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Große Chateau Palmer Vertikale

Mit einer großen Palmer Vertikale in Steinheuers Gourmettempel schloss Elke Drescher ihren diesjährigen Probenreigen. Praktisch alle großen, reifen Jahrgänge dieses spannenden Edelgewächses waren mit dabei, der legendäre 61er sogar in zwei verschiedenen Flaschen.

Eine feine Runde war das, die sich da bei den Steinheuers gefunden hatte. Elke-Fans aus dem, In- und Ausland schwelgten hier in prächtiger Stimmung. Grosse Palmers satt und die superbe Küche des Hauses taten ein Übriges dazu. Elke hatte wie immer großes Flaschenglück. Dazu konnte sie diesmal auf gleich drei Kommentatoren zurückgreifen, die sich in weinseligen Kommentaren gegenseitig übertrumpften. Zu René Gabriel und meiner Wenigkeit hatte sich noch Yves Beck, der „Beckustator“ gesellt.

Ultrarar der Start, ein 1920 Palmer Blanc! Dunkles Braun die aber nicht trübe Farbe, immer noch erstaunlich lebendig, dieser Wein, wenn auch die Anmutung mit Miso und Pilzsüppchen eher etwas in Richtung „nicht schön, aber selten“ ging. Ganz dezenteSüße, tragende Säure und eigentlich immer noch gut trinkbar, aber was soll man auch von einem trockenen Weißen mit 93 Jahren auf dem Buckel verlangen, noch dazu aus einem Jahr, aus dem die meisten Roten sich längst verabschiedet haben – WT83 für den reinen Genuss, der Erlebnisfaktor ist natürlich höher. Und der weiße Palmer dürfte sich auf diesem Niveau noch eine ganze Weile halten, zumindest solange, bis meine eigene Flasche in 7 Jahren ihren Auftritt als Hundertjährige hat.

Voll intakt die dunkle Farbe des 1928 Palmer, malzig die an Guiness erinnernde Nase, am Gaumen enorme Kraft, immer noch deutliche Tannine, gepaart mit guter Säure, aber auch generöse Süße. Baute enorm im Glas aus und wurde vor allem am Gaumen immer schöner, zur immensen Kraft gesellte sich immer mehr Palmer-typische Eleganz. Ein unsterblicher Wein, der aus guten Flaschen wie dieser sicher noch seinen 100sten erleben wird – WT95. 1945 Palmer in einer perfekten Mähler-Besse Abfüllung ging nicht nur in der Nase, sondern auch am Gaumen als großer Burgunder durch. Hatte ich noch nie so gut im Glas. In dieser Form ein Monument, immer noch mit schöner, rotbeeriger Frucht, mit generöser, feiner Süße und mit Eleganz ohne Ende – WT97. Leider beeindruckte bei 1947 Palmer in einer französischen Händlerabfüllung von Louis Faurie nur die Farbe, leicht staubig die Nase, am Gaumen nahm flüchtige Säure immer mehr Überhand und verdarb den Genuss – WT86. Laktisch war die Mähler-Besse Version von 1948 Palmer in der Nase, die an überlagerten Yoghurt erinnerte. Dazu passte perfekt der ziemlich säuerliche Gaumen. Nein, dieser Wein schien einen Fehler zu haben – WT78. Die Nase des Flights hatte 1952 Palmer. Schade, dass man mit der Nase nicht kauen kann. Das war so süß, so schmelzig, so hedonistisch, was der Riechkolben da wahrnehmen durfte, eine klare 100-Punkte-Nase. Warum machte der verdammte Gaumen da nicht mit, und zeigte sich etwas bockig und von deutlicher Säure geprägt? Es hätte sonst der Wein des Abends sein können – WT92.

