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Das Chamäleon Chateau Musar

Es war die letzte große Probe des Jahres, aber vielleicht die spannenste. Chateau Musar aus dem Libanon überzeugte auf der ganzen Linie, aber verwirrte auch die Sinne und führte blind getrunken selbst ausgebuffte Profis in die Irre.

Zu einer vinologischen Hauseinweihung hatte ein guter Freund eingeladen. Als Thema hatte er Chateau Musar aus dem Libanon gewählt, und dieses Thema hatte es in sich. Chateau Musar erzeugt riesengroße Weine, die altern können und auch müssen, um voll zu zeigen, was sie drauf haben. Die ersten Rebberge von Musar wurden 1930 von Gaston Hochhar gepflanzt. Die eigentliche Erfolgsgeschichte von Musar begann, als Michael Broadbent 1979 Musar auf der Bristol Wine Fair als „Find of the Fair“ kürte.

In Deutschland war es Jürgen Drawert von Cave du Connoisseur in Berlin, der Musar in all seine großen Raritätenproben einbaute und damit populär machte. Durch ihn wurde ich frühzeitig auf Musar aufmerksam und konnte auch fast all die heute kaum noch zu findenden Musar-Raritäten dieser Probe erwerben. Und obwohl ich all diese Weine schon häufig rauf und runter getrunken habe, stand ich zumindest am Anfang der Probe völlig auf dem Schlauch. Warum? Musar schmeckt nicht nach Musar, Musar ist ein Chamäleon. Mal schmeckt dieser Wein wie ein großer Burgunder, dann erinnert er stark an Rhone, in anderen Jahrgängen meint man, einen Pauillac im Glas zu haben, dann wieder einen Pomerol, und das alles auf sehr hohem Niveau. Und wie erkennt man einen Wein, der wie ein großer Burgunder riecht und schmeckt aber keiner ist? Überhaupt nicht.

Über seine Pläne für diesen Abend hatte uns der Hausherr völlig im Unklaren gelassen. Also blieb es zunächst bei Vorfreude auf einen sicher schönen Abend, worauf wir mit dem Apero anstießen, einem 2012 Riesling Mandelgarten Spätlese feinfruchtig von Müller-Catoir. Der war sehr elegant mit Pfirsich Rhabarber, Ananas, mit gut eingebundener Restsüße, gut balanciert durch knackige Säure, eben fein und fruchtig, was besser klingt als halbtrocken – WT92.

Und dann stand der erste Flight vor uns mit fünf roten Weinen. 1956 Musar hatte eine reife Nase mit ersten Sherrynoten, war zunächst auch am Gaumen reif und schien schon leicht über den Punkt, baute dann enorm aus, die Nase wurde kerniger, ledriger, am Gaumen immer mehr Lakritz, dann wieder pilziger – WT90. Das war noch vor 8 Jahren aus meiner letzten Flasche ein wilder, exotischer Stoff auf WT95 Niveau, der aber anscheinen seine besten Zeiten hinter sich hat.1959 Musar hatte zu Anfang in der gefälligen Nase eine feine Süße, wirkte aber am Gaumen etwas streng und alkoholisch mit portigen Noten, baute rasch ab, was auch zur reifen, braunen Farbe passte, die Nase wurde erst immer laktischer, dann kam immer mehr Bratensoße – WT87. Erster Höhepunkt des Abends dann der tiefgründige, komplexe, fast altersfreie 1960 Musar, in der Nase mineralisch mit viel Tabak und Zedernholz, am Gaumen sehr schön und stimmig, der Pessac aus dem Libanon – WT95. Ein Mörderteil dann der dekadent süße, verschwenderische 1961 Musar mit süßer, sehr (Weihnachtsge)würziger Nase, mit endlosem Schokogaumen, und das alles sehr stimmig, würde perfekt in eine Probe großer 61er Pomerols passen – WT97. 1964 Musar war nur zu Anfang süß und generös, baute aber rasch ab und wurde immer staubiger, schlanker und schlicht langweiliger – WT89.

Beim dritten Flight wurde uns dann klar, dass es sich an diesem Abend um eine große Musarprobe handelte, aber nicht bei diesem zweiten Flight. Dieser 1966 Musar (den ich 2005 mal für einen großen Hermitage-la-Chapelle gehalten hatte) zeigte eine dermaßen oberaffengeile Pinotnase mit Himbberen und Erdbeeren ohne Ende, auch am Gaumen war das ein hoch eleganter, aber immer noch jugendlich vibrierender Pinot mit Wahnsinnslänge. Klar musste das – das waren wir uns alle einig – ein großer Pinot sein, es war aber „nur“ ein riesengroßer Musar – WT98. Kreuzkümmel satt und viel blaue Beeren zeigte der 1967 Musar, der schon wieder als faszinierender, dichter, sehr vielschichtiger Pinot durchging – WT96. Da hätte sich wohl auch der kräftige, nachhaltige 1970 Musar eingereiht, dessen großes Potential man trotz der immer korkiger werdenden Nase deutlich spürte. Aus der Rolle fiel Wein #4, der Pirat. Kein Wunder, es war ein 1970 Lafleur mit superdichter Farbe, Kraft ohne Ende, exotisch die Nase bis hin zu Banane, massives, dominierendes Tanningerüst, einfach noch zu jung, beißt förmlich am Gaumen – WT94+. Der hätte deutlich mehr Luft gebraucht, ein Weinriese für die Ewigkeit. Hohe Pinot-Affinität in der Aromatik dann wieder bei 1972 Musar, der allererste Reife zeigte, aber auch enorme Kraft und Dichte, spürbaren Alkohol und gewaltige Länge – WT95.

Sehr fein, sehr finessig, aber auch mit hoher Säure der ebenfalls wie ein Pinot wirkende 1973 Musar – WT93. Schwierig in der Verkostung der sehr spannende 1975 Musar, der wie die hypothetische Mischung aus Pomerol und Pinot wirkte, sehr kräftig mit feinem Schmelz, aber wohl auch einem leichten Treffer, der die Verkostung nicht gerade leichter machte – WT94. Brauche ich unbedingt noch mal ins Glas, denn das war der einzige Musar, den ich bisher noch nie getrunken hatte. Das Ende der Pinot-Phase läutete dann 1977 Musar ein, sehr kräftig, kräuterig, leicht animalisch, aber auch mit generöser Süße, da waren wir jetzt an der Rhone. Großer, altersfreier Wein mit endlosem Abgang – WT95. Und mit dem immer noch jng, kräftig und etwas verhalten wirkenden 1978 Musar mit seinen deutlichen Tanninen landeten wir jetzt in Bordeaux – WT93. Unser spendabler Gastgeber hatte daneben als unschwer erkennbaren Piraten einen erstaunlich reifen 1978 Heitz Martha´s Vineyard gestellt, der halt Martha-like intensiv nach Wick Medinait roch. Eine explosive, dekadente Mischung aus Minze, viel Eukalyptus und Exotik in Form eines Schusses Coca Cola, sehr offen und süß – WT96.

Exotisch mutete der 1979 Musar an, wie ein Pinot aus dem vorderen Orient, aufgepeppt mit einer großen Gewürzmischung und reichlich Minze, sehr elegant und finessig mit wunderbarer Länge und Potential für lange Jahre – WT95. Schlichtweg ein Traum und einer der schönsten Weine der Probe der Pirat diesen Flights, 1979 Margaux. Stets einer meiner Favoriten, aber so groß hatte ich diesen Wein noch nie im Glas. Perfekte, betörende Frucht, Minze, etwas Vanille und Karamell in der feinduftigen Nase, kräftig und doch so hoch elegant am Gaumen mit beeindruckender Länge, die klassische Eisenfaust im Samthandschuh – WT97. Sehr kräftig, mineralisch, leicht rustikal, lang am Gaumen der 1981 Musar, der mich hier an 1981 Latour erinnerte – WT92. Und dann dieser schier unglaubliche 1982 Musar, der wieder so deutlich zeigte, warum Musars altern können und vor allem müssen. Mehrfach habe ich den zwischen 1990 und 2004 getrunken. Immer irritierte mich die bräunliche Farbe, das überreif wirkende Lesegut, die verbrannte Erde, die rosinigen Noten. Um Klassen besser 2012. Und dann jetzt diese Vorstellung, ein Riese mit Fülle und Dichte, mit großartiger Länge, der einfach nur sprachlos machte – WT97 und ein Wineterminator, der wieder auf die Suche geht. Und natürlich werde ich auch nach dem noch so jung wirkenden 1985 Musar gehen, den wir als Abschluss aus der Magnum serviert bekamen. Sehr dichte Farbe, Mordskraft, sehr würzig, gewaltige Substanz, eigentlich noch viel zu jung. Und aromatisch waren wir wieder an der Rhone – WT93+.

Als Supplement brachte unser Gastgeber noch einen 1985 Chateau Kefraya, ebenfalls aus dem Libanon. Der war ledrig, animalisch, etwas moderner in der Stilistik, aber nicht weit von Musar weg – WT91. Und dann war da noch ein 1990 Suduiraut, der sicher schon bessere Zeiten gesehen hat und erste Alterstöne zeigte, hat gleichermaßen wenig Säure wie Zukunft – WT90.