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März 2015

Ein munteres, lebenslustiges, den Genüssen des Lebens gegenüber sehr aufgeschlossenes Völkchen sind die Winzer. Klar, mit verkniffenem Gesicht und asketischer Verweigerungshaltung gegenüber allem, was schmeckt, kann man keinen guten Wein machen. So war es kein Wunder, dass an allen Abenden der Prowein die Düsseldorfer Lokale zum Bersten gefüllt waren.

D´Vine Küchenparty

Ein Klassiker und so eine Art inoffizielle Prowein Eröffnung ist inzwischen die Küchenparty im D´Vine. Als Winzer hatte Toni Askitis diesmal Katharina Wechsler, Kai Schätzel, die Rings-Brüder und aus Burgund die Domaine Jadot gewinnen können.

Der Wineterminator hat es sich nicht nehmen lassen, die schon fast traditionelle Doppelmagnum aus dem eigenen Keller mitzubringen. Diesmal war es eine 1979 Leoville las Cases Doppelmagnum, aus der sich dieser Wein noch so jugendlich und in Bestform präsentierte – WT93. Die jugendliche Bestform galt natürlich auch für die anderen drei 79er auf dem Foto, Katharina Wechsler, Toni Askitis und Kai Schätzle.

Mit dabei hatte ich auch eine Risikoflasche (7cm Schwund) 1955 Beaune Teurons von Jadot. Tiefe Farbe mit wenig Altersnoten, dunkle Früchte, viel Tabak, Lakritz, enormer Druck am Gaumen, sehr mineralisch – WT95.

Eine Bombenstimmung herrschte natürlich wieder im D´Vine. Da kann man nicht gerade von einer professionellen Verkostungsumgebung sprechen. Obschon – was nützt ein Wein und dessen Bewertung, wenn sie von jemandem stammt, der morgens quasi unter Laborbedingungen spuckend vor einer großen Batterie Gläser sitzt und sich da durchquält. Ein guter Wein muss ein volles Restaurant, muss Musik, Gespräche und Fülle aushalten. Ähnlich wie ein Auto erst im Straßenverkehr zeigt, ob es wirklich was taugt. Also habe ich mich unter „Real Life Conditions“ einmal durch die Weine der anwesenden Winzer durchgetrunken.

Los ging es mit den Weinen von Katharina Wechsler aus Rheinhessen, die in 2013 mit ihren Weinen einen deutlichen Sprung gemacht hat. Offen mit feiner Opulenz der 2013 Benn (WT91). Erstaunlich kräftig und nachhaltig das 2013 Kirchspiel (WT92). Beeindruckt haben mich am nächsten Tag auf der ProWein auch die 2014er Fassproben von Katharina Wechsler, bei denen diesmal der kräftigere, substanzreichere Benn vor dem Kirchspiel lag.

Großartige Weine produziert auch Kai Schätzel. Sein 2013 Pettenthal Riesling vom Roten Hang ist puristisch mit irrer Mineralität und Länge, hoher Säure und bescheidenen 11% Alkohol, große Zukunft – WT93.

Sehr spannend fand ich auch die Weine der Rings-Brüder, die ich schon eine Weile verfolge. Ihr 2013 Saumagen Riesling ist ein Hammerteil, das für lange Jahre in die hinterste Ecke des Kellers gehört. Da wird mal was richtig Großes draus. Das gilt übrigens auch für den 2012 Spätburgunder. Bleibt zu hoffen, dass die Rings Brüder die Bodenhaftung nicht verlieren. Mit weiterkonsequenter arbeit könnten sie in ein paar Jahren die schmerzliche Lücke füllen, die Bernd Philippi hinterlassen hat.

Pizza und Burgunder

Die eigentliche Messe öffnete erst am Sonntag, aber am Samstag waren schon ein paar große Veranstaltungen, die ich natürlich wahrgenommen habe. Über 100 Weine habe ich dabei verkostet, aber alle nur gespuckt. Der Gaumen war müde, und die Leber hat sich gewundert, dass bei all dem Getöse unten nichts ankam.
Da half jetzt nur noch eine pflegliche, abendliche Spülung mit großen, reifen Burgundern, die ihre natürliche Reise durch den Körper antreten durften. Ohne Aussicht auf einen passablen Restauranttisch schlug Hartwig Fricke vor, dass wir den Probentisch in seiner Weinhandlung LaVinesse nutzten. Zu mitgebrachten Pizza und Käse spulten wir da ein feines, kleines Weinprogramm ab. Schwierig zu Anfang der 206 Rottland Alte Reben Goldkapsel von Leitz, bei dem einfach die Spannung fehlte. Tiefe Farbe, deutliche Boytritis, machte einfach nur satt – WT88. Schlichtweg genial danach die beiden Echezeaux. Voll auf dem Punkt der 1983 Echezeaux von Michel Noellat, sehr würzig, komplex mit schöner Süße – WT95. Der 1985 Echezeaux von Dufouleur hatte noch eine junge, brilliante Farbe, superbe, präzise Frucht, kalkige Mineralität, noch so frisch, so stimmig und balanciert - WT95. Beide Weine mit ihrer Komplexität, dem aromatischem Druck und der kalkigen Mineralität um Längen über allem, was heute tagsüber auf diversen Messeveranstaltungen als Pinot in die Gläser floss. Voll da auch noch der leicht strenge 1955 Vosne Romanée von Pierre Ponnelle – WT92. Enorm kraftvoll und geradezu jugendlich mit hervorragenden Anlagen der 1992 Pommard Epenots von Louis Latour – WT93+.

Im neuen Marli

Für den Prowein-Sonntag hatte ich einen Tisch im neuen Marli bestellt, wo ich mit Freunden aus aller Welt ein paar spannende, ältere Weine aus meinem Keller ihrer Bestimmung zuführte.

Der 1961 Chateauneuf-du-Pape von Saint Benoit kam rustikal mit viel Säure ins Glas, dazu mit leichter Säure und Kellermuff, wurde immer schöner, eleganter mit generöser Süße - WT91. Noch so jung und würzig mit traumhafter Frucht und großartiger Struktur als nächstes ein 1959 Richebourg von Bichot – WT97. 1959 scheint in Burgund ähnlich wie 1961 in Bordeaux ein Jahr zu sein, in dem man einfach nur gute Weine machen konnte. Alle Welt denkt bei Jaboulet-Ainé nur an Hermitage la Chapelle. Dabei gab es von diesem Erzeuger früher auch aus anderen Lagen Traumweine. So hatten wir mit diesem 1952 Côte Rotie les Jumelles den Wein des Abends im Glas, der auf den Richebourg noch eins draufsetzte. Das war Côte Rotie Côte Rotie vom Allerfeinsten, noch so unglaublich frisch, so kräftig, vielschichtig und nachhaltig – WT98. Sehr gut entwickelte sich im Glas der 1976 Grands Echezeaux von Lamarche, der immer fülliger und generöser wurde – WT93.

Eleganz pur und noch so vital der 1978 Ducru Beaucaillou mit fanzinierender Aromatik, mit pflaumiger Frucht, Zedernholz, Leder, Tabak und Trüffeln – WT94. Schlichweg atemberaubend wieder der 1951 Vina Real Reserva Especial von CVNE, ein altersfreier Riese mit dichter Farbe, Kraft und Länge, der wie eine Eins im Glas stand – WT97. Ein reifer, weicher Schmusepomerol mit schokoladiger Süße und einem Schuß Hedonismus der 1982 La Fleur Petrus – WT93. Große Überraschung zum (vorläufigen) Schluss ein schlichtweg genialer 1952 Trimoulet aus St. Emilion. Das Chateau hat kaum jemand auf dem Schirm und den Jahrgang auch nicht. Aber alte Trimoulets sind einfach eine Bank. Auch dieser hier aus einem zu Unrecht nicht im Rampenlicht stehenden Jahrgang. Noch so vital ohne Alterstöne mit druckvoller Aromatik – WT95. Da hätte auch ein deutlich berühmterer Name auf dem Etikett stehen können.

Und warum vorläufiger Schluss? Weil das Marli bebte. Hier schien sich, wie an jedem Abend, die Weinwelt versammeln zu wollen. Klar, früher kamen sie zu Franz Josef ins Schorn, heute kommen sie zu Franz Josef ins Marli. Natürlich habe ich „meinen“ Prowein Tisch für den Prowein Sonntag 2016 schon lange bestellt.

Bella Italia im Prinzinger

Ich hatte gerade im Schnelldurchlauf den nicht mal so schlechten Bordeaux-Jahtgang 2012 verkostet. Danach war mir nach einer großen Portion Spaghetti. Also schnell meinen Freund Michelangelo Saitta angerufen. Doch der meinte nur, geh zu Davide (sein Sohn) ins Prinzinger, Du wirst schon erwartet. An einer langen Tafel saßen dort angeführt von Giorgio Rivetti eine Gruppe italienischer Winzer, die zu einem feinen Menü ihre Weine verkosteten. Ehe ich mich versah, standen reichlich gut gefüllte Gläser vor mir.

Ohne den hedonistischen Kick des 11ers, aber mit mehr Struktur der mächtige 2012 Mossone, mit 15% Alkohol sicher kein Kind von Traurigkeit. Sehr fein und würzig der elegante 2006 Cocito Barbaresco Baluchin Rieserva. Der kernige, sehr kräftige 2006 Barolo Vina del Gris von Conterno Fantino mit massiven Tanninen und sehr guter Struktur. Braucht sicher noch 5-10 Jahre bis er sich eingermaßen entfaltet. Gewaltiges Potential besaß auch der 2010 Brunello di Montalcino Pianrosso von Ciacci Piccolomini d´Aragona aus diesem Brunello-Traumjahr. Der offenste Wein der Runde mit würziger Fülle, Süße, Kraft und Struktur der 2005 Barolo Vigneto Campé von La Spinetta, der mit hohem Spaßfaktor die Lebenslust des Winzers Giorgio Rivetti zeigte.

Bye Bye Prowein in der Casa Mattoni

Die Erde bebte förmlich in dieser, bis auf den letzten Platz besetzten Casa Mattoni. Eine unglaubliche, ausgelassene Stimmung herrschte hier am letzten Messeabend. Und mittendrin saßen wir, genossen die herrliche, authentische Küche und badeten in großen Weinen.

Mit Italiens großer Champagner-Alternative, dem frischen, eleganten, mineralischen 2005 Annamaria Clementi starteten wir in den Prowein Abschied – WT93+. Noch fast taufrisch unser erster Rotwein, der 1978 Solaia. Sehr minzig war dieser erste Solaia überhaupt mit viel Leder, Zedernholz und feiner Süße, sehr lang am Gaumen und absolut stimmig – WT95. Druck, Fülle, Kraft und Jugend mit immer noch wunderbarer, beeriger Frucht zeigte danach der schier unglaubliche 1985 Darmagi von Gaja, der einfach nicht altern will – WT95. Auf sehr hohem Niveau ging es weiter. Dieser 1988 Sassicaia zeigte sich wieder als der Lafite Italiens, so mineralisch, so elegant, mit so präziser Struktur und dabei immer noch so jung – WT95. Konnte da jetzt ein 1958 Barolo Classico von Serafino war aus der halben Flasche mithalten? Unglaublich, aber er konnte, so elegant, so fein mit wunderbarer, rotbeeriger Frucht, lang am Gaumen und stilistisch eher ein großer, reifer Bordeaux – WT95. Aus Alvio Tesans Geburtsjahr hatte ich noch einen 1953 Giscours in einer Segnitz-Abfüllung mitgebracht. Der zeigte sich sehr elegant ohne jeder Alterschwäche mit wunderbarem Trinkfluss – WT93. Und da außer dem lieben Alvio plötzlich auch der halbe Nachbartisch behauptete, auch aus 1953 zu sein, war die Flasche Ratz Fatz leer. Üppig, heftig, kräftig, spannend, aber auf hohem Niveau auch etwas sättigend der 1997 Redigaffi von Tua Rita – WT96. Und dann dieser 1986 Dunn Howell Mountain, der sich gegenüber der letzten Flasche vor drei Jahren noch kein bischen geändert hat, puristische Frucht, immer noch deutliche Tannine, eine sehr präzise Struktur und wirkte noch so jugendlich, aber auch erste, verhaltene Süße – 94+/100.

Und plötzlich kamen von überall her nette Menschen mit vollen Gläsern. Da hatte irgendjemand rum erzählt, hier säße der Wineterminator mit seinen Freunden. Ein heftiger 2012 Palazzi von der Tenuta di Trinoro machte den Anfang (und gab mir mit seinen 15,5% fast den Rest), erinnerte mich an den Redigaffi, den wir vorher hatten, nur jünger, zeigte aber bei aller Fülle eine erstaunliche Eleganz und Finesse – WT93+. Ich habe danach noch an vielen, weiteren Gläsern mit spannenden Weinen genippt, aber nicht mehr mitgeschrieben. Am nächsten Tag hätte ich das eh nicht mehr lesen können.

Ein genialer Messeabschlussabend war das. Der Tisch für 2016 ist bereits gebucht.