Was für ein Traum dieser 1955 Palmer, junge, rotbeerige Frucht, Süße, burgundische Pracht und Fülle, Eleganz, ein großer, perfekt gereifter Palmer, wie man sich ihn wünscht – WT96. Etwas Pech hatten wir bei 1959 Palmer, der trotz perfekter Optik einen deutlich Schlag weg hatte. Eigentlich also hin, aber woran erkennt man einen richtig großen Wein? Daran, dass er sich aufbäumt und noch mal alles gibt. Das tat dieser 59er mit gewaltiger Süße. Man spürte das enorme Potential für deutlich mehr als die WT92+ dieser Flasche. Und woran erkennt man eine große Gastgeberin? Daran, dass sie nichts dem Zufall überlässt. Oft ist es ja eine ganz bestimmte Flasche, auf die sich die Probenteilnehmer ganz besonders freuen, eben diese eine Legende, die dann aber auch sitzen muss. Ich erinnere mich noch gut an eine Cheval Blanc Probe bei Elke vor nicht allzu langer Zeit. Da war der lieben Elke der 47er nicht perfekt genug. Und was machte sie? Verschwand im Keller und kam mit einer weiteren, diesmal absolut perfekten Flasche wieder. Und was macht Elke, wenn sie ihren Keller nicht dabei hat? Vorsorgen. Klar waren wir alle scharf auf die Legende 1961 Palmer. Und von dieser Legende hatte Elke nicht nur zwei Flaschen mit, sie machte sie auch beide auf! Alleine dafür hätten wir sie alle knutschen können. Einmal 61 Palmer trinken ist ja schon ein Erlebnis, aber gleich zweimal hintereinander aus sehr guten Flaschen, das ist schon megeklasse. Noch so präsent und lebendig war dieser Wein mit einer Traumnase, die an die geniale 61 Pichon Comtesse Magnum vom Vortag erinnerte. Burgundische Eleganz am Gaumen, aber auch enorme Kraft und Dramatik, vor allem in der zweiten Flasche, die noch enorme Tannine zeigte. Aus guten Flaschen wie diesen hat dieser druckvolle Palmer seine Zukunft noch vor sich – WT97+ und WT96+.

Klar ist der 61er inzwischen sündhaft teuer, aber es gibt eine Alternative, den 1966 Palmer. Dieser 61er für Schlaue mag von allem ein klein bisschen weniger haben, aber immer noch mehr als reichlich. Ein großer, dem 61er sehr ähnlicher Wein mit seidiger Eleganz und gewaltiger Länge – WT95. Sicher jede Suche wert ist 1962 Palmer, der aus dieser Magnum zwar leider Kork hatte, aber trotzdem die gewaltige Substanz dieses eher maskulinen Palmers zeigte.

Zu den Geheimtipps gehört auch 1971 Palmer, der sich hier wieder erstaunlich jung und kräftig zeigte, immer noch mit guter Frucht, viel Zedernholz, feiner Süße, Finesse und genügend Rückrat für noch etliche Jahre – WT92. In 1971 Geborene sollten sich davon unbedingt noch eine Magnum für ihren 50. sichern (und nicht vergessen, mich einzuladen). 1978 Palmer zeigte sich mal wieder als Palmer-untypischer Kraftbolzen mit leicht grünen Noten und einer kernigen Rustikalität, die aber auch ihren Charme hatte – WT92. Als modernere, jüngere, noch stückweit verschlossene Version des 71ers zeigte sich 1981 Palmer, der noch eine enorme Statur, viel Tannin und die dazugehörige Kraft besaß – WT89+. Ein vergessener Palmer aus einem vergessenen Jahr, der das Zeugs zum Auktionsschnäppchen hat.. Das gilt übrigens auch für viele andere 81er, z.B. Gruaud.

Sehr spannend auch das Duo 1982 Palmer und 1983 Palmer. Der 82er hat immer im Schatten des großen 83ers gestanden. Ein sehr feiner, eleganter Palmer, reifer als 83, mit schöner Süße, aber auch druckvoll mit viel Substanz für eine längere Zukunft, baute enorm im Glas aus – WT94. Und 1983 Palmer? In seiner jugendlichen Fruchtphase war das damals Hedonismus pur, bis er sich 1990 verschloss. Je nach Lagerung begann er dann nach 15-20 Jahren begann er dann zögerlich wieder, sich zu öffnen. Aus dieser, wohl perfekt gelagerten Flasche hier war er noch enorm jung und dicht, zeigte erst einen Teil dessen, was er drauf hat. Ein großer Palmer, der das Zeug dazu hat, mal die Nachfolge des 61ers anzutreten – WT96+.

Und dann gab es ausgerechnet einen meiner Lieblingspalmers aus der Doppelmagnum. Diesen erotischen 1985 Palmer aus vollem Glas trinken zu dürfen, das hatte was. Aus der Großflasche war er noch so jung, so fein, hoch elegant, tänzelte auf der Zunge, mit herrlicher, rotbeeriger Frucht, mit feinem, süßem Schmelz und schöner Länge. Mit Großflaschenbonus waren das locker WT95. Jede Menge Kraft und immer noch ein stabiles Gerüst inzwischen aber reifer, weicher Tannine hatte 1986 Palmer, dazu superbe Frucht und das Schwarzbeerige des 92ers, an den er erinnerte – WT93. Kaufen und dann für etliche Jahre weglegen sollte man 1988 Palmer, der derzeit mehr Zedernholz zeigt als Frucht und mehr Tannin und Potential als Eleganz und Schmelz. Aber für Geduldige wird aus diesem Langstreckenläufer mal ein großer Palmer – WT92+.

Und dann war da noch das spannende Duo 1989 Palmer und 1990 Palmer. 1989 ist eine moderne Palmer-Legende, burgundisch im besten Sinne mit viel Süße und Schmelz, erstaunlicherweise offener als der 83er, aber ebenfalls erst am Anfang einer langen Entwicklung – WT96+. Wird sich nahtlos in die Riege der größten Palmers einreihen. Nicht weit dahinter der 90er, der sich aus der „praktischen Imperiale“ noch so unglaublich jung zeigte, einfach ein orgastischer, kräftiger Burgunder vom Stile eines La Tâche, und der nicht nur aus einem vollen Glas – WT95.

Gut, in einer Vertikale kann es nicht nur Höhepunkte geben. Also kam auch 1991 Palmer ins Glas, der aber noch erstaunlich schön zu trinken war mit feiner Frucht und Eleganz, ziemlich filigran – WT89. Nur kaufen oder lagern würde ich so etwas nicht mehr. Das gilt umso mehr für 1994 Palmer, den ich schon in etlichen Proben eher als Gaumenbeleidigung empfunden habe. Ein typischer, eckiger, charmefreier 94er, den die Welt nicht braucht, und der mit Palmer wenig zu tun hat – WT86. Da dann doch lieber 1995 Palmer, der in der Stilistik an 55 und 85 erinnerte. Klar ist der zu jung und gehört eigentlich weggelegt, aber Spaß macht er jetzt schon – WT93+. Ein paar Tage später hatte ich auf 2200m Höhe noch mal die Chance, den 95er zu trinken. In der Höhe wirken die Tannine deutlich weicher. Da war das Palmer vom Feinsten, einfach göttlich – WT95. Nur vom Kauf dieses Weines muss ich abraten, denn jetzt bin ich erstmal dran. Sehr schwierig verkostete sich der immer noch von massiven Tanninen geprägte 1996 Palmer. Da sind einfach noch etliche Jahre Warten angesagt – WT92+.

Und dann war da noch dieser hoch bewertete (97 Parker-Punkte) 2005 Palmer. Der hatte mit Palmer, wie wir ihn an diesem Abend in vollen Zügen genießen durften, absolut nichts zu tun. Palmer, das ist für mich Eleganz, Finesse, burgundische Pracht und Fülle. Dieser 2005er erinnerte eher an Supertuscans als an Burgunder. Als solcher ist auch dieser 2005er ein Riese, der sicher seine Fans finden wird. 2009 setzt da übrigens noch eins drauf. Der ist eher Kalifornien als Bordeaux. Aber über Geschmack lässt sich sicher streiten. Ich liebe nun mal die Bordeaux des letzten Jahrtausends, die mit nur 12,5% Alkohol so betörend und auch druckvoll in der Aromatik sein können. Da brauche ich die modernen, überladenen 15%er nicht. Also wird der Keller noch um ein paar gut gereifte Gewächse ergänzt, die dazu – das ist die Ironie dabei – meist auch noch deutlich preiswerter sind.