Startseite

August 2015

Feine 10er Verkostung bei Jörg Müller

Bei und mit Jörg Müller nahmen wir auf seiner Terrasse an langer Tafel Platz, um gemeinsam zu genialer Müller-Küche vorzugsweise Weißweine des Jahrgangs 2010 zu verkosten. Am Tisch saßen Winzer, Gastronomen und erfahrene Weinnasen. Die Weine waren teils mitgebracht, teils stammten sie aus der Müller-Karte.

Den Anfang machten quasi als Apero zwei spannende Kabinette des aktuellen Jahrgangs 2014, die deutlich zeigten, was in diesem Jahrgang möglich war, wenn man alles richtig machte. Ein Top-Kabinett der 2014 Schubertslay von Julian Haart mit hohem Extrakt, rassiger Frucht und knackiger, aber reifer Säure – WT93. Aber selbst der wirkte geradezu zahm gegen den absolut irren - P - , den 2014 Pettenthal Kabinett von Keller. Kaum spürbare 42g Restzucker, bestens abgepuffert durch rassige 11,2%0 Säure ergeben einen so unglaublich stimmigen, druckvollen, enorm trinkigen Wein. Das ist kein Kabinett, das ist ein echtes Kabinettstück - WT95. Wer solch großartige Weine als restsüß nach dem Motto „nein danke, ich trinke nur trocken“ ablehnt, dem entgeht richtig was.

Schlank, erstaunlich reif wirkend mit schöner Mineralität, Zitrusnoten und etwas Honig das 2010 Goldloch GG von Diel – WT92. Sehr kraftvoll mit tiefer Farbe das 2010 Centgrafenberg GG von Fürst mit Minze, kräuteriger Herbe, Fülle und guter Struktur – WT93. Jung, frisch, mineralisch, würzig und elegant der 2010 Rothenberg Reserve von Pichler-Krutzler, bei dem aber im jetzigen Stadium die Süße stört. Könnte in 5-10 Jahren mal richtig groß werden – WT91+.

Kaum zu glauben der 2010 Henkenberg Grauburgunder GG von Salwey. Irritierend erst die sehr reif wirkende Farbe à la Orange Wein, am Gaumen furztrocken, burgundisch mit schöner Fülle, mineralisch, komplex – WT94. Passte perfekt zu Jörg Müllers wunderbaren Trüffel-Mascarpone Ravioli. Ich gebe es zu, ich hätte nie gedacht, dass sich ein Grauburgunder unter all den Rieslingen so gut schlägt.

Faszinationsstoff pur die rassige 2010 Abtserde GG von Keller, die von der knackige 10er Säure, der großartigen Mineralität und der hohen Extraktsüße her alle Zutaten für einen Spitzenwein hat – WT95+. Jetzt schon mit viel Vergnügen antrinkbar, aber eigentlich Sünde. Enorme Kraft zeigte das 2010 Pettenthal GG von Battenfeld-Spanier, das aber nicht nur in der Farbe schon sehr reif und etwas oxidativ wirkte. Das war entweder nicht die beste Flasche, oder wir erwischten den Wein in einem unglücklichen Stadium – WT90? Erstaunlich zugänglich, fast mollig der 2010 Chablis Le Clos von Raveneau, in diesem Stadium zwar sehr mineralisch, kräftig, focussiert, jung wirkend mit viel Druck, aber auch eine ungewöhnliche Art Schmuse-Raveneau – WT95. Mir ist das auch im Juli dieses Jahres bei und mit den Gantenbeins aufgefallen, wo sich die 2010er Burgunder sehr offen präsentierten. Erstaunlich reif wirkte auch der kantig-kernige, sehr kräuterige, vielschichtige 2010 CO von Battenfeld-Spanier – WT93. Faszinierend die Nase der 2010 Hermannshöhle von Dönnhoff mit einfach geiler, präziser Frucht, am Gaumen massive Säure, aber auch Spannung und Klasse – WT96. Auch der 2010 G-Max von Keller wirkte erstaunlich offen und zugänglich, dabei sehr druckvoll mit feiner Kräuternote und gewaltiger Länge – WT96.

Sehr schlank der 2010 Meursault Charmes von Bernstein, in der Nase Pastis und Birnenschnaps, am Gaumen mineralisch und puristisch – WT94. Gantenbein pur der 2010 Gantenbein Chardonnay, schlanker als die Vorgängerjahre, rassig, burgundisch, mineralisch, würzig mit präzisen Konturen – WT96.

Nein, wir waren nicht nur zum trinken hier. Nachdem wir vorher schon mit Wollust u.a. über einen sensationellen Backfisch vom Kabeljau hergefallen waren, kredenzte uns jetzt Herr Schwarz einen schlichtweg genialen Kaiserschmarrn. Dazu genehmigten wir uns aus der reich bestückten Müller-Karte eine 1994 Graacher Himmelreich Auslese** von Molitor, die einfach perfekt balanciert und sehr mineralisch mit nur dezenter Süße und gutem Säuregerüst zum Kaiserschmarrn passte wie Pott auf Deckel – WT94.

Anschließend spendierte uns Konrad Salwey, der ebenso wie Klaus und Julia Keller mit am Tisch saß, noch einen 2010 Kirchberg Spätburgunder GG von Salwey. Der war sehr kräftig, nachhaltig und sehr mineralisch. Trank sisch schon sehr gut, könnte aber noch zulegen – WT93. Verschlossen dagegen der 2010 Hochheimer Reichesthal Spätburgunder R von Künstler, der noch wenig raus ließ.

Der letzte Abend

Und das Beste kommt immer zum Schluss. Kräftig "geMüllert" wird noch mal an unserem letzten Sylt Abend. Traumhafte Steinbuttbäckchen im Brickteig sind nur ein Beispiel für die göttlichen Dinge, die da aus JM's Küche auf unsere Teller kamen.

Im Glas als weißer Einstieg ein herrlicher 2005 Philippi Chardonnay mit burgundischer Pracht und Fülle, sehr mineralisch, das Holz inzwischen gut verdaut und mit guter Struktur. Zeigt sich jetzt gut gereift, aber es besteht keine Eile – WT93. Sehr kraftvoll mit unendlicher Länge der Auftritt des 1996 Chambolle Musigny Les Amoureuses von Roumier, ein Top-Burgunder der klassischen Schule mit verschwenderischer Aromatik, Rumtopffrüchten und generöser Süße – WT95. Und dann kam mit 1975 Heitz Martha's Vineyard der Wein des Abends und des gesamten Urlaubs aus einer perfekten Flasche ins Glas. Dieser derzeit beste aller trinkbaren Martha's (inzwischen besser als 74), Sieger der American Beauty 2014 vor allen 100-Punkte-Boliden und der erste Jahrgang, den Harlan-Boss Don Weaver damals in seinen 10 Jahren als verantwortlicher Winemaker bei Heitz vinifizierte, ist noch so unglaublich jung und zupackend mit explosiver Aromatik. Minze, Eukalyptus, eine dicke Zigarre und teerige Mineralität, ein Riese mit Potential für Jahrzehnte. Locker WT99, die 100 hebe ich mir noch auf, da kommt der noch hin. Als Abschluss schenkte uns "Herr Ben" noch einen immer noch blutjungen 1985 Dunn Howell Mountain ein. Dieser so lange völlig zugenagelte Stoff schält sich derzeit langsam aus seinem mächtigen Tanningerüst, braucht aber zur Reife sicher noch einige Zeit, wenn er denn jemals reif wird – WT93+.

Was für ein Abend, was für ein Restaurant, was für eine Insel. Da muss ich ganz schnell wieder hin.