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Juni 2014

Pfingstsonntag

Auf einer der schönsten Terrassen der Republik, im Landhaus Mönchenwerth, trafen wir uns am Pfingstsonntag in freudiger Runde zu einer kulinarisch/vinologischen Miniorgie. Rotwein und Hitze ist jetzt ja nicht gerade die ideale Mischung. Aber wir wurden nicht nur durch hohe Bäume von der knalligen Sonne geschützt. Vom Rhein her wehte stets eine angenehme Brise.

Zunächst starteten wir aber mit einem schönen Riesling-Paar. Rassig mit glockenklarer Frucht und knackiger Säure der sehr mineralische, extraktreiche 2011 Berg Rottland von Breuer. Puristen mögen die nicht spürbaren 7g Restzucker dieses absolut trocken schmeckenden Weines stören. Wir freuten uns über die niedrigen 11,5% Alkohol. Großartig, was Theresa Breuer mit ihrem Team da auf die Flasche bringt – WT93. Wie gut diese Weine altern, zeigte im anderen Glas ein 1992 Nonnenberg Chartawein von Breuer. Der war immer noch so präsent und frisch mit leicht petroliger, mineralischer Fülle, mit reifen, gelben Früchten, dazu etwas Honig und Bienenwachs. Enorm druckvoll mit perfekter Struktur und sehr guter Säure, entwickelte mit der Zeit sogar burgundische Dimensionen. Da ist keine Eile angesagt – WT94.

Ganz großes Kino der 2001 Grüne Veltliner Vinothek von Knoll. Spektakulär schon die explosive Nase mit reifer Marille, weißem Pfeffer und intensiver Kräuterwürze, opulent aber nicht overdone. Am Gaumen bei aller Fülle erstaunlich finessig mit enormem Tiefgang – WT97.

Damit landeten wir in der roten Abteilung. Und was besser zu so einem Hochsommertag als Weine aus dem Sunshine State California. Den Anfang machte ein 1987 Caymus Special Selection. Immer noch kräftige Farbe, Reichlich Cassis und Kirsche, dazu Minze und Tabak, sehr elegant und stimmig mit feiner, schmelziger Süße im Abgang, immer noch so jung und vibrierend – WT96. Immer noch voll da und ohne jede Altersrunzel der 1975 Mondavi Reserve, Bordeaux-Nase mit wunderbarer Frucht, viel Minze und Sattelleder, enorme Kraft am Gaumen, der wiederum beste Pauillac-Stilistik zeigte – WT96. Kein Wunder, dass damals Mountons Baron de Rothschild den Kontakt zu Robert Mondavi suchte.

Weiter ging es mit zwei Giganten aus dem kalifornischen Traumjahrgang 1991. Eine echte Potentialbombe ist dieser 1991 Heitz Martha´s Vineyard. Sehr minzig, herrliche, kühle Frucht, ein dicker Schuss Eukalyptus, Kraft und Länge ohne Ende, wird sich mal unter die Heitz-Legenden aus den 70ern einreihen. Nur macht er auch heute schon soviel Spaß, dass in 10 Jahren wahrscheinlich nicht mehr viele Flaschen davon da sind – WT96+. Immerhin belegte dieser Wein aus einer vielleicht nicht ganz so jugendlichen Flasche auf der diesjährigen American Beauty gleich hinter der Legende 1975 Heitz Martha´s und noch vor all den modernen 100-Punkte-Boliden den zweiten Platz. Kein Wunder, dass dieser Martha´s im Markt förmlich verdunstwet ist. Voll auf dem Punkt ist 1991 Caymus Special Selection, Caymus, wie es einfach nicht besser geht. Mit dieser fast schwerelosen, so feinen, präzisen, aber trotzdem hedonistischen, süßen Frucht und feiner Minze macht dieser wein schon in der Nase verrückt. Auch am Gaumen absolut stimmig und hoch elegant mit langem Abgang, gehört für mich zu den schönsten Weinen, die Kalifornien zu bieten hat – WT99.

Noch nie auch nur annähernd so gut hatte ich 1998 Certan de May im Glas. Half da das laue Lüftchen, dass ganz schnell die bei diesem wein so oft störenden Altfassaromen aus dem Glas blies? Oder wird aus diesem hässlichen Entlein doch tatsächlich jetzt ein schöner Schwan. 1998 war in Pomerol ein Traumjahr, sicher ebenbürtig mit 2000. Und dieser verkannte Certan de May schien uns zeigen zu wollen, dass er da auch in die Topliga gehört. Mit Zeit und Luft kam da eine immer geilere, füllige Frucht mit feiner Minze, dazu am Gaumen schokoladiger Schmelz, dabei immer noch so jung mit voll intakter Tanninstruktur – WT93+. Bevor sich das rumspricht, lege ich mir von diesem Wein, den ich selbst zuletzt vor 4 Jahren noch verflucht habe („altes Fass, will aber kann nicht – WT87“) noch eine Kiste in den Keller.


Blutjung kam danach 1994 Phelps Insignia ins Glas, der mit seiner perfekten Stilistik gut eine 96er Medoc-Probe sprengen könnte. Auch hier wieder eine verschwenderische Frucht, Cassis ohne Ende, unterlegt mit feiner Minze, dazu Tabak und junges Leder. Einfach großes Kino mit reichlich Zukunft – WT96. Vergaß ich zu erwähnen, dass alle, die hier am Tisch saßen, perfekte, sehr kühle Keller haben? Das macht eine Menge aus. Nur half es leider nicht beim 1994 Beringer Private Reserve, der als kaputter, alter Wein mit kalter Pilzsuppe ins Glas kam. Berappelte sich dann mit der Zeit im Glas etwas, wurde gut trinkbar, blieb aber ein Schatten dessen, was dieser Wein eigentlich bringen müsste. Reif ist der schon ein paar Jahre, aber das war wohl entweder ein zweifelhaftes Auktionsschnäppchen, so wie etliche, amerikanische Winebid-Flaschen, wenn sie aus texanischer Veranda-Lagerung stammen. Oder ein undichter Korken hatte Luft gezogen. Schade, aber einen Ausfall kann man in so einer hochkarätigen Probe schon verschmerzen.

Denn danach kam gleich wieder reichlich Trinkfreude in die Gläser. Der Bordeaux-Jahrgang 1999 zeigt sich derzeit einfach in bestechender Form. Das zeigte sehr deutlich 1999 Mouton Rothschild, der mit jugendlicher Röstaromatik, herrlicher Frucht, süßem Schmelz, Ledersattel und der typischen Bleistiftmineralität eine herrliche Hedonisten-Operette aufführte. Und die gute Tanninstruktur dieses, noch nie so gut getrunkenen Weines zeigte, das diese Aufführung noch lange Jahre weitergeht – WT95. Kraft, Eleganz und Freude, die berühmte Eisenfaust im Samthandschuh auch beim grandiosen 1999 Margaux, der sich als moderne Version des 79ers zeigte, sicher mit Potential für noch mindestens zwei Jahrzehnte – WT95.

Voll auf Augenhöhe aus der sehr klug zusammengestellten Weinkarte dann einer meiner persönlichen Lieblingsweine, 2005 Poggio di Sotto. Für mich der Cheval Blanc der Toskana mit unnachahmlicher Eleganz, aber auch gewaltigem, aromatischem Druck. Ein Traum in Seide, der im Glas zunehmend die Pracht und Fülle eines großen Burgunders von der Côte de Nuits entwickelte. Ein Meisterwerk des legendären Piero Palmucci – WT95.

Inzwischen war um uns herum schon längst der Abendservice in vollem Gange, die ersten Frühankömmlinge waren sogar schon durch und machten sich auf den Heimweg. Das mussten wir jetzt eigentlich auch langsam tun. Doch ein Absacker musste es noch sein. Hellwach machte mich dieser 2012 Kalkofen GGvon Winning, ein Weinbaby zwar, aber mit großartigen Anlagen, sehr mineralisch mit präziser Struktur und superber Frucht – WT92+ mit Potential für deutlich mehr.

Großes Kompliment für diesen äußerst gelungenen Mittag/Nachmittag/Abend an das Küchenteam von Guy de Vries und vor allem natürlich an Restaurantchef Sascha Bürgel für absolut perfekten Weinservice. Das schreit nach Wiederholung.