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Mai 2017

Dinner bei JM mit Bo Barrett

Klar hatte ich mir die Montelena Präsentation mit Bo Barrett nicht entgehen lassen und war extra dafür nach Sylt geflogen. Aber ich hatte mir ausbedungen, dass der gute Bo über Nacht bleibt und mit mir in kleinem Kreis noch bei Jörg Müller zaubert. Schließlich gab es ja außer der grandiosen Müller-Weinkarte noch eine faustdicke Überraschung aus meinem Keller und ein paar andere Trouvaillen.

Genialer Start die 2004 Hochheimer Hölle Auslese trocken von Künstler, immer noch so blutjung, so rassig und brillant mit intensiver Mineralität. Große Hölle und großer 2004er mit noch langer Zukunft – WT96. Schappatmung konnte man dann beim nächsten Wein bekommen, denn was diese 2005 Niedermenninger Herrenberg Auslese trocken*** von Molitor da ins Glas brachte, war einfach nicht von dieser Welt. Brilliantes Goldgelb, süß wirkende, verschwenderische Nase, natürlich mit spürbarer Boytritis, die hier aber alles andere als stören war, am Gaumen absolut trocken, Schiefer pru zum dran lutschen, so ein unglaublicher Druck, so eine Komplexität und so eine irre Länge, das kann man mit Worten eigentlich kaum beschreiben. Das muss man einfach erleben – WT98.

Und dann kam meine Überraschung für Bo. Der hatte seinerzeit zum Abschied seines Mentors und großen Vorbildes John Rolleri diesen 1984 Chateau Montelena Zinfandel John Rolleri Reserve gemacht, Zinfandel, wie er besser kaum geht. Traumhaft die sehr ätherische, würzige, pfeffrige, auch lakritzige Nase, am Gaumen sehr facettenreich mit irrer Würze, wild im positiven Sinne, im Gegensatz zur leicht süß wirkenden Nase absolut trocken, da war jede Menge Spaß im Glas – WT96.

Dann ging es weiter ins Burgund. Riesen-Überraschung der 1989 Vosne Romanée Aux Reas von Francois Gerbet, so dicht, so komplex, so lang, ein großer Burgunder mit noch viel Zukunft – WT96. Ja, Burgund ist ein Minenfeld mit riesengroßen Weinen zu riesenhohen Preisen, aber eben auch viel Schrott, den es ebenfalls nicht geschenkt gibt. Da freut einen eine solche Trouvaille, die nicht die Welt gekostet hat, um so mehr. Da konnte natürlich der 1967 Gevrey Clos St. Jacques von Henri Esmonin aus einem eher schwierigen Burgunderjahr nicht mit. Aber auch dieser Wein aus großer Lage war zwar reif, entwickelte im Glas aber so einen feinen Schmelz, so eine geradezu dekadente, malzige Süße, das war schon toller Genuss – WT93. Henri Esmonin ist übrigens der Großvater von Silvie Esmonin, die das Gut heute führt. Henri Esmonin hatte 1954 aus der Monopollage von Comte de Moucheron 1,6 ha erworben, 2,2 ha gingen an Armand Rousseau, 1 ha ging an Fourrier und 2 ha an Clair-Daü.

Der Abend war noch nicht zu Ende. Mit Jörg Müllers großartiger Küche als Grundlage machten wir weiter mit Bordeaux. Erstaunlich schön präsentierte sich der 1966 Leoville Poyferré. Schlank, mineralisch mit pfeffriger Zimtnote und feiner Süße, sehr stimmig und ausgeglichen ohne Alter – WT94. Sehr früh hatte uns Herr Ben den 1970 Latour dekantiert, und das war auch gut so. Dieser große Latour, der ohne weiteres mit den modernen Latour-Legenden mit kann, braucht einfach 3-4 Stunden Luft, um sich voll zu entfalten und alles zu zeigen. Und das tat dann dieses sehr dichte Kraftpaket mit der Latour-typischen Walnussnote auch, einfach sensationell – WT100. Der dann noch folgende 1992 Margaux war dann eher so, wie wenn die Band zum Ende eines Rockkonzerts noch ein Schlaflied spielt. Ein immer noch gut trinkbarer, feiner, aber kleiner Wein, der die besten Jahre längst hinter sich hat – WT85.