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Januar 2014

Stopover im Schwarzen Adler

Für viele Weinfreaks ist der Schwarze Adler mit seiner riesigen, sehr gastfreundlich kalkulierten Weinkarte eine der Pilgerstätten überhaupt. Über einen schier unerschöpflichen Fundus gebietet die sehr charmante und kenntnisreiche Chefsommelière Melanie Wagner. Auch diesmal sind wir ihrem kompetenten Rat gefolgt. Spektakulärer Start ein sehr gut gelungener 2010 Chardonnay Sekt Dosage Zero vom Weingut Franz Keller. Mit seiner brillianten Frucht, seiner Rasse und Komplexität lässt er so manchen Champagner alt aus sehen – WT92. Keine Frage, dieses Weingut ist auf der Überholspur. Sehr überrascht waren wir auch vom 1990 Weissburgunder A des Hauses, Fritz Kellers Erstlingswerk. Der war immer noch voll da mit reifem Schmelz und schöner Edelfirne in der Nase, am Gaumen mit sehr guter Säurestruktur und burgundischer Fülle. Wir haben diesen Wein über Stunden immer wieder probiert, er baute nicht ab – WT94. Für mich war er fast ebenbürtig mit dem hoch eleganten 2001 Chevalier Montrachet von Sauzet. Das war Eleganz pur, so mineralisch, so fein mit großem Spannungsbogen, wurde mit Luft und Temperatur (die er beide brauchte) cremiger und länger – WT95. Ein Volltreffer auch der noch extrem junge, kräftige 1988 Clos Vougeot von Roumier. Das war von der ersten Anmutung ein klassischer, großer, dichter, etwas rustikal wirkender Burgunder mit pflaumiger Frucht. Ein Wein mit enormem Potential, der über den Abend immer mehr zulegte und seinen Höhepunkt wohl erst in 5-10 Jahren erreicht – WT93+. Einfach genial der noch sehr junge, kräftige 2008 Gantenbein Chardonnay, der wohl erst 3-4 Jahren seine volle Klasse zeigen wird – WT93+. Gefolgt wurde er vom seidig-animierenden 2005 Gantenbein Pinot Noir mit betörender Frucht – WT95. Von beiden Gantenbeins und auch vom nach rareren Riesling finden sich jeweils mehrere Jahrgänge zu sehr freundlichen Preisen auf der Karte.

Und natürlich haben wir reichlich Gläser mit dem Nachbartisch getauscht, wo der sympathische Braui-Küchenchef Marco seinen Geburtstag feierte. So konnte ich zusätzlich noch ein paar gereifte Bordeaux probieren. Den perfekt gereiften 1990 Chasse Spleen hielt ich mit seiner Aromatik von altem Sattelleder, Tabak und leicht teeriger Mineralität blind für einen Pessac – WT91. Immer noch blutjung der gewaltige 1996 Les Forts de Latour, der mit seiner präzisen, aber auch animierenden Frucht und seiner tollen Struktur nicht nur ein noch langes Leben haben dürfte, sondern in dieser Form ein echter Latour für Schlaue ist – WT94+. Reif, weich mit Leder, Zedernholz und feinem Schmelz der 1985 Pape Clement – WT90. Ein Höhepunkt hätte 1989 Leoville las Cases sein müssen, aber der war aus dieser Flasche enttäuschend und sang einfach nicht.

Schlichtweg ein Traum auch wieder die klassische Hochküche des Adler, die sich in ihrer Stimmigkeit und Aromatik zur völlig überbewerteten Tupferküche der derzeitigen Michelin Stars verhält wie ein großer Bordeaux zu alkoholschwangeren, überzüchteten Neue Welt Weinen. Dazu dann noch umsorgt vom schlichtweg perfekten Service in den gemütlichen, holzgetäfelten Gasträumen des Adlers sitzen zu dürfen, das ist der Himmel auf Erden.

Sehenswert ist auch das hochmoderne, neue Weingut am Ortseingang von Oberbergen mit dem dritten Keller Restaurant in Oberbergen, für das Fritz Keller mit Marcus Helfesrieder, dessen großartige Küche ich mehrere Jahre in seinem St. Moritzer Restaurant genießen durfte, einen sehr talentierten Küchenchef gewinnen konnte.

Hoher Besuch aus dem Hohen Norden

Gute Sylter Freunde machten auf dem Weg in den Süden Station bei uns. Mit im Gepäck hatten sie einen formidablen Perigord-Trüffel. Der fand seine Bestimmung in einem schlichtweg genialen Käsefondue, das meine Kochkünstlerinnen aus einer eigens selbst ertüftelten Käsemischung erstellt hatten. Ich war vorher auf Beutezug im Keller gewesen, und hatte die flüssigen Begleiter des Abends ausgewählt.

Als Apero starteten wir mit einem 2005 Dellchen GG von Dönnhoff. Immer noch taufrisch war dieses Dellchen. So fein, so elegant, fast filigran, tänzerisch, mit knackiger Säure, guter Mineralität und feiner Fruchtsüße, einfach betörend - WT93. Reifer, trockener Rheingauer vom Feinsten danach der 1999 Berg Schlossberg von Breuer, mineralisch-petrolige Nase, kräftiges Goldgelb, am Gaumen immer noch so frisch mit guter Säurestruktur und feinem Schmelz, enormer Extrakt und gewaltiger Druck für nur 12,5% Alkohol, da spielt die Musik sicher noch 10 Jahre - WT95. Viel Zeit und Luft brauchte der ebenfalls großartige, komplexe 1983 Le Montrachet von Louis Latour, tiefe, aber brilliante Farbe, burgundische Fülle, gewaltige Länge und auch die zu Anfang etwas verhaltene Nase wurde immer nussiger und mineralischer – WT95. Schon beeindruckend, welches Standvermögen seinerzeit die Weißen Burgunder hatten. Ich bezweifle sehr, dass der 2005 Meursault Clos de la Barre von Comte Lafon mal ähnlich altert. Immerhin zeigte er keine Spur der Premox-Seuche, war frisch, mineralisch mit floralen Noten in der Nase, mit Zitrusfrüchten und guter Säure – WT92. Aber gegen den sinnlichen 2009 Gantenbein Chardonnay mit seiner leicht buttrigen, nussigen Fülle und der exotischen Frucht blieb er nur zweiter Sieger – WT93. Beim Gantenbein hatte ich das Gefühl, dass er ganz langsam anfängt, seinen Babyspeck zu verlieren und dafür an Struktur und Komplexität gewinnt.

In die rote Abteilung starteten wir mit einem immer noch sehr vitalen, animalischen, kräftigen 1971 Côte Rotie Les Jumelles von Jaboulet-Ainé. Der hatte nicht nur viel altes Sattelleder, sondern auch das komplette Pferd dazu, erinnerte an die dampfenden Kaltblütler, wenn sie mit viel Lust am Laufen im Rosegtal die Schlitten durch die Winterlandschaft nach oben ziehen. Dazu natürlich dazu natürlich ein dickes Steak vom und samt Holzkohlengrill, einfach nördliche Rhone und Côte Rotie pur – WT96. Diese enorme Vitalität ließ leider der 1947 Chambertin von Calvet vermissen. Der war nicht kaputt, nicht fehlerhaft, einfach trotz guten Flaschenzustandes nur verdammt reif und schon ziemlich oxidativ, vor allem in der Nase – WT82. Wie jung und gut der Jahrgang noch sein kann, das zeigte nicht nur am Tisch Jörg Müller, sondern aus seinem Geburtsjahr auch der 1947 Imperial von CVNE mit erstaunlicher Struktur, Kraft und Länge – WT94. Noch einen Tick drüber der sehe elegante, hoch aromatische 1983 Mouton Rothschild, der immer besser wird. Wie so viele der großen, immer deutlich unterschätzten 83er (Cheval, Latour, La Mission) ist der zwar reif, baut aber nicht ab, sondern legt immer mehr zu – WT95. Vielleicht sollte ich nicht soviel darüber schreiben, sondern mehr nachkaufen. Im Vergleich zu den jüngeren Moutons, die diese Klasse erst mal erreichen müssen, ist der geradezu geschenkt. Ein burgundischer Traum als Abschluss der roten Serie der seidig-weiche, aber sehr nachhaltige 2008 Gantenbein Pinot Noir – WT94.

Ein Absacker war noch gefragt, und so fiel mir dieser 2006 Hermannshöhle GG von Dönnhoff in die Hände. Der wirkte vorne und in der Nase wieder erstaunlich reif und süß, fast etwas prall, aber dahinter sitzen eine gewaltige Struktur, die typische Mineralität und eine hohe Säure. Im Gegensatz zu vielen anderen 2006ern dürfte sich dieser große Wein wohl wieder fangen und noch für so manche Überraschung sorgen – WT94.

Trüffel à Go Go

Klar liebe ich Trüffel. Aber mir gehen die Nackenhaare hoch, wenn im Restaurant der Maitre mit weißem Handschuh und Briefwaage kommt, um dann zur scheibchenweisen Enteignung zu schreiten. Deshalb legen wir einmal im Jahr zusammen und kaufen direkt aus dem Perigord Trüffel satt. Aus denen bastelt dann der liebe Bernd ein oberaffengeiles Trüffelmenü, bei dem an Trüffeln nicht gespart werden muss. Da ist dann natürlich für jeden in einem Gang auch eine ganze Knolle im Blätterteig dabei. Und wenn sich dann noch dieser betörende Duft der Schwarzen Knollen mit dem Trüffelduft reifer Guigals mischt, dann ist der Himmel voller Geigen.

Empfangen hatte uns unser Hobby-Sternekoch mit einem 2003 Morstein GG von Klaus Keller. Reife, gelbe Früchte, Kraft, Fülle, aber auch Struktur und Mineralität und für 2003 erstaunlich gute Säure – WT93.

In der ersten Paarung des Abends standen dann 1994 Shafer Hillside Select und 1995 Shafer Hillside Select gegeneinander. Erstaunlicherweise war 94 der gefälligere, feinere mit betörender, an Caymus Special Selection erinnernder, geiler Cassis Frucht – WT98. Der 95er war der dichtere, kompaktere, verschlossenere – WT97+.

Riesenweine hat Guigal in 1988 gemacht. Und davon kamen jetzt zwei ins Glas. 1988 La Turque war der etwas offenere mit viel Weihnachtsgewürz, Zimt, Kardamon. Noch so jung und zeitlos mit tiefer, undurchdringlicher Farbe. Entwickelte mit der Zeit eine wunderbare, würzige, nicht aufgesetzte Süße und hörte am Gaumen überhaupt nicht mehr auf – WT100. 1988 La Landonne war der kräftigere, edelrustikalere von beiden mit Terroir und Trüffeln satt, ebenfalls sehr druckvoll mit unendlicher Länge – WT100. Beide Weine übrigens im „richtigen Guigal Alter“, denn große Guigals trinkt man entweder ganz jung, oder nach 15-20 Jahren.

Mit der dritten Paarung begaben wir uns nach Margaux. In bestechender Trinkform 1999 Margaux, so eine Art modernes Remake des großartigen 79ers, sehr fein, sehr elegant mit rotbeeriger Frucht, erstem süßem Schmelz, aber auch enormer Kraft und guten Tanninen – WT95. Nicht klar kam ich mit 1999 Palmer, der mit tiefer, undurchdringlicher Farbe, konzentrierter, dunkler Frucht und Kraft ohne Ende ins Glas kam. Aber er sang einfach nicht, die Palmer-typische Finesse fehlte. Das war im jetzigen Stadium eher Cindy aus Marzahn als Heidi Klum. Aber das wird sich wohl in den nächsten Jahren geben – WT91+.

Und da wir so gut drauf waren, musste schließlich auch noch die Reserveflasche dran glauben, ein 2001 Paloma Merlot. Das war eine noch rabenschwarze, opulente Fruchtbombe mit Kirschlikör, portiger Süße und Massen an süßer Bitterschokolade, die problemlos das Dessert ersetzte – WT94.