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September 2017

Auf der Marli-Terrasse

Ein Traumnachmittag/abend war das mit Franz Josef Schorn und seiner Claudia auf der Terrasse des Marli. Grosse Weine, wunderbare Küche und viel Freude, nicht nur im Glas. Aber den umstrittenen und so häufig fehlerhaften 2007 Kallstadter Saumagen Auslese trocken RR mal absolut perfekt im Glas haben zu dürfen, und das noch mit sehr überzeugendem Rahmenprogramm, das hatte was.

Gestartet sind wir mit einem würzig-cremigen 2016 Schlossböckelheimer Königsfels von Harald Hexamer. Ich war nicht immer ein Freund der Hexamer Weine, aber das hier ging durchaus Richtung GG Qualität zum QbA Preis – WT92. Mit seiner intensiven, kalkigen Mineralität, mit Kraft, Struktur und immensen Strahlkraft war dann der 2007 Kallstadter Saumagen Auslese trocken RR von Koehler-Ruprecht ohne Korkprobleme endlich mal das eigentlich erwartete Monument, ganz großes Riesling-Kino, muss sich auch hinter größten Burgundern nicht verstecken - WT99. Nicht so weit dahinter der 2007 Niedermenniger Herrenberg Auslese trocken** von Molitor, ein würziger Schiefercocktail mit süßer Fülle, der noch zulegen und an Struktur gewinnen wird - WT96. Sehr stark aus kühlerem Jahr auch der 2008 Kallstadter Saumagen Auslese trocken R von Köhler-Ruprecht, der noch eine große Zukunft hat und ebenfalls weiter zulegen dürfte - WT96. Eher Balsamico aber mit generöser Süße durchaus trinkbar die Risikoflasche 1975 Dôle les Mazots - WT81. Traumhaft schön mit dunkelbeeriger Pracht und Fülle, aber auch noch Röstaromatik der kräftige 2009 Pinot Noir von Friedrich Becker - WT95. Danach verkosteten wir dann drei Spätburgunder aus 2011 gegeneinander. Das 2011 Oberrotweiler Eichberg Spätburgunder GG von Salwey war der frischeste der drei, schlank, fruchtig mit viel Säure und guter Zukunft - WT92+. Sehr kräftig, druckvoll, mit reifer Schwarzkirsche das 2011 Bombacher Sommerhalde Spätburgunder GG von Huber - WT93+. Sehr fein, schlank, elegant (Franz Josef: der französischste) der 2011 Blaue Spätburgunder SJ von Johner - WT92+. Alle drei jede Suche wert.
Und dann kam zum Schluss noch eine irre 1989 Spätburgunder Rosé TBA von Friedrich Becker mit nicht spürbaren 15,9% Alkohol. Absolut geniales, hoch aromatisches Zeugs, dem die fast 30 Jahre Reife gut getan haben, wirkte mit gut balancierter Süße wie ein Rosé von Yquem - WT96.

Mit dem Geheimtipp beim Geheimtipp

Nutzen muss man sie einfach, diese letzten Abende des Altweibersommers. Wir taten das bei und mit Michael Krieg im gemütlichen Hof des Passion du Vin. Im Glas zunächst aus einer perfekt gelagerten Magnum ein beeindruckender 1964 Cantemerle. 1964 war vor allem im Medoc durch den zur Unzeit einsetzenden Herbstregen ein schwieriges Jahr, doch auf Cantemerle hatte man wohl alles richtig gemacht. Der war noch so frisch, so elegant und immer noch voller Leben, die Nase an frisch gebackenen Pflaumenkuchen erinnernd, dazu Minzfrische, Leder, Zedernholz und ein gutes Rückgrat für noch lange Jahre -WT92. Und damit passte der Geheimtipp Cantemerle zum Geheimtipp Passion du Vin. Beide sind eine Entdeckung wert.

Mehr hatte ich von 1983 Gaffelière erwartet, der trotz dichter, junger Farbe reifer als der 18 Jahre ältere Cantemerle wirkte, weich, füllig mit Waldboden und etwas rustikalem Charme - WT88. Aber dieser ehemals Cheval Blanc für Schlaue, der früher als Gaffelière-Naudes brillierte, war wohl in eine Phase der Selbstfindung. Seit ein paar Jahren geht es bei Gaffelière wieder deutlich aufwärts. Deutlich jünger wirkte dagegen der 1983 La Lagune, ein klassischer, etwas sehniger, aber stimmiger Medoc, der seinen Höhepunkt noch immer nicht erreicht zu haben scheint - WT90. Wer gut gelagerte, ältere. La Lagunes findet, z.B. aus 26(!), 59, 61, 64, 66 oder 70, sollte zugreifen bevor ich das tue.