer Traum im dritten Glas dieses süße, würzige Pfauenrad an Aromen namens 1990 Chateau Rayas – WT100. Das war jetzt 100-Punkte-Legende #4. Strebte hier jemand die Aufnahme ins Guiness Buch der Rekorde an?

Der schiere Wahnsinn im nächsten Flight 1947 Vieux Chateau Certan aus einer belgischen Händlerabfüllung. In der sehr dichten Farbe und der gesamten Anmutung so dicht, so konzentriert und so jung, Traumnase mit süßer Schwarzkirsche und Minze, die am kraftvollen Gaumen noch intensiver wurde, dazu feine Süße, leicht portige Noten und bei allem Druck eine betörende Eleganz, einfach perfekt – WT100. Dagegen erblasste der großartige 1947 Cheval Blanc Vandermeulen, der ebenfalls mit der Perfektion flirtete, förmlich. Cheval Blanc und Eleganz pur, keinerlei Schwächen oder Alter – WT98. Voll mithalten konnte in diesem atemberaubenden Flight der 47er Legenden der außerweltliche 1947 Clos de Tart Vandermeulen. Was für ein großer, dichter, reifer Burgunder mit Kaffee und Mokka ohne Ende, mit dekadenter Süße und irrer Länge – WT100.

Noch zwei weitere Vandermeulen-Abfüllungen bekamen wir jetzt in einem Zweierflight. Der 1955 Cheval Blanc Vandermeulen hatte eine sehr dichte Farbe und enorme Kraft, aber die Eleganz, die sowohl Chateau- als auch Vandermeulen-Abfüllung normal zeigen, die fehlte – WT95. Dafür brillierte der 1955 Conseillante Vandermeulen. Das war Conseillante und Pomerol in Perfektion mit unglaublichem Schmelz und hoher Eleganz, am Gaumen pures Cashmere – ich konnte nicht anders: WT100.

Irgendwann musste doch unserem Gastgeber mal die Puste ausgehen. Doch der setzte uns jetzt einen 1971 Barolo Riserva Speciale Monfortino von Giacomo Conterno vor. Was für ein verrückter, erstaunlich offener Barolo heller, leicht bräunlicher, aber voll intakter Farbe (alte Monfortinos neigen zu Farbausfällung, und dann sind sie hin), mit süßer Frucht, mit Rosenblätter, Teer, Leder, Trüffeln, Unterholz und einer frischen Mentholnote, ist auch am Gaumen sehr spannend und komplex mit ewiger Länge – WT98. Diese Legende hätte es verdient, sich länger damit zu beschäftigen, wie vielleicht jeder andere Wein auch. Solo hätte ich vielleicht schon wieder die WT100 gezückt (langsam kam ich mir fast blöd vor), aber im Glas daneben stand der legendäre 1971 Penfolds Grange in absolut perfekter Form, der erschlug mit seiner irren Aromatik, seiner perfekten, traumhaften Struktur und seiner Süße einfach alles, was um ihn drum herum stand. Auch das wieder ein Erlebnis der Extraklasse und sicher WT100. Damit hatte ich gleich doppeltes Glück, denn in der großen Grange-Vertikale ein paar Wochen später hatte ausgerechnet dieser, vielleicht größte Grange aller Zeiten einen Fehler. Schön, wenn man ihn dann noch gedanklich in perfekter Form auf der Zunge hat.

Etikettentrinker hätten sicher edem dritten Wein, einem 1971 Petrus, den Vorzug gegeben. Aber dieser (ja ich weiß, es wird langweilig) legendäre Wein, mehrfach mit WT100 bewertet, war nicht in der gewohnten Form. Sehr minzig, animalisch und mit etwas flüchtiger Säure ließ er die gewohnte Generosität und Zugänglichkeit vermissen – WT94.

Drei Magnums waren jetzt angesagt. Erstaunlich gut präsentierte sich aus dem nicht allerbesten Kalifornien-Jahr der 1977 Heitz Martha´s Vineyard. Das war Martha´s pur, sehr minzig, kräuterig, Eukalyptus, gute Frucht, immer noch ung und kräftig, hatte ich noch nie so gut im Glas – WT96. Die nächste Überraschung war der 1978 Crozes Hermitage Domaine de Thalabert von Jaboulet-Ainé. Der hatte eine faszinierende, würzige Nase mit guter Frucht, war animalisch mit viel Leder und Kaffee, am Gaumen reif mit erster Süße und guter Länge – WT94. La Chapelle Qualität zum Crozes Hermitage Preis, nicht schlecht und sicher jede Suche wert. Leicht laktisch war die Nase des 1979 Sassicaia aus einem schwierigen Toskana-Jahr. Wirkte aus der Magnum zwar gereift, aber immer noch recht vital und erinnerte mit viel Zedernholz an den Gruaud Larose des gleichen Jahres – WT93.

Keine 100-Punkte-Stars in diesem Flight, aber sehr gelungene Weine, die daran erinnerten, dass man gerade in schwächeren Jahren erstaunliche Weinschnäppchen machen kann. Der Grund ist ein ganz simpler. Weltbekannte Trophäenweine werden oft weitergereicht, ausgestellt, vorgezeigt und was auch immer. Wenn man Pech hat (und nicht jeder hat so unverschämtes Flaschenglück wie unser Gastgeber), ist man siebzehnter Besitzer einer solchen Ikone und lässt die Flasche besser zu. Kleinere Weine bzw. große Namen aus kleineren Jahrgängen werden dagegen oft nur aus Kellerauflösungen angeboten und sind dann aus Erstbesitz.

Mit einem Schlussakkord endete dieser Traumabend. Immer noch deutlich zu jung, aber mit gigantischem Potential der 1989 Latour – WT94+. Wird in 10 Jahren mal ein Riese und ist mit seinen bescheidenen Parkerpunkten für Latour-Verhältnisse immer noch preiswert. Ungewöhnlich kräftig und momentan noch ziemlich zugenagelt, aber ebenfalls mit großem Potential der 1989 Margaux – WT94+. Offen und weich, geradezu schmusig dagegen der 1989 Conseillante, ein süßer Cocktail aus roten und dunklen Beeren mit einem Schuss Schokolade – WT96.

Was für ein Abend, noch dazu in lebhafter Runde mit prächtiger Stimmung und hervorragender Küche. Vielleicht habe ich ja nächstes Jahr Glück und ziehe wieder einen Sechser im Weinlotto